ARCH+ 203

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Erschienen in ARCH+ 203,
Seite(n) 128

ARCH+ 203

Design

Von ARCH+

Chassis

Vor sechs Jahren begann mit der Entwicklung eines stapelbaren Mehrzweckstuhls die Zusammenarbeit von Wilkhahn und dem Designer Stefan Diez. Dieser Stuhl sollte eine Brücke zwischen Arbeits- und Lebenswelt schlagen, für sich alleine, aber auch in der Gruppe wirken und Funktionalität, industrielle Fertigungspräzision und Langlebigkeit mit ökologischen Vorteilen verbinden.

Am Ausgangspunkt des Entwurfs des Universalstuhls stand die Metapher eines FahrradSattels: eine technische und filigrane Tragstruktur aus Stahl mit dem Sitz als körpernahem Element. Wie beim Fahrradsattel war es das Ziel, das Gestell des neuen Stuhls aus Stahl fertigen zu lassen. Stahl ist ein Material, das präzise formbar ist, eine hohe Stabilität aufweist, in großer Menge verfügbar ist und sich unbegrenzt recyclen lässt.

Ein erster Prototyp aus Blechgestell wurde Wilkhahn vorgestellt. Schnell wurde deutlich, dass die Umsetzung der prägnanten Formensprache angesichts der geforderten Stabilität bei gleichzeitig geringem Gewicht neue Wege in der Fertigungstechnologie erfordert. In einem langwierigen Prozess entstand somit ein ebenso leichtes wie hochfestes Chassis, bei dem es sich im Grunde – und das erklärt den Namen – um eine Art selbsttragende Karosserie in Form eines Stuhls handelt. Ohne Auflage bringt er gerade einmal 2,6 Kilogramm auf die Waage, ist also viel leichter als etwa ein vergleichbares Gestell aus Aluminiumdruckguss oder Kunststoff. Im Automobilbau sind in den letzten Jahren neue Verfahrenstechnologien bei der Verformung von dünnen Stahlblechen entstanden, mit deren Hilfe sich dreidimensionale Formen mit engen Radien herstellen lassen. Ziel dieses Verfahrens ist es, eine hohe Stabilität der Autokarosserie bei gleichzeitiger Reduktion des Gewichts zu erzeugen, um den Benzinverbrauch und die CO2-Emissionen zu senken. Computerprogramme simulieren diesen Prozess präzise, wodurch es möglich wird, die Grenzen des technisch noch Machbaren auszuloten. In langwierigen Recherchen und Machbarkeitsstudien in der Automobilindustrie und bei Zulieferern wurde schließlich ein Weg gefunden, die Space-Frame-Technologie aus dem Karosseriebau auf die Produktion des ChassisStuhlgestells zu übertragen.

In dem Verfahren verformt und zieht das Presswerkzeug das vorgeschnittene 1 mm dünne Stahlblech mit 300 Tonnen Druck in einem Stück zum hochfesten Sitz- und Rückenrahmen. Geometrie, Ausschnitte, Pressdruck, Geschwindigkeit und Dämpfung sind so abgestimmt, dass beim Tiefziehen keine Risse entstehen. Die vorher ausgelaserten Blechstücke werden für die Produktion der vier Anschlussstutzen der Stuhlbeine verwendet, so dass so gut wie kein Verschnitt entsteht. Anschließend werden Rahmen, Anschlussstutzen und Beine mit einem Schweißroboter zum kompletten Stuhlgestell zusammengefügt. In der Pulverbeschichtungsanlage erhält es bei 190° C Einbrenntemperatur sein farbiges Finish. Auf den Rahmen ist mit einer neuartigen, von außen nicht sichtbaren Verbindungstechnik eine ergonomisch geformte, einteilige Sitz- und Rückenmembran aus vier Millimeter starkem Polypropylen aufgespannt. Die austauschbare, durchgefärbte Kunststoffschale ist pflegeleicht und weitgehend unempfindlich gegen mechanische Beanspruchungen. Das geringe Gesamtgewicht des Stuhls von weniger als fünfeinhalb Kilogramm und die gute Greifbarkeit sorgen für einfache und komfortable Handhabung der bis zu vier Stück stapelbaren Stühle. Das Material des Gestells und die spezifische Fertigungstechnik verbinden Komfort und Belastbarkeit mit geringen Materialdimensionen und Präzision. Dass Material- und Gewichtseinsparung ökologisch vorteilhaft ist, muss nicht extra betont werden, außerdem lässt sich Stahl einfach in Materialkreisläufe zurückführen.

Der Name “Chassis” wird von Wilkhahn und Stefan Dietz programmatisch verstanden. Neben der Parallele in der Herstellungstechnik soll der Stuhl an die Eleganz sportlicher Fahrzeuge erinnern.

Chassis wird in den Gestellfarben Graphitschwarz, Grauweiß und Betongrau sowie in Feuerrot und Braungrün geliefert. Den Gestellfarben sind Sitzschalen in den entsprechenden Farbabstufungen zugeordnet, wobei die patentierte Verbindungstechnik es auch erlaubt, textile Materialien auf das Gestell aufzuspannen. Die verschiedenen Stoffe (Canvas, Hopsack, Lama) sind wiederum in fünf verschiedenen Farbabstufungen erhältlich.  

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