ARCH+ 203

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Erschienen in ARCH+ 203,
Seite(n) 48-53

ARCH+ 203

Die Großsiedlungen – Ein gescheitertes Erbe der Moderne?

Von Kraft, Sabine

Am 15. Juli 1972 wurde ein Teil der Großwohnanlage Pruitt-Igoe in St. Louis gesprengt. Die spektakulären Bilder des langsamen Zusammensackens der 11-geschossigen Wohnscheiben in einer riesigen Staubwolke gingen um die Welt. Diese Bilder standen damals stellvertretend für das Scheitern der Nachkriegsmoderne – zumindest wurden sie im urbanistischen Diskurs so interpretiert, wenn auch mit einiger Verzögerung. 1976 datierte Charles Jencks den Zeitpunkt des “Todes der modernen Architektur”

[12] Salin, Edgar, Urbanität, in: Erneuerung unserer Städte, Deutscher Städtetag, 1960

[13] Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Hamburg 1979

[14] Einen guten Überblick zum gemeinschaftsorientierten Wohnen ab den 70er Jahren bietet der Katalog zu der Ausstellung 1986/87: Das andere Neue Wohnen, konzipiert von Erwin Mühlestein, Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbe Museum

[15] s. dazu Stadtentwicklung Wien MA 18, Stadtentwicklung und Stadtplanung (Hrsg.), Wiener Wohnstudien-Wohnzufriedenheit, Mobilitäts- und Freizeitverhalten, Werkstattbericht Nr. 71, Wien 2004

[16] vgl. Avermaete, Tom, Komplizen einer modernen Gesellschaft. Architektur und Politik in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg – in dieser Ausgabe S. 30

[17] Newman, Oscar, Defensible Space. People and Design in the violent city, London, Architectural Press 1973. Dieses Buch ist in der Bedeutung, die im Umfeld von Sicherheitsdiensten und in Polizeikreisen der Raumorganisation für die präventive Verbrechensbekämpfung zugemessen wird, gar nicht zu überschätzen. Newmans Nachfolgestudie erfolgte im Auftrag der Polizei: U.S. Departement of Housing and Urban Development, Office of Policy Development and Research (Hrsg.), creating Defensible Space, April 1996

[18] s. Rouillard, Dominique, Utopie de la quantité, in: Seraji, Nasrine (Hrsg.), Logement, matière de nos villes. chronique européenne 1900-2007, S. 146, Paris 2007

[19] Kraft, Sabine, Eingeübtes Wohnen, in: ARCH+ 176/177 Wohnen, wer mit wem, wo, warum, S. 48ff

[20] Harlander, Tilman: NS-Wohnungsbau und Planungskonkurrenz, in: W. Prigge (Hrsg.), Ernst Neufert. Normierte Baukultur im 20. Jahrhundert, Edition Bauhaus Dessau, Frankfurt 1999

[21] Es ist kein Zufall, dass Jugendliche, die sich mit der Gruppenbildung leicht tun, eine “konfliktträchtige” Pionierrolle in der Raumaneignung einnehmen.

[22] Diese Vorstellung steckte im Begriff der “vollständigen Population”. Wohnquartiere sollten die gesellschaftliche Vielfalt, demografisch wie sozialstrukturell, widerspiegeln. Vgl. dazu Profitopolis oder: Der Mensch braucht eine andere Stadt, Hrsg. Die Neue Sammlung. Staatliches Museum für angewandte Kunst, München 1971, S. 37

[23] Das Schrumpfen des Mittelstands wird auf breiter Ebene mit Sorge beobachtet, vgl. dazu: Datenreport 2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. Statistisches Bundesamt (Destatis), S. 164f

[24] Der direkte Weg ist die obrigkeitsstaatliche Verordnung, wie sie historisch häufig angewandt wurde. Ein aktuelles Beispiel dafür liefert Singapur, wobei es um ethnische Mischung geht. Vgl. dazu Bittner, Regina/Hackenbroich, Wilfried /Rettich, Stefan, Singapurs “Sozialer Wohnungsbau” – in dieser Ausgabe S. 116ff

[25] Der latente Widerspruch zwischen physischer und sozialer Erhaltung, der jede Form von Sanierung und Stadtumbau kennzeichnet, sorgte auch in den Stadterweiterungen der Gründerzeit für soziale Homogeniserung.

[26] Dieser “Steckbrief” gilt selbstverständlich nicht für alle Großsiedlungen, aber für die Mehrheit; für diese gilt er nicht im gleichen Ausmaße und auch nicht flächendeckend innerhalb der Siedlungen.

[27] Die anfänglich positive Konnotation des experimentellen Charakters wird im Gefolge der 68er Bewegung revidiert durch die kapitalismuskritische Anprangerung der ständig wachsenden Verdichtung der Siedlungen aus reinem "Verwertungsinteresse”.

[28] vgl. Kockelkorn, Anne, Wuchernde Wohnarchitektur. Die französischen ‘Proliférants’ der frühen 70er Jahre als staatliches Experiment – in dieser Ausgabe, S. 37

[29] Sie wurden im Kontext der IBA in den 80er Jahren realisiert. Vgl. Das andere Neue Wohnen, a.a.O., S. 106ff, www.solidar-architekten. de/projekte/baugemeinschaft/ solidaroekohaus- berlin.html

[30] Der Verkauf der GAGFAH an Fortress hatte eine verheerende Desinvestition in den GAGFAH-Siedlungen zur Folge, vgl. dazu "Im Würgegriff der Heuschrecken – Warum ganzen Wohnviertel in Deutschland der Verfall droht", im ARD-Magazin Monitor, gesendet 17.2.2011

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Die Arbeitslosenquote von Deutschland insgesamt und der Arbeitslosenanteil in den Siedlungen sind nur bedingt vergleichbar, da die Quote auf der Gesamtzahl aller Erwerbstätigen basiert, während der Anteil sich auf alle Bewohner zwischen 18 (bzw. 15) und 65 Jahren bezieht, d.h. der Anteil ergibt immer günstigere Werte als die Quote. Die bayrischen Siedlungen bilden im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit eine Ausnahme, sie liegen generell unter dem Bundesdurchschnitt.

Daten für Deutschland:

Hartz IV Empfänger: 8,0 %

Einwohner mit Migrationshintergrund: 19,6 %

Ausländeranteil: 8,9 %

Arbeitslosenquote: 7,0 %

Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Daten 3/2011, Statistisches Bundesamt, Daten 2008/2009; Daten zu den Siedlungen: Statistische Ämter der Kommunen, in der Regel aus Erhebungen 2009. Zusammenstellung der Daten: Juliane Greb

 

Daten für ausgewählte westdeutsche Siedlungen:

Regensburg-KÖNIGSWIESEN, 1971 – 1978

Bauherr: Neue Heimat zusammen mit zwölf kleineren Baugesellschaften

2.650 WE, 4.560 Bewohner heute

Hartz IV-Empfänger: 14,4 %

Bewohner mit Migrationshintergrund: 40,0 %

Ausländeranteil: 14,2 %

Arbeitslosenanteil: 4,3 %

Hamburg-STEILSHOOP, 1969 – 1975

Bauherr: Stadt Hamburg

6.800 WE, 14.830 Bewohner heute

Hartz IV-Empfänger: 21,7 %

Bewohner mit Migrationshintergrund: 40,0 %

Ausländeranteil: 18,7 %

Arbeitslosenanteil: 9,6 %

Berlin-GROPIUSSTADT, 1962 – 1975

Hauptbauherr: GEHAG, DeGeWo

18.500 WE, 35.900 Bewohner heute

Hartz IV-Empfänger: 26,4 % 

Bewohner mit Migrationshintergrund: 39,8 %

Ausländeranteil: 15,3 %

Arbeitslosenanteil: 12,1 %

Berlin-MÄRKISCHES VIERTEL, 1963 – 1974

Bauherr: GEWOBAU

17.000 WE, 34.440 Bewohner heute

Hartz IV-Empfänger: 31,9 % 

Bewohner mit Migrationshintergrund: 34,7 %

Ausländeranteil: 13,1 %

Arbeitslosenanteil: 14,1 %

Köln-CHORWEILER, 1969 – 1977

Bauherr: Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft mbH

13.000 WE, 24.290 Bewohner heute 

Hartz IV-Empfänger: 26,9 % 

Bewohner mit Migrationshintergrund: 68,2 %

Ausländeranteil: 33,7 %

Arbeitslosenanteil: 17,2 %

Wolfsburg-WESTHAGEN, 1971 – 1973

Bauherr: VW-SiedlungsGmbH

4.300 WE, 8.720 Bewohner heute 

Hartz IV-Empfänger: 22,0 %

Bewohner mit Migrationshintergrund: 42,4 %

Ausländeranteil: 13,0 %

Arbeitslosenanteil: 10,0 %

Kiel-METTENHOF, 1964 – 1975

Bauherr: Neue Heimat

7.400 WE, 18.850 Bewohner heute 

Hartz IV-Empfänger: 35,5 %

Bewohner mit Migrationshintergrund: 40,1 %

Ausländeranteil: 13,3 %

Arbeitslosenanteil: 15,3 %

München-NEUPERLACH, 1967 – 1991

Bauherr: Stadt München

22.700 WE, 41.710 Bewohner heute 

Hartz IV-Empfänger: 7,9 %

Bewohner mit Migrationshintergrund: 33,5 %

Ausländeranteil: 17,1 %

Arbeitslosenanteil: 6,4 %

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