ARCH+ 201/202

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Erschienen in ARCH+ 201/202,
Seite(n) 174-177

ARCH+ 201/202

Temporäre Kunsthalle Berlin

Von brandlhuber +

Im Dezember 2005, kurz vor dessen Abriss, fand die Ausstellung „36 x 27 x 10“ des Teams White Cube Berlin im entkernten Palast der Republik statt. Der große Erfolg der nur elf Tage dauernden Ausstellung führte dazu, dass seitdem die Debatte um die Notwendigkeit einer dauerhaften Kunsthalle für zeitgenössische Kunst durch die Berliner Kulturpolitik spukt. So wurde 2008 auf Privatinitiative die Temporäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz realisiert, die 2010 wieder abgebaut wurde.

Nachdem der Regierende Bürgermeister und Kultursenator von Berlin, Klaus Wowereit, im ersten Anlauf daran scheiterte, die Kunsthalle mit Hilfe des Investors Nicolas Berggruen am Humboldthafen zu realisieren, hat er im Zeichen des nahenden Wahlkampfs das Thema wieder weit oben auf die Agenda gesetzt. Auch wenn Wowereit nie verhehlte, dass das Prestigeprojekt für ihn eng mit der Entwicklung und Vermarktung der Brachflächen am Humboldthafen zusammenhängt, ist es ihm bisher nicht gelungen, das übliche Prinzip der Inanspruchnahme von Kunst im Dienste der Stadtentwicklung durch das Abgeordnetenhaus zu bringen. Die Mehrheit ist zu Recht skeptisch, ob Berlin noch eine Institution braucht, deren Finanzierung und langfristigen Unterhalt nicht gesichert ist – von den vielen bereits heute unter Sparzwang stehenden Theatern, Opernhäusern und Museen sowie zig darbenden privaten Kunstinitiativen der Stadt ganz zu schweigen.

Um Wowereit nicht vollends zu düpieren, haben die Regierungsparteien nun die Entscheidung auf die Zeit nach der Wahl vertagt und statt des geforderten Budgets von 30 Mio. Euro für ein Kunsthallenprojekt rechtzeitig vor der Wahl 600.000 Euro für eine temporäre „Leistungsschau junger Kunst aus Berlin“ bewilligt, die der Bürgermeister als Testlauf für den Standort verkaufen kann. Dazu wurde ein nicht offener Wettbewerb ausgerufen, von dem bisher, auch Monate nach der Entscheidung im Dezember 2010, nicht bekannt ist, welche Büros, 21 sollen es gewesen sein, eingeladen wurden. Bekannt hingegen sind die zugkräftigen Namen der drei kuratorischen Berater, Klaus Biesenbach, Hans Ulrich Obrist und Christine Macel. Das Konzept sieht vor, dass vier Jungkuratoren die Berliner Kunstszene unter die Lupe nehmen und mittels einer offenen Ausschreibung eine exemplarische Auswahl vornehmen. Erneut soll damit in eine temporäre Zwischenlösung investiert werden, die keine Perspektive bietet, zu einer permanenten Institution ausgebaut zu werden.

Inzwischen ist immerhin bekannt, dass raumlabor berlin den Zuschlag bekommen haben. Ebenso bekannt ist, dass brandlhuber+ einen intelligenten Vorschlag einreichte, der die stadtentwicklungspolitischen und wahlkampftaktischen Implikationen geschickt umgeht bzw. für sich nutzt, um erstmals einen Weg aufzuzeigen, wie Berlin tatsächlich zu einer, noch dazu kostengünstigen permanenten Kunsthalle kommen könnte. Wir stellen im Folgenden die beiden Entwürfe vor.

Als Arno Brandlhuber zum Wettbewerb eingeladen wurde, stellte sich sein Team die Frage nach dem Sinn der geschilderten, kurzfristig gedachten Kulturpolitik. Aber anstatt sich zu weigern, bei diesem durchsichtigen Manöver mitzumachen, wie viele in der aufgebrachten Kunstszene es nun verlangen, entschieden sich brandlhuber+ für eine subversive Strategie.

Das Team reichte zum Wettbewerb für die temporäre Ausstellungshalle am Humboldthafen ein Projekt ein, das die Ausschreibung in allen Punkten erfüllt – insbesondere betreffend der Einhaltung des knappen Budgets von 300.000 Euro –, jedoch einen anderen Standort vorschlägt. Das Konzept bezieht sich auf ein Areal am Humboldthain in der Nähe des Gesundbrunnens. Hier liegt umgeben von heterogenen Bauten und großen Bahnhofsanlagen das ehemalige Gelände des Fußballclubs Hertha BSC. Anfang der 90er Jahre hatte ein Investor das 8.200 Quadratmeter große Grundstück erworben und begonnen, einen Sportpark mit Hotel und unterirdischen Squash-Hallen zu errichten. Während der Bauarbeiten am Untergeschoss ging die Firma in die Insolvenz und das Bauvorhaben musste abgebrochen werden. Das Grundstück ging wieder in das Eigentum des Bezirks Mitte über und wird seither als „Problem verwaltet“. Obwohl die Strategie der Aneignung von Brachflächen und Bauruinen in Berlin längst erprobt ist, wurde das Potential des Areals bisher nicht wahrgenommen. Die leerstehende Investorenruine bietet laut Brandlhuber, der mit seinem Wohn- und Galeriegebäude in der Brunnenstraße bereits Erfahrung im Umgang mit solchen vorgefundenen Situationen gesammelt hat, ideale Voraussetzungen:

„Ich glaube, dass es eine berlinspezifische Kompetenz im Umgang mit vermeintlichen Problemfällen, Restflächen, zeitlichen Überhängen gibt. Also all das, was sich in der Clubszene Berlins, bei Umnutzung, Zwischennutzung, usw. inzwischen als starke Qualität erwiesen hat. Und genau diese spezifische Erfahrung könnte man dort fortschreiben. Das ist eben kein geschichtsloser abstrakter White Cube, sondern der Ort besitzt eine Vorgeschichte. Es existieren dort bereits Räume, die in ihren Höhen, Breiten und Belichtungsoptionen ideal für Auseinandersetzungen im Kunstfeld sind.“

Der Charme des Vorschlags liegt einerseits im emotionalen Wert, den das Hertha BSC-Gelände für den Arbeiterbezirk Wedding besitzt. Dadurch kann der Kunstbetrieb mit dem Standort eine Verbindung eingehen, die positiv auf die Umgebung ausstrahlt, ohne dass die angestammten Bewohner sich fremd fühlen. Andererseits bietet das Projekt auch finanzielle Vorteile: Die im Untergeschoss untergebrachte Halle besteht bereits und könnte leicht für Ausstellungszwecke hergerichtet werden. Der Ort könnte sukzessive um weitere Nutzungen, wie z.B. Künstlerateliers und Wohnen ergänzt werden. Die Gewinnabschöpfung aus der Entwicklung des Grundstücks bringt Finanzierungsoptionen für den Kunstbetrieb mit sich. Sofern die Stadt nicht als Betreiber auftreten will, sind alternative Finanzierungsmodelle denkbar. Ein Szenario sieht vor, dass ein Team um Brandlhuber u.a. in Kooperation mit BARarchitekten, ebers architekten und Kaden/Klingbeil das Grundstück mit kollektivem Know-how und geteilten Kompetenzen bis zum zweiten Geschoss entwickelt. Alles darüber hinaus könnte die Stadt zur Refinanzierung des Grundstücksdeals entweder in Eigenregie oder mit Hilfe eines Investors gewinnbringend vermarkten. Dadurch wäre das Kunsthallenprojekt realistisch umsetzbar.

Kurz nach Einreichung des Vorschlags wurde bekannt, dass das Areal wenige Wochen zuvor zu sehr günstigen Konditionen an einen privaten Investor verkauft wurde. Dieser wolle, so ist zu hören, die vorhandenen Hallen aufgrund der starken Nachfrage nach großen Bankettsälen für türkische Hochzeiten einrichten. Ob Brandlhubers Konzept nun hinfällig ist oder ob eine Kooperation mit dem neuen Eigentümer verhandelt werden kann, ist noch unklar. Der Vorschlag gibt in jedem Fall einen Anstoß, die aktuelle Debatte neu zu denken: einerseits im Bezug auf eine (permanente) Berliner Kunsthalle, andererseits im Bezug auf die Vergabe von Grundstücken, die sich im Besitz der öffentlichen Hand befinden.

Aktualisierung: Nach Drucklegung dieses Heftes wurde bekannt, dass die Kuratoren der Ausstellung auf die Kritik der Berliner Kunstszene reagiert haben und den Standort kurzerhand in den Monbijou-Park verlegt haben. Es ist fraglich, ob sich das ausgewählte Konzept von raumlabor ohne Weiteres auf den neuen Standort übertragen lässt, da hier das Thema der Zwischennutzung, wie im Brandlhuber-Vorschlag, im Vordergrund steht. taz vom 26.2.2011 Berliner Zeitung vom 26.2.2011

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