ARCH+ 151

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Erschienen in ARCH+ 151,
Seite(n) 9-10

ARCH+ 151

monomedia berlin: value

Von Zinsmeister, Annett

Unter dem Titel “monomedia berlin: value" fand eine dreitägige “Konferenz zu den kulturellen Herausforderungen der Neuen Medien" an der Hochschule der Künste in Berlin statt, mit dem von Willem Velthoven erklärten Ziel, “herauszufinden, wie die immer dichtere Vernetzung, die immer stärkere Verbreitung des Internets unser Leben, unsere Werte und Bewertungsmaßstäbe verändert. Wir wollen wissen, welche Chancen und Risiken diese Entwicklung birgt und welchen Einfluß die Menschen auf sie nehmen können."

In täglich variierenden Sessions, an denen Redner wie Saskia Sassen, Manuel DeLanda und Brian Eno teilnahmen, wurde nach den Werten der neuen Verbindungen zwischen Ökonomie, Kultur und Gesellschaft gefragt. Die zentrale Idee entlehnt sich der Arbeit von Anthony Dunne und Bill Gaver am Department of Computer Related Design des Royal College of Art in London und ihrem Begriff “Value Fictions". Ihre Entwicklung neuer Designstrategien fußt auf der Forderung, Designer zu verantwortungsbewußten und kritischen Gestaltern der Umwelt zu machen. “Design as critic" ist daher die Suche nach neuen Ansätzen, die im Kontrast zu denen der Industrie stehen. Aus der genauen Beobachtung alltäglicher Bedürfnisse entstehen neue Werkzeuge, Medienprojekte und “psychologisches Mobiliar für Heim und Garten", das sich kritisch, oft auch ironisch und humorvoll u.a. mit neuen Formen der Kommunikation auseinandersetzt. Mit dem “truth phone", einem Telefon mit integriertem Meßgerät zur Stimmenanalyse, erhält man Auskunft über den Wahrheitsgehalt der übermittelten Botschaft. “The Truth Phone shows how embedding unusual values in electronic products can be used to create new kinds of uncomfortable aesthetic experiences." (A. Dunne). Der “Faraday Chair" von Dunne & Raby ist ein Möbel “zum Träumen", doch in erster Linie ein Raum zum Schutz vor der Strahlung der Telekommunikation.

Design begreift sich hier als die Gestaltung der Umwelt, jedoch nicht mehr im Sinne eines statischen Designs einzelner Objekte, das sich ausschließlich an der Formfindung orientiert. Entworfen werden Funktionen und Eigenschaften, die kritische Objekte statt Verpackungen hervorbringen.

Für das Design der Neuen Medien (Webdesign) ist die funktional grafische Aufbereitung einer Webseite nicht mehr ausreichend. Dick Rijken plädiert für “warme Systeme", das heißt, für Informationsumgebungen, die ihre Benutzer anregen und inspirieren. Die “Wärme" des Systems basiert auf einer “architecture of trust", auf der Konstruktion einer glaubwürdigen Webseite. Über den Austausch von Informationen entstehen Beziehungen und Gemeinschaften, die die Grundlage für Referenzsysteme bilden, bei denen an Stelle von vordefinierten Ordnungs- und Qualitätskategorien Fragestellungen und Werturteile der Benutzer untereinander ausgetauscht werden. Als Beispiele wurden das Empfehlungs- und Suchsystem “Recer" und das Auktionsforum “ebay" vorgestellt. Angesichts der Anonymität der Bewerter bedarf der Glaube in die “Wahrhaftigkeit" der Referenz einer gewissen Naivität oder, passender formuliert, einer sehr vertrauensvollen Sichtweise.

Die unbegrenzte Auswahl an Informationen und Wahlmöglichkeiten in der globalen Gesellschaft stellt den Menschen vor radikale Veränderungen hinsichtlich seiner Entscheidungsprozesse. Hat der Verbraucher die Freiheit der Wahl und die Macht der Einflußnahme auf die Qualität eines Produkts kraft seiner veröffentlichten Wertung, oder wird er im diffusen Netzwerk mehr denn je zur manövrierbaren, manipulierbaren Masse? Matthijs de Jongh von der Werbeagentur Kesselskramer: “Die Identität eines Unternehmens ergibt sich aus der Vielfalt seiner Kunden. Nicht Werbeagenturen, sondern die Benutzer gestalten in Zukunft das Profil eines Produktes." Den Topographien der Macht hingegen, die in der Komplexität der Leitsysteme des Internets verborgen sind, geht Richard Rogers vom Royal College of Art in London auf den Grund, indem er die etablierten Pfade (“links") von Unternehmen im Web analysiert.

Von der “Gestaltung des ökonomischen Raumes" spricht Saskia Sassen, wenn sie in der Überlagerung von virtuellem und realem Raum eine neue “Geographie der strategischen Räume" lokalisiert. Das Internet ist jener Ort, wo aus der Konfrontation finanzieller und ideeller Interessen neue hybride Märkte entstehen, die ihre Regeln selbst generieren: beispielsweise im Sinne einer “Ökonomie der Aufmerksamkeit" (Michael Goldhaber) oder einer “Hightech Geschenkökonomie" (Richard Barbrook).

Hierzu wurden Projekte vorgestellt, wie z.B. die Global Village Bank (GVB) von Naoki Oba, die meist nicht-monetäre Werte als Basis für Austausch und Handel nutzt. Die Präsentation der unterschiedlichen Analysen und Projekte zeigte eine Vielfalt an Handlungsspielräumen auf, die gerade das Internet als einen demokratischen “Raum der verteilten Macht" bestätigt, “der die Möglichkeiten autoritärer und monopolistischer Kontrolle limitiert." (S. Sassen)

Die Frage, ob die Informationstechnologie die Umwertung der Werte zur Folge haben wird, blieb – selbstredend – unbeantwortet. Vielmehr wurde mehrheitlich zum Ausdruck gebracht, daß eine Informationsgesellschaft nur basierend auf Wertesystemen funktionieren kann. Ziel muß also sein, vorhandene oder sich verändernde Werte in neue Bezugssysteme zu integrieren, um diese qualitativ hochwertig zu gestalten.

Weitere Informationen unter: www.monomedia.hdk-berlin.de

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