ARCH+ 203

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Erschienen in ARCH+ 203,
Seite(n) 6-7

ARCH+ 203

NS-Architektur: Macht- und Symbolpolitik / Rezension

Von Schubert, Dirk

Tilman Harlander, Wolfram Pyta (Hrsg.) NS-Architektur: Macht und Symbolpolitik Kultur und Technik Band 19 23,4 x 16 x 2,2 cm, 270 Seiten, bebildert LIT Verlag Berlin, 29,90 Euro ISBN 978-3-6431-0944-6

 

War die Aufarbeitung der NS-Architektur nach 1945 zunächst tabu, ging es dann um personelle Kontinuitäten und schließlich folgend um komplexere Fragen von Brüchen, Verwerfungen und vertiefende thematische Zugänge. Das festgefügte Bild der “Nazi-Architektur” geriet damit ins Wanken. Der Band reiht sich hier ein. Es geht um die Selbstdarstellung des NS-Regimes, um Architektur und Städtebau als Macht- und Symbolpolitik. Das anschwellende wissenschaftliche Schrifttum und weitere Auswertungen von Archivbeständen ermöglichen neue und differenziertere Zugänge und Fragestellungen.

Von Christoph Raichle wird die symbolische Machtausübung durch Architektur im Kontext charismatischer Herrschaft vom “Erzeuger” bis zum “Verbraucher” hinterfragt. Bei diversen Großereignissen setzte Hitler gezielt auf Nähe und/oder Distanz und die entsprechende baulich-räumliche Kulisse. Werner Durth rekurriert auf Hitlers frühe Äußerungen, Baumeister und Architekt werden zu wollen. Die Planungen für Weimar und Berlin und die entsprechenden Akteure werden dabei beispielhaft analysiert. Sie spiegeln den Gestaltungswillen des Führers, der den Ehrgeiz von Architekten wie Albert Speer ausnutzte. Letzterer konnte als Voraussetzung für seine Planungen “Judenfreie Gebiete” in Berlin vermelden. Harald Bodenschatz lenkt den Blick auf den faschistischen Städtebau in Italien und die Hauptstadtplanungen in Rom. Dabei werden verschiedene Phasen unterschieden, in denen unterschiedlich akzentuiert und selektiv das “alte Rom” als Zeugnis historischer Größe bemüht wird. Der Autor verweist auf die verblüffend unkritische Einschätzung des Wirkens von Architekten und Städtebauern nach 1945, die weitgehend als unpolitische Fachleute “rehabilitiert” wurden und – anders als in Deutschland – auch weiter ihre Affinität zu politischen Überzeugungen des Faschismus artikulieren konnten. Beiträge über die faschistische Besatzungs- und Baupolitik Italiens in Libyen und über Spanien hätten hier die Vielfalt faschistischer Architekturen noch weiter ausloten können.

Die Ordensburgen der deutschen Arbeits front bilden einen besonderen Bautypus, in denen die zukünftige Führungselite des NSStaats geschult werden sollte. Michael Flagmeyer untersucht nicht nur die baulichen Zeugnisse wie die Ordensburg in Sonthofen und Vogelsang, sondern auch das Ausbildungskonzept für den “Führernachwuchs”. Nach einer vordergründigen “Entnazifizierung” durch das Abschlagen der NS-Herrschaftssymbole wurden einige Einrichtungen dann von der Bundeswehr genutzt. Das Olympische Dorf in Berlin ist bisher gegenüber dem Olympiastadion von Werner March noch nicht hinreichend analysiert worden. Emanuel Hübner untersucht die Neuplanungen nach der Machtübernahme, die ein völlig neues Konzept mit einer Gartenstadt als Olympischem Dorf 14 km westlich von Berlin vorsahen. Die Wehrmacht trat offiziell als Bauherr auf und von vornherein war ein militärisches Nachnutzungskonzept einbezogen.

In dem Beitrag von Jo Sollich wird das Architekturbüro von Herbert Anton Rimpl (“Rimpls Laden”) als eines der größten Büros in der NS-Zeit untersucht. Über den Bau von Flugzeugwerken und Werkssiedlungen profilierte sich Rimpl und erhielt schließlich diverse Großaufträge wie den Bau der “Stadt der Hermann Göring Werke” (Salzgitter) und Beauftragungen von Albert Speer. Rimpl baute dabei einen “Architekturkonzern” mit 1.000 Mitarbeitern auf, um die Großaufträge professionell mit fordistischer Arbeitsweise erledigen zu können. Ähnliche Rationalisierungsformen waren auch im Wohnungsbau intendiert. Arne Keilmann analysiert die Planungen zum Wohnungsbau nach dem Kriege der Akademie für Wohnungswesen e.V., die als Forschungseinrichtung den Reichswohnungskommissar bei der Erzielung von Höchstleistungen im Wohnungs- und Siedlungswesen unterstützen sollte. Damit verschoben sich die Schwerpunkte hin zur praktischen Erforschung von Baustoff-, Wirtschaftlichkeits- und Normungsfragen. Durch die zunehmenden Luftangriffe und Verluste an Arbeitsmaterialien galt es dann ab 1943, auf Behelfsbauten zu konzentrieren. Die ursprünglichen wohnungsreformerischen Ideale der 1920er Jahre gerieten dabei immer mehr ins Hintertreffen, und man verstrickte sich ausweglos in das NS-Herrschaftssystem.

Stuttgart als “Stadt der Auslandsdeutschen” ist bisher in der Reihe der Führer- und Gaustädte wenig erforscht worden. Roland Müller beleuchtet die schwäbische Gauhauptstadt, die es nicht in die Reihe der Führerstädte geschafft hatte, und Pläne zwischen pragmatischen Konzepten und ideologischem Überbau. Gauforum, Rathausneubau waren zen- trale Themen neben der Option, den Hauptbahnhof zu verlegen, die damals schon erwogen, aber als nicht realisierbar eingestuft wurde. Damit ist der Bogen zur einflussreichen Stuttgarter Architekturschule geschlagen, die von Dietrich W. Schmidt in ihren Kontinuitätslinien seit den 1920er Jahren nachgezeichnet wird. Die Protagonisten der Schule mussten nach rationalem Pragmatismus, Heimatstil und Pragmatismus einen schwierigen Spagat zum “unauffällig natürlichem” unternehmen. Der Autor skizziert die Aura und die Wirkungsmacht dieser wichtigen Ausbildungsstätte für Architekten.

Paul Bonatz, eines der führenden Mitglieder der Stuttgarter Schule, wird hier in dem Beitrag von Roland May vor allem als Brückenbauer bewertet. Mit den Reichsautobahnen, dem umfangreichsten Verkehrsinfrastrukturprojekt der Zeit, entstanden viele Brückenbauaufgaben. Die ingenieurmäßige Gestaltung war dabei von einer Ambivalenz zwischen “Werkgerechtigkeit” und “konstruktiver Ehrlichkeit” gegenüber der monumentalen Ausdrucksarchitektur gekennzeichnet. Wolfgang Voigt untersucht die deutschen Planungen und Bauten im annektierten Elsass von 1940-44 und die baulich-räumlichen Folgen der “Rückdeutschung”. Obwohl die Administration ausgetauscht und anderes planendes Personal hinzu kam, blieben Nischen und Testfelder für neue Planungskonzepte. Basierend auf einer Hitlerskizze, die eine Art Weisungscharakter bekam, wurde ein Wettbewerb für ein “Neues Straßburg” ausgeschrieben. Viele Bauten und Vorhaben – so weist Voigt nach – atmeten den Geist der Stuttgarter Schule.

Die NS-Planungen im Osten sind bereits umfänglich recherchiert worden. Karl. R. Kegler untersucht dabei bisher wenig beachtete Perspektiven. Die geplante Aussiedlung aus dem Westen und die Umsiedlung in den Osten hätte erhebliche Arbeitskräfte abgezogen, schrumpfende Städte entstehen lassen und wäre mit einer Überalterung der Bevölkerung einher gegangen, aus dem “Volk ohne Raum” drohte ein “Volk ohne Jugend” zu werden. Die Arbeiten von August Lösch, Konrad Meyer, Gottfried Feder und Walter Christaller beinhalten pseudowissenschaftliche neue Perspektiven der Raumforschung, die Richtwerte sind allerdings meist grob “gegriffen” und werden folgend problemlos für die Deportationen und Ziele des Generalplan Ost instrumentalisiert. Im Beitrag von Wendelin Strubelt, Jörg Blasius und Detlef Briesen geht es weiter ausgeholt um Raumplanung und Raumforschung im 20. Jahrhundert im Spannungsfeld gesellschaftlicher und technischer Entwicklung. Die Autoren verweisen auf die gedanklichen und personellen Kontinuitäten, die die Raumordnung und Raumplanung zu brutalen Instrumenten der “Umgestaltung” in Osteuropa degenerieren ließen. In welchem Kontext das mit vielen Belegen ausgeführte aktuelle Thema der Gentrification zum Titel dieses Bandes steht, erschließt sich nicht. Kontinuitäten von Leitbildern wie der “Ortsgruppe als Siedlungszelle” zu Nachbarschaftsmodellen werden dagegen nicht ausgeführt.

Sind viele Architektenbiographien, Bauten und Planungen inzwischen weitgehend ausgeleuchtet, geht es in diesem Band fokussiert um die Frage der Vermessung der dynamischen Interaktion zwischen Ästhetik und Politik, um Wahrnehmungspraktiken und Deutungsmuster. Der Band – Ergebnis eines Symposions 2009 in Stuttgart – versammelt damit spannende neuere Arbeiten, die auf der Basis der Auswertung von Archivbeständen und Nachlässen Forschungslücken schließen und neue Fragestellungen eröffnen. Warum allerdings so wenig auf den längst vorhandenen Stand der Forschung (wie z.B. H. Franks, Faschistische Architekturen, 1985) rekurriert wird, erschließt sich dem Rezensenten nicht. Vor allem der Einfluss und die Rolle der einflussreichen Exponenten der “Stuttgarter Schule” zieht sich wie ein roter Faden durch den auf Südwestdeutschland konzentrierten Band. Redundanzen lassen sich in einem derartigen Sammelband nicht ganz vermeiden, ein Register allerdings wäre hilfreich gewesen.

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