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ARCH+ 151

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Erschienen in ARCH+ 151,
Seite(n) 14

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Nötige Trauerarbeit leisten — Der deutsche Beitrag auf der 7. Architekturbiennale in Venedig

Von ARCH+

“Weniger Ästhetik und mehr Ethik" hatte der italienische Architekt Massimiliano Fuksas als Motto für die 7. Architekturbiennale in Venedig ausgegeben. Den Beweis allerdings, daß “weniger Ästhetik ein Mehr an Ethik" bewirkt, blieb die mit über neunzig eingeladenen Architekten wichtigste italienische Architekturschau schuldig. Die meisten teilnehmenden Länder gefielen sich vielmehr darin, buntes Augenpulver so zur Schau zu stellen, daß es sich selbst dem gutwilligsten Betrachter nicht erschließt. Das vergrößerte Ausstellungsgelände schloß bei dieser Biennale neben den angestammten Giardini an der Spitze der Lagunenstadt erstmals auch die benachbarten ehemaligen Werften am Arsenal mit ein. Die herrlichen Castello-Gärten mit ihrer bunten Kollektion der Länderpavillons blieben dennoch Hauptschauplatz der internationalen Architektenkonkurrenz. Die 7. Biennale ist nicht nur die größte derartige Architekturschau in der zwanzigjährigen Geschichte der “Biennale di Venezia", mit über vier Monaten Dauer ist sie auch die längste Ausstellung zeitgenössischer Baukunst. Die einzelnen Länderbeiträge haben meist nur am Rande mit dem übergeordneten Thema zu tun. Großbritannien etwa zeigt nur seine Stars, die es vor zehn Jahren schon hatte, Holland hat eine bequeme, wohnzimmerhafte Medienlounge eingerichtet, Rußland präsentiert sich mit bizarren, piranesihaften Zeichenorgien, während Frankreich, die Schweiz und Japan sich dem Thema total verweigern und überhaupt keine Architektur zeigen. Die Angst vor der Baukunst ist eben selbst unter Architekten weit verbreitet.

Im mächtigen deutschen Pavillon, den Heinrich Tessenow schon in den zwanziger Jahren schuf, stellt sich die hiesige Planerschaft mit der Entwicklung Berlins dar. Der deutsche Beitrag heißt “Stadtwende": Die Ausstellung “Berlin – Physiognomie einer Großstadt" zeigt die radikalen Veränderungen der Berliner Innenstadt zwischen 1940 und 2000 und gipfelt im “Planwerk Innenstadt", das der Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann “für die neue Einheit" der Stadt nach der Wiedervereinigung entwickelt hat. Bestand, Eingriff, Abbruch, Neubau und die Veränderungen der Parzellenstruktur sind zu fünf Zeitpunkten chronologisch auf großen Schwarzplänen dargestellt. Obwohl dieses Thema zumindest in Berlin wohlvertraut ist, wurden die großen Tafeln neu erarbeitet und sind bisher noch nie gezeigt worden. Sie wirken bisweilen wie Gebetstafeln und lehnen bewußt nur lose an den Wänden des von Albert Speer umgebauten deutschen Pavillons. Der Berliner Architekt Jürgen Sawade zeichnet für die Ausstellung verantwortlich, die zeigen will, wie die stark zerbombte und geteilte Stadt zusätzlich durch konträre Ideologien und maßstabslose Infrastrukturprojekte zerstört wurde. Die massiven Kriegszerstörungen sind allgemein bekannt. Daß aber in Friedenszeiten ein Vielfaches an Gebäuden mutwillig zerstört wurde, schockiert immer wieder. Die aktive Trauerarbeit der Ausstellung paßt deshalb gut in die traurige Atmosphäre der Gastgeberstadt Venedig. Ganz so larmoyant fällt der Beitrag dennoch nicht aus. Die Gewinnund Verlustrechnung vermerkt anhand von etwa hundert Neubauten auch, daß zumindest Westberlin zu einer einmaligen Spielwiese der internationalen Nachkriegs- und Postmoderne wurde. “Der deutsche Beitrag entzieht sich der Versuchung, eine illusionäre, glamouröse Fassade zu erzeugen oder in unverbindliche Vision zu flüchten", so Thomas Herzog, der Generalkommissar des Deutschen Beitrags. Anstatt architektonisches Bodybuilding zu betreiben, überzeugt der deutsche Beitrag mit gut lesbarer, klarer Graphik. Er verstärkt jedoch auch den Ruf der deutschen Architekten, vergleichsweise unsinnlich zu sein.

Aus der klassischen Architekturbiennale hat dieses Motto eine Städtebaubiennale gemacht. Die neue Dominanz des Städtebaus über die Architektur, für die diese Biennale beredtes Zeugnis ist, ist für die Baukunst am Ende doch eher ein Glück als eine Niederlage. Die Fokussierung auf die Hauptstadt ist legitim: Auch andere Länder wie Korea oder Rumänien stellen sich mit neuen Plänen für ihre Kapitalen vor. Um den Vorwurf zu entkräften, die Berliner Bauverwaltung habe dem zuständigen Bauministerium das Heft zu sehr aus der Hand genommen, gibt es eine Reihe von Begleitveranstaltungen mit Referenten aus verschiedenen deutschen Städten und einen Essayband. Daß der Bund seine neue Hauptstadt vorstellt, ist dennoch ein Triumph für die Berliner Baupolitik.

Der Kurator der Biennale, Massimiliano Fuksas, “wollte den Faden wieder aufnehmen, der Ende der siebziger Jahre gerissen war. Die Utopien von 1968 sollen wieder ins Bewußtsein gebracht werden, ebenso wie Offenheit, kritisches Denken und Zukunftsforschung. Die Hinwendung zur Kunst soll das Ende der Architektur als eigenständige Disziplin bewirken. Architekten sind weder allmächtig noch Handwerker, die sich des Schadens überhaupt nicht bewußt werden, den sie anrichten können", so Fuksas, der versucht, die Architektur wieder zu politisieren.

Eine Biennale wäre nicht komplett ohne die Verleihung des Goldenen Löwen, der dieses Jahr an den französischen Architekten Jean Nouvel geht. Preise für ihr Lebenswerk erhielten Renzo Piano, Paolo Soleri und Jörn Utzon.

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