ARCH+ 204

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Erschienen in ARCH+ 204,
Seite(n) 2

ARCH+ 204

In Memoriam Werner Sewing

Von Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh

Am 27. Juli 2011 erlag Werner Sewing nach kurzer Krankheit seinem schweren Krebsleiden. Dabei war er in den letzten Monaten vor seinem Tod voller Optimismus und Tatendrang. Er hatte noch eine Berlin-Exkursion mit seinen Karlsruher Studenten geplant. Zudem bereitete er seinen Umzug nach Karlsruhe vor, wo er seit 2008 lehrte und das Institut Entwerfen, Kunst und Theorie leitete. Nicht zuletzt hatte er ein großes Symposium zum Thema „Brutalismus“ im Sinn, das nächstes Jahr an der Akademie der Künste Berlin stattfinden sollte.

Berlin war sein Thema – bis zu dem Punkt, an dem er aus Wut ob der Berliner Wende zum Historismus liebend gern aus Berlin geflohen wäre; erst mit dem späten Ruf nach Karlsruhe hat sich dieser Wusch erfüllt. Vorher lehrte er an verschiedenen Universitäten, immer auf dem Sprung, eine feste Bastion zu finden, um endlich seine Ideen von Stadt und Architektur in die Praxis umsetzen zu können, d. h. als Lehrer und Autor. Beflügelt hat ihn dabei das Bedürfnis nach einer Neubestimmung von Stadt und Gesellschaft, die die Anregungen der Moderne weiterdenkt und mit den gegenwärtigen Möglichkeiten verbindet. Verzweifeln ließ ihn die Sehnsucht seiner Zeitgenossen nach dem genauen Gegenteil: Ablehnung der modernen Stadt zugunsten einer Stadt in den Kostümierungen der Geschichte.

Es begann die Zeit der Schein-Plätze, Schein-Straßen und Schein-Häuser. Gleichgültig, um welches „historische Zentrum“ es sich heute handelt, ob nun Berlin, Potsdam oder Frankfurt, die Zeichen standen und stehen auf Rekonstruktion und Retroarchitektur. Was bedeutet diese Wende zu einem scheinbaren Historismus, der hochmoderne Anlagen umhüllt? Welches Modell von Gesellschaft bricht sich da Bahn und warum gerade in diesen Kostümierungen? Und welche Art von kritischer Auseinandersetzung ist angebracht? Das waren Fragen, die Werner Sewing und ARCH+ zusammenführten (genau jene Fragen also, mit denen wir uns in diesem Heft beschäftigen), ohne dass wir uns heute noch daran erinnern können, wie und wo wir uns kennengelernt haben.

Zum ersten Mal konkret zusammengearbeitet haben wir 1994 bei der Vorbereitung zur ersten Berlin-Ausgabe: „Von Berlin nach Neuteutonia“. Wie schon im Titel angesprochen, suchte sie die Konfrontation. Basis hierfür war der Beitrag von Werner Sewing: „Berlinische Architektur“. Er beschrieb nicht nur, wie sich diese in Berlin zusammenbrauende Architekturrichtung entwickelte, welche Stationen und Personen hierfür richtungsweisend waren, sondern suchte auch aufzuzeigen, dass der Neoliberalismus nicht nur zur Spaltung der Gesellschaft, sondern auch zur Zerlegung der Stadt in Enklaven des Wohlstands und der Armut führen wird. Seither ist dies ein ARCH+Thema.

Sein tragischer Tod beendete, was eigentlich gerade erst begann: den Versuch, die Stadt des 21. Jahrhunderts neu zu denken, losgelöst von den Berliner Vorbelastungen, weltoffen und nach vorn gewandt. Mit ihm verliert ARCH+ einen wichtigen Mentor, Autor, Ständigen Mitarbeiter, Wegbegleiter und Freund.

Weitere Nachrufe und Würdigungen unter www.archplus.net/news. Darunter finden Sie die bewegende Rede von Werner Durth, die er am 20. August 2011 anlässlich der öffentlichen Trauerveranstaltung für Werner Sewing in der Bundesstiftung Baukultur in Potsdam gehalten hat. Ferner persönliche Erinnerungen von Sabine Kraft, Gerd de Bruyn, Ton Matton und Martin Luce, Cordula Rau, Angelika Schnell, Stephan Trüby, Frank R. Werner u.v.a.

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