ARCH+ 203

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Erschienen in ARCH+ 203,
Seite(n) 8-9

ARCH+ 203

Die Stadt im 20. Jahrhundert. Visionen, Entwürfe, Gebautes / Rezension

Von Schnell, Angelika

Vittorio Magnago Lampugnani Die Stadt im 20. Jahrhundert. Visionen, Entwürfe, Gebautes 2 Bände im Schuber, 29 x 21,6 x 9,2 cm 912 Seiten, 640 meist farbige Abb. Verlag Klaus Wagenbach, 128 Euro ISBN 978-3-8031-3633-6

“La città, oggetto di questo libro, viene qui intesa come una architettura.” – “Stadt wird in diesem Buch, dessen Gegenstand sie ist, als Architektur verstanden.” So lautet der erste Satz von Aldo Rossis L’architettura della città (Die Architektur der Stadt), bald schon ein halbes Jahrhundert alt. Fast genauso leitet Vittorio Magnago Lampugnani in sein bei Wagenbach erschienenes zweibändiges Werk Die Stadt im 20. Jahrhundert. Visionen, Entwürfe, Gebautes ein: “Der Gegenstand dieses Buches ist ... die Stadt, genauer: die Stadt in ihrer architektonischen Dimension.” Das Fast-Zitat ist natürlich kein Zufall. Lampugnani betont, dass zwar “die zahlreichen und komplex miteinander verwickelten Einflüsse” keineswegs ignoriert werden sollen, gleichwohl geht es ihm wie Rossi um die Stadt “als physische Erscheinung, als künstlich geformtes Artefakt.” Offenkundig sind Rossis Buch, Rossis Theorie nicht nur das Alpha, sondern auch das Omega von Lampugnanis Publikation. Wie die Einleitung, so erweist sich auch das ganze Schlusskapitel als tiefe Verbeugung vor Rossi und den von Lampugnani so genannten “Abenteuern der typologischen Stadt”.

Dazwischen findet man das eigentliche Werk, und dies ist verdienstvoll: kundig vermittelt der Autor einen Überblick über das Spektrum der verschiedenen Phasen städtebaulicher Projekte im 20. Jahrhundert, allerdings vornehmlich in Europa und Nordamerika, keineswegs umspannt das Buch den ganzen Globus, wie der Klappentext behauptet. Die wenigen Projekte aus Südamerika und Asien, die aufgenommen worden sind, gehören zudem zur Export- oder “kolonialen” Moderne. Freilich wird das Ringen europäischer und amerikanischer Architekten um einen Neuanfang als Antwort auf die mannigfaltigen Probleme des 19. Jahrhunderts im ersten Band kenntnisreich dargestellt. Mit den “eigentlich unbeschreibbaren Slums”, der Verelendung in englischen Industriestädten beginnt das Buch, erklärt so das Entstehen der Gartenstadtidee – das überrascht nicht. Anschließend nehmen jedoch gleich fünf Kapitel zu verschiedenen, stets noch unter dem Beaux- Arts-Einfluss stehende Stadtplanungen in Nordamerika (City Beautiful), in Frankreich (Tony Garnier), Wien (Camillo Sitte, Otto Wagner), Amsterdam (Hendrik Berlage) und New Yorks erste Wolkenkratzer breiten Raum ein. Endlich, etwa in der Mitte des ers-ten Bandes, geht es mit der Avantgarde los, deren ideologische Ambivalenz gleich die italienischen Futuristen belegen. Es folgen die radikalen und neuen Ideen aus der Sowjetunion, aus Deutschland, aus Wien bis zur Entstehung der CIAM. Nicht zuletzt bleibt Le Corbusier die wichtigste Referenz; ihm ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Trotz Lampugnanis Behauptung, sich vornehmlich der “architektonischen Dimension” der städtebaulichen Projekte zu widmen, gilt zuweilen der Schilderung der politischen und ökonomischen Umstände mehr Aufmerksamkeit. So unterhält im Kapitel “Drei Gesamtkunstwerke der klassischen Moderne” die aufgeheizte Auseinandersetzung zwischen Ludwig Mies van der Rohe und Richard Döcker im Kontext des Entstehens der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, von der Architektur der dort realisierten Bauten ist kaum die Rede. Das ist nicht unbedingt ein Schaden, eher wird das Werk differenzierter und lebendiger. Dass jedoch sämtliche Avantgarde-Projekte aus dieser Perspektive als an eigener Sturheit gescheiterte Projekte in der jeweiligen Conclusio bedacht werden, verleiht ihnen den Charakter einer historisch abgeschlossenen Epoche, eine implizite These, die weder erläutert noch diskutiert wird.

Der zweite Band ist komplizierter. Fast die ganze erste Hälfte widmet sich den städtebaulichen Planungen in faschistischen oder kommunistischen Diktaturen. Dabei scheint Lampugnani daran gelegen, Kollaborationen und Kontinuitäten nicht zu übergehen. Er hat daher eine Kapitelgliederung gewählt, die wohl dazu dienen soll, zeitgleiche Brüche sowie ungewollte Nähe zu demonstrieren. Das gelingt aber nicht ganz, weil die Beziehungen nicht explizit genannt werden. So beginnt der Band zwar mit dem Bauen im Italien Benito Mussolinis, um plötzlich zwei Ausflüge zu Frank Lloyd Wrights Broadacre City und zur “autogerechten Stadtplanung in New York und Mexico City” zu machen; wenigs-tens Ersteres hätte historisch und thematisch besser in den ersten Band gepasst. Richtiger erscheint hingegen die Platzierung des Kapitels über den “Wiederaufbau im geteilten Deutschland”. Als Nachfolger der beiden Kapitel über den sowjetischen sozialistischen Realismus und den nationalsozialistischen Wahn von Germania widerlegt es den Mythos der Stunde Null, inzwischen ein Gemeinplatz. Im Anschluss folgen jedoch wieder zwei Kapitel, deren Aufnahme in das ganze Werk wohl am erstaunlichsten ist.

Auguste Perret, einst Mentor, dann Gegenspieler von Le Corbusier, wird als “rationalistischer Klassizist” vorgestellt, der mit seinen monumentalen Ideen für ein modernisiertes Paris reibungslos in den Aufbruchsgeist der zwanziger Jahre, in das Vichy-Regime sowie in den französischen Wiederaufbau passt. Er ist damit die Kontinuitätsfigur schlechthin. Sein Erfolg besteht für Lampugnani darin, dass er scheinbar unbeeindruckt von ideologischen Direktiven an seiner “Arbeit an der Blocktypologie” und seinem verhaltenen Klassizismus festhält.

Das folgende Kapitel über “Städtebau im Spanien Francos und im Italien des Neorealismus“erscheint als recht eigenwillige Zusammenstellung. Die Darstellung der architektonisch und ideologisch schwierigen Situation in Italien nach 1945 hat aber einen Grund. Sie ist der historische Hintergrund, vor dem sich ein “Meister” entwickelt, so Lampugnani im Schlusskapitel, nämlich Aldo Rossi, der ebenso als “rationalistischer Klassizist” bezeichnet werden könnte, insofern versteht man, warum die beiden Kapitel über Perret und über den “menschenfreundlichen” Neorealismus in Italien, obschon nur wenig bekannt, prominent in die Mitte des zweiten Bandes platziert wurden.

Sie kontrastieren die angenommene Gesichtslosigkeit der kommenden “Trabantenstädte” und “Großsiedlungen”, artifizieller Hauptstadtplanungen (Chandigarh, Brasília, Dhaka), Technikeuphorie und Megastrukturen von den Smithsons bis zu OMA, sowie der “postmodernen” Stadtplanung in den USA. Allein die an den Schluss gestellten “Abenteuer der typologischen Stadt” schließen für den Autor wieder an die Berücksichtigung des Genius loci an. Allerdings erscheinen die dort vorgestellten Städtebaukonzepte von Aldo Rossi, Giorgio Grassi, Colin Rowe, Oswald Mathias Ungers, Rob und Léon Krier, Luigi Snozzi, Ricardo Bofill, Josef Paul Kleihues, Rafael Moneo nicht besonders abenteuerlich. Zudem wird auch nicht klar, inwieweit ihre Projekte theoretisch alle unter den Begriff der Typologie passen könnten oder wie und warum ausgerechnet dieses Konzept Auswege aus aktuellen und künftigen Problemen der Stadt bieten kann.

Bezogen auf den Titel “Die Stadt im 20. Jahrhundert” hätte man am Ende des Buches einen Ausblick auf die Stadt des 21. Jahrhunderts erwartet, eine Diskussion der weltweit zunehmenden Urbanisierung, der Verslumung in den Megacities, des Städtebooms in China, der architektonischen Megalomanien in Dubai oder des nach wie vor anhaltenden Sprawls in den westlichen Industrieländern – allesamt Phänomene, die bereits am Ende des 20. Jahrhundert mehr oder weniger deutlich sichtbar waren und entsprechend Debatten ausgelöst haben. Doch Lampugnani ignoriert sie. Der “Epilog”, der kein eigenes Kapitel, sondern nur einige dürre Zeilen im Schlusskapitel ausmacht, fängt vor allem mit dem Satz an: “Im Spätsommer 1997 starb Aldo Rossi.” Damit, so Lampugnani, sei auch eine Ära gestorben, eine Ära, “in welcher der Städtebau abgedankt hatte und die Architektur an seine Stelle getreten war.” Für den Autor enthält das Wort “Städtebau” allein die Synthese von Architektur und Stadtplanung, von “Zahlen und Poesie”. Auf die Idee, dass es eben genau dieser Anspruch auf die Synthese von Architektur und Planung ist, der sämtliche Konzepte des 20. Jahrhunderts auszeichnet, ihr Bestreben eine ganze Stadt zu bauen, die zugleich den Bau einer ganzen Gesellschaft bedeutet und eben bis zu den typologischen Ideen Rossis reicht, der nicht ohne Grund für die Walt-Disney-Corporation in Orlando ebenfalls Heile-Welt-Bauten realisiert hat (was Lampugnani ja auch kritisiert), will der Autor nicht kommen.

Dabei hätte diese These gut zu den zwei Bänden gepasst. Denn schließlich sind sie vor allem eine grandiose Schau der großen Stadtideen und -konzepte des 20. Jahrhunderts, gleichermaßen objektiv-kritisch wie lebendig geschrieben, mit enormer Detailkenntnis und zahlreichen – auch bisher weniger bekannten – Abbildungen in guter Reproduktionsqualität. Entsprechend seinem Anspruch, auch die “Verwicklungen” selbst des kleinsten städtebaulichen Projekts wenigstens zu skizzieren, ist Lampugnanis zweibändiges Werk vor allem Architekturstudenten zu empfehlen (natürlich nicht nur), die verstehen wollen, welche konkreten Hintergründe die Architekten für ihre Pläne motiviert haben und wie bestimmte Ideen und Personen zusammenhängen. Gerade für diesen letzten Aspekt bieten beide Bände zahlreiche wertvolle Informationen, die man sich sonst mühselig aus verschiedenen Publikationen zusammensuchen muss.

Allerdings hat diese unbestreitbare Kompilationsleistung des Autors auch einen Schönheitsfehler. Zweifellos lässt sich selbst in einem so umfangreichen Werk nicht alles Quellenmaterial unterbringen oder gar diskutieren. Dass Lampugnani aber so gänzlich auf Erwähnung von bedeutender Sekundärliteratur, selbst von Standardwerken verzichtet – nur in den Anmerkungen finden sie sich hin und wieder –, negiert anscheinend jeden Forschungsstand. Wenigstens in der Einleitung hätte der Autor, statt etwas betulich über die Rolle des Historikers als “konservativer Revolutionär” zu räsonieren, auf dieses methodisch ebenso wichtige Problem eingehen sollen. Aber leider sind sowohl die Einleitung als auch der Schluss des Buches jeweils die schwachen Punkte: zu kurz, zu blass, zu allgemein. Dafür punktet Lampugnani mit Fülle und Leidenschaft fürs Thema im ganzen Rest, und der besteht ja immerhin noch aus mehreren hundert Seiten.  

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