ARCH+ 151

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 151,
Seite(n) 12

ARCH+ 151

In memoriam Marc Fester — 23.6.1942 - 29.3.2000

Von Kraft, Sabine /  Kuhnert, Nikolaus /  Uhlig, Günther

Gegenüber dem Streit um die richtige politische Linie erschien die Herausgabe von Heften eher marginal. In diesen Auseinandersetzungen wurden die Weichen für die künftige Entwicklung der Zeitschrift gestellt. Der strategische Kopf dieser Zeit war Marc Fester. Marc ist am 29. März im Alter von 57 Jahren gestorben. Er war Redakteur und Mitherausgeber seit Heft 17. Aus der Geschichte von ARCH+ ist er nicht wegzudenken. In den siebziger Jahren gehörte er zusammen mit Adalbert Evers, Sabine Kraft, Nikolaus Kuhnert und Günther Uhlig zur sogenannten “Aachener Gruppe”, die für die Verknüpfung politischer Inhalte mit den Aufgaben des Architekten stritt. So galt es als politisch korrekt, sich um die Höhe der Miete zu kümmern, als revisionistisch, die Wohnverhältnisse selbst verbessern zu wollen, als politisch korrekt, den Architekten in die Reihe der ausgebeuteten Lohnabhängigen zu stellen, als revisionistisch, auf sein kreatives Potential zu setzen. Diese Form von klassenkämpferischer Verblödung ist heute nur schwer nachzuvollziehen. Damals schützte uns vor allem Marcs politische Weitsicht. Er hat die Kapitalismuskritik nie zur bloßen ökonomischen Machtfrage verkommen lassen. Seine Beschäftigung mit dem späten Marx und zugleich mit der Nationalökonomie, mit der Frankfurter Schule und mit Systemtheorie, mit Kybernetik und mit Sozialpsychologie hat zur Orientierung der Aachener Gruppe an Fragen des “Gebrauchswerts” geführt. Marc ist es zu verdanken, daß ARCH+ damals nicht der DKP anheimfiel. In seinem Editorial “Tendenzwende” (Heft 21) ist dieser Neubeginn – wenn auch unter dem starken politischen Rechtfertigungsdruck der Zeit – nachzulesen. Auch in der weiteren Entwicklung von ARCH+ blieb Marc führend. Es galt auszufüllen, was das Pluszeichen im Namen der Zeitschrift jeweils bedeutete. Das waren zunächst primär politische Akzentsetzungen: basisdemokratisch, genossenschaftlich, ökologisch usw. Doch zeichnete bereits hier seine ganz besondere Begabung vor, was später Anspruch von ARCH+ werden sollte: Denkanstöße produzieren durch die Konfrontation verschiedenster Wissensgebiete und Theorien. Er nannte es “über den Tellerrand der Disziplin schauen”. Schon seine frühen Texte noch aus der Berliner Studienzeit, die “Planerflugschrift”, die ein kybernetisches Modell selbstbestimmten Lernens entwickelte und zum Allgemeingut der Studentenbewegung wurde und die “Prolegomena zu einer Theorie kommunikativer Planung” (H. 12) spiegeln diesen Anspruch wider. So brillant Marc als theoretischer Kopf war, so wenig befriedigte ihn das abgehobene Theoretisieren allein. Er wollte seine Erkenntnisse umsetzen, die Verhältnisse ganz konkret gestalten. Ein Angebot von Jürgen Habermas, bei ihm im Starnberger “Elfenbeinturm” zu arbeiten, schlug er noch in Berlin aus. In Aachen wurde er auf der – vergeblichen – Suche nach einer neuen politischen Heimat Gründungsmitglied der Grünen und zerrieb sich in der Auseinandersetzung mit verkrusteten Altlinken und bodenständigen Wertkonservativen. Auch sein “Ökologisches Manifest” (H. 51/52) ist von erstaunlicher politischer Weitsicht, wenn man die Situation der Grünen heute betrachtet. Dieser Wunsch nach praktischer Umsetzung dürfte wohl einer der Gründe gewesen sein, warum er sich während seiner Karlsruher Zeit von ARCH+ abwandte und seine Karriere als schreibender Intellektueller abrupt abbrach. Richtig verstanden haben wir es nie. Er baute noch zusammen mit Günther Uhlig die neue Städtebaulehre auf und versuchte dann im gemeinsamen Architektur- und Planungsbüro einen radikalen Neuanfang. In seiner Fähigkeit, sich immer wieder mit unerschöpflicher Neugier und fast ausschließlicher Konzentration Neuem zuzuwenden, lag seine Stärke und letztlich auch sein Scheitern begründet. Allein auf sich gestellt, schaffte er es immer weniger, die selbst gesteckten Ziele zu erfüllen. Marc starb vereinsamt in Karlsruhe, beruflich in der Sackgasse, ohne finanzielle Reserven. Er hat den Weg von den hochfahrenden Plänen der Studentenbewegung zurück in die beschränkte Perspektive einer bürgerlichen Karriere nicht gefunden. Persönliche Absicherung war für ihn nie eine treibende Kraft. Er blieb draußen. Das lag nicht nur an ihm. Bereits nach der ‘73er Krise gab es mit der Konsolidierung der bundesrepublikanischen Verhältnisse keinen Bedarf mehr für Menschen wie ihn: genial im forschenden Überblick, kühn im Entwerfen von Zukunft und absolut realitätsfremd. Seine rhetorischen und agitatorischen Talente liefen ins Leere. Diese Tragik wurde lange Zeit noch durch den Freiraum der Hochschule und das Umfeld von ARCH+ überdeckt. Doch der Widerspruch zwischen individueller Begabung und sozialer Anerkennung, zwischen Omnipotenz und Ohnmachtsgefühlen wuchs, begleitet von einem Wechsel zwischen tiefen Depressionen und überbordender Euphorie. Als sich die Aachener Gruppe auseinanderentwickelte, verlor er seine soziale Heimat. Was blieb, war die Kälte zweckbestimmter Verhältnisse und seine selbstzerstörerischen Tendenzen, die – sozial nicht mehr konterkariert – in eine sich verengende Abwärtsschraube führten. Er hatte wenig Talent zum Privatleben. Marc ist an Krebs gestorben. So der medizinische Befund. Aber das ist nur der Schein von Wahrheit, tatsächlich ist er am Leben gestorben. ARCH+ – oder besser gesagt: wir – haben ihm viel zu verdanken.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!