ARCH+ 151

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Erschienen in ARCH+ 151,
Seite(n) 12-13

ARCH+ 151

Zeichen der Zeit — Zur Ausstellung "7 Hügel"

Von Kerner, Florian

Unabhängig von spezifischen Inhalten thematisiert jede Ausstellung die Kommunikation von Wissen. So auch die laufende “7 Hügel", die von der Berliner Festspiel-Gesellschaft organisiert wurde und vom 14.5. bis 29.10. im Martin-Gropius-Bau Berlin zu sehen ist. Inhaltlich widmet sich die Ausstellung dem Status quo der Gesellschaft im Sinne einer umfassenden Bilanz. Die Wissenschaften haben im Bestreben, die Geheimnisse unserer Umwelt zu entschlüsseln, mittlerweile ein hohes Maß an Spezialisierung erreicht. Man verfügt über ein extrem detailliertes Wissen in einer Fülle von Teilbereichen. Diese Vielfalt ist inzwischen längst unüberschaubar geworden.

Ein annähernder Überblick für den Laien ist ehrgeiziges Anliegen der “7 Hügel". Die Summe aller Phänomene wird zunächst untergliedert in die sieben Bereiche Kern, Dschungel, Weltraum, Zivilisation, Glauben, Wissen und Träumen. Zu diesen Themen wird dann jeweils die Entwicklung bis zum aktuellen Stand der Technik und ein sich daraus ableitbarer Ausblick ins nächste Jahrhundert umrissen. Hierin ist das Problem dieses Unterfangens bereits hinlänglich eingeschlossen. Wie ist dies darzustellen?

Aber das Projekt ist ehrgeiziger. In vielleicht noch nie zuvor gewagtem Ausmaß ist der Inhalt dieser Ausstellung nicht mehr alleine über ihre Exponate zu transportieren. Damit scheint der in der Regel als grundsätzlich vorausgesetzte Aspekt einer Ausstellung, die allgemeine Frage der Vermittlung von Wissen, in den Vordergrund zu rücken. Angesichts der Überkomplexität des Wissens scheint ein lineares System der Dokumentation von Informationen in herkömmlicher Art und Weise inzwischen unzulänglich zu sein. Diesem Problem des Mediums Ausstellung, selbst naturgemäß primär linear organisiertes Werkzeug der Vermittlung, stellt man sich hier. Die Schau erhält mit der Suche nach einer sowohl zeit- als auch inhaltsgemäßen Form eine weitere, allgemeinere Ebene.

Viel Gewicht liegt daher auf der Ausstellungsarchitektur, die die Komplexität des Programms durch Bilder einfacher zugänglich machen soll. Für die Entwürfe verpflichtete man für die sieben Abteilungen zum Teil sehr namhafte Architekten und Designer (Ken Adam, Tina Kitzing, Charles Wilp, Lebbeus Woods, Gerrit Grigoleit und Lars Gräbner, Edouard Bannwart, Kazuko Watanabe). Und so ist der vielleicht interessanteste Aspekt der Ausstellung der, inwieweit die Verantwortlichen die Aussagen ihrer Bereiche innenarchitektonisch zu fokussieren imstande waren.

Sowohl in der Herangehensweise als auch im Ergebnis fallen die Lösungen weit auseinander. Exemplarisch stehen sich zwei Auffassungen quasi diametral gegenüber. Einerseits kann der Fragmentierung, Spezialisierung und Unübersichtlichkeit des zu Vermittelnden Rechnung getragen werden. Einen expliziten Vorschlag hierzu unterbreitet Lebbeus Woods. Die Darstellung von Zivilisation, Thema seiner Abteilung, der Versuch der Beschreibung von Lebenswelten, drohe an Überkomplexität zu scheitern. Eine Darstellung müsse sich auf stimulierende Einblicke in deren Vielschichtigkeit beschränken, so Woods. Zivilisation sei nie effektiv, sondern beruhe auf Verschwendung. Der Architektur seiner Räume lege er daher ein Labyrinth, eine barock anmutende Wunderkammer zugrunde. In dieser seien die Exponate nicht hierarchisch geordnet, sondern umgeben den Besucher fragmentarisch. Dieser ist gefordert, die Verbindungen selbst herzustellen. Damit verweist Woods auf die von ihm selbst erklärtermaßen favorisierte Position des Theoretikers. Er sieht seine Aufgabe vornehmlich darin, Strategien einzubringen, die zur Umsetzung anderen überlassen werden. Vielleicht ist das der Grund dafür, daß sein Ausstellungskonzept in der Realisierung wenig überzeugt. Dies ist enttäuschend um so mehr, als dieser Ansatz der einzige ist, der sich ausdrücklich von der traditionellen Ausstellungsorganisation abwendet und einen neuen Weg testet.

Die mit der Tradition konform gehenden Vorschläge sind ungleich erfolgreicher. Entsprechend seiner Lage ist der Lichthof des Gropius-Baus dem Thema Kern gewidmet. Auch hier sind die Inhalte hochwissenschaftlich und dem Uneingeweihten kaum vermittelbar. Es wird ein grundlegend verändertes Verhältnis zur Natur behandelt. Hochtechnisiert ist heute der Blick ausgehend vom (Zell-)Kern aufs Ganze möglich. Das Buch der Natur, die DNS, ist maschinenlesbar geworden. Kann man Denken sehen? Wenn ja, kann man es auch nachbauen. Dies wird mit der Präsentation des humanoiden Roboters P3 der Firma Honda bewiesen, der exklusiv für “7 Hügel", erstmals in Europa, auf zwei Beinen läuft und Treppen steigt. Wirklich beeindruckend und anschaulich. Dieser Anschaulichkeit arbeitet der Filmarchitekt Ken Adam mit seiner architektonischen Umgestaltung des Lichthofes zu. Er liefert das beste Beispiel der Ausstellung, deren Anliegen atmosphärisch assoziativ zu unterstützen. Eine kühn aufstrebende Stahlkonstruktion bildet, ganz entgegen der Auffassung Woods, einen starken, zusammenfassenden Rahmen für die auseinanderfallenden Inhalte. Ganz ähnlich agiert Charles Wilp, der Werbeguru der 70er Jahre, in seiner Weltraum-Inszenierung. Populäre Bilder sorgen beim Besucher für Identifikation und den Eindruck von Übersichtlichkeit.

Insgesamt jedoch zerfällt die Ausstellung in mehrfacher Hinsicht und scheitert. Ein Vergleich mit dem Themenpark der Expo 2000 in Hannover verdeutlicht dies. Durch eine ganz ähnliche Themenstellung entsteht eine Art Konkurrenz zu “7 Hügeln". Die Willkür der Teilung in 7 unterstreicht die Gliederung in 12 Bereiche in Hannover. Indem in den Teilen verschiedene Konzepte verfolgt werden, werden anstelle einer gegenseitigen Ergänzung und Bereicherung vielmehr die jeweiligen Defizite betont. Hinzu kommt das in der Ausstellung immer wieder auftauchende Problem der Vermittlung von Inhalt in publikumswirksamer Form. Das Studium der 7 Kataloge, zusammen ein beachtlicher Stapel Papier, vermag sicher den Vorwurf der Beliebigkeit in der Auswahl der Exponate zu entkräften, überfordert jedoch schlicht.

“7 Hügel" hat keine wirkliche Vision für die Zukunft zu offerieren, weder inhaltlich noch für die des Ausstellungswesens. Die Frage, ob die älteren Medien der Kommunikation an sich überholt oder modifizierbar sind, ist eine wesentliche Frage, die dankbarerweise gestellt, aber leider nicht beantwortet wird. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb ist die Ausstellung überaus sehenswert. Die provozierte Verwirrung ist nicht als kuratorisches Manko zu verstehen, sondern als Zeichen der Zeit.

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