ARCH+ 203

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Erschienen in ARCH+ 203,
Seite(n) 6

ARCH+ 203

Den postfossilen Wandel als Chance nutzen!

Von Böhm, Florian

Diese positive Bewertung des Verzichts auf Mobilität ist keineswegs neu. Geistesgeschichtlich lässt sich dies mindestens zu dem berühmten, im Jahr 1640 veröffentlichten Satz von Blaise Pascal: “J'ai souvent dit, que tout le malheur des hommes vient de ne savoir pas se tenir en repos dans une chambre.” Auch dürfte es zu den gesicherten Erkenntnissen der Verkehrswissenschaft – unabhängig davon, ob sie sich im Sinne von Herrn Schubert als kritisch bezeichnet oder nicht – gehören, dass eine Erhöhung des Raumwiderstands zu einer Reduktion der Verkehrsleistung und damit des Energieverbrauchs führt. Gleichwohl werden sich die Wünsche der Bürger und die Herausforderungen einer mobilen Gesellschaft allein durch die Stadt der kurzen Wege und die Forderung nach einem Verzicht auf Mobilität kaum lösen lassen. Hier war es Ziel meines Beitrages, Wege zur Entkopplung von Verkehrswachstum und Energieverbrauch oder Emissionen zu untersuchen. Ebenso habe ich hierzu vorhandene Ansätze aufgezeigt und ihre Umsetzbarkeit dargestellt. Dabei ist die Kernaussage, dass die heute gewohnte Mobilität auch ohne Öl technisch möglich und in den nächsten Jahrzehnten realisierbar ist. Diese These wird beispielsweise durch die Erfahrungen aus den laufenden Modellregionen und -projekten sehr deutlich gestützt. In vielen Bereichen wie z. B. der Logistik, dem Öffentlichen Verkehr mit Bussen und Bahnen oder der Anwendung in Car-Sharing-Flotten ist die Elektromobilität schon heute alltagstauglich und kann Antriebe mit Verbrennungsmotoren ersetzen. Für den Überlandverkehr bewähren sich zunehmend Technologien zur Reichweitenverlängerung wie Hybridantriebe oder Brennstoffzellen im Erprobungseinsatz. Im Schwerverkehr oder in der Luft- und Seefahrt sind aufgrund der erforderlichen Energiemengen alternative Kraftstoffe und Antriebe schwieriger zu realisieren. Aber auch hier sind erfolgversprechende Ansätze erkennbar. Es ist aber auch klar: Diese Technologien sind nicht zum Nulltarif erhältlich. Eine Umstellung des Verkehrssystems auf regenerative Energieträger ist eine gesellschaftliche Investition großen Ausmaßes. Eine auf regenerativen Energien basierende postfossile Mobilität wird daher teurer sein als eine herkömmliche zu Zeiten billigen Öls. Sie wird aber angesichts des immer knapperen und teureren Öls immer noch erschwinglicher sein als wenn wir den Weg der Nutzung fossiler Brennstoffe nicht verließen. An der Preistafel jeder beliebigen Tankstelle lässt sich schon heute erkennen: Mobilität wird teurer. Daher müssen wir bewusst damit umgehen. Schon allein aus diesem Grund wird die Bedeutung effizienterer kollektiver Verkehrsmittel wie Bus und Bahn zunehmen. Und wir müssen an diejenigen Menschen denken, für die Mobilität eine wichtige Voraussetzung dafür darstellt, dass sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Hier muss Mobilität erschwinglich sein. Aus diesen Beispielen wird deutlich: Es geht insbesondere darum, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Mehr als fragwürdig wäre es, wenn beispielsweise Lebensmittel in einer postfossilen Gesellschaft aufgrund von steuerlichen Anreizen quer durch Europa transportiert werden. Nachhaltigkeit im Verkehr bedeutet keineswegs, wie Herr Schubert vermutet, es der Umwelt recht zu machen. Aufgabe und Ziel ist es vielmehr, eine Mobilität zu gewährleisten, die die Lebensgrundlagen heutiger und künftiger Generation nicht zerstört und gleichzeitig erschwinglich bleibt. Nur so können die Mobilitätsbedürfnisse einer wachsenden Menschheit in Nord und Süd, in Ost und West auch in Zukunft erfüllt werden. Die Umsetzung einer nachhaltigen Mobilität muss im Kontext des Wirtschaftssystems gesehen werden. Denn es ist evident, dass ein Zusammenhang zwischen Verkehrsverbindungen und wirtschaftlichem Wachstum oder der Schaffung von Arbeitsplätzen besteht. Die Umsetzung einer postfossilen Mobilität könnte daher Arbeitsplätze sichern oder neue schaffen. Dieses Potenzial ist den Kosten z. B. für Forschung und Entwicklung, neue Infrastrukturen oder die Erneuerung der Fahrzeugflotten gegenüberzustellen. Mobilität ist kein Selbstzweck. Ebenso wenig ist der Verzicht auf Mobilität ein Sachzwang oder per se emanzipatorisch. Die Frage, wie mobil wir sein wollen, kann nur Ergebnis eines bewussten und informierten Abwägungsprozesses sein.   Quellen: . Europäische Kommission (Herausgeber): Weißbuch “Fahrplan zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum – Hin zu einem wettbewerbsorientierten und ressourcenschonenden Verkehrssystem”; Dokument KOM(2011) 144 endgültig vom 28.03.2011; Brüssel 2011 . Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW) GmbH: Jahresbericht 2010, Berlin 2011.(http://www.now-gmbh.de/die-now/publikationen/ now-jahresbericht-2010.html) . Nationale Plattform Elektromobilität (Herausgeber): Zweiter Bericht vom 16.05.2011; Berlin 2011 . Pascal, Blaise: Pensées de M. Pascal sur la Religion et sur quelques autres sujets,qui ont esté trouvées après sa mort parmy ses papiers. Troisiéme Edition. A Paris, Chez Guillaume Desprez, rue Saint Jacques, à Saint Prosper, Paris 1670 (http://fr.wikisource.org/ wiki/Pensées/Édition_de_Port-Royal)

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