ARCH+ 204


Erschienen in ARCH+ 204,
Seite(n) 8-17

ARCH+ 204

Architektur als Verdinglichung – Realabstraktion und Fassade

Von Scheppe, Wolfgang

Im Kontext der Rekonstruktionsdebatte trifft man gemeinhin auf ein moralisches Argument: dass Fassaden Lügen seien, also Trug und Oberfläche, die nichts mit dem Leben zu tun hätten, das sich hinter ihnen entfalte (Abb. 1).1 Es gibt eine von diesem vorgeblichen Gegensatz von Schein und Sein abweichende Denklinie, die von Hegel über Marx und Georg Simmel bis zum Situationisten Guy Debord reicht. Sie erkennt gerade in der Kulissenhaftigkeit die begriffliche Entäußerung2 einer „Gesellschaft des Spektakels“ (Debord), die darin dingliche Gestalt annimmt. Das Konzept einer Stadt der Gesellschaft nimmt seinen Ausgang von der Kategorie der „Real-Abstraktion“. Debord hat in einem berühmten détournement, dem er als fingiertes Marx-Zitat den Tonfall von dessen Frühschriften gab, den Kern dieses Denkens so benannt: „Der Mensch vermag um sich nichts zu erblicken, das nicht sein eigenes Antlitz trüge; alles spricht von ihm zu ihm selbst. Seine Landschaft ist beseelt.“3 Dieser so zeitgenössisch anmutende Gedanke, dass die Verfasstheit einer Gesellschaft in ihren Gebäuden steinernen Ausdruck findet und daher als eine Art Syntax der Stadt „lesbar“ sei, wurde freilich nur einmal konsequent verfolgt: In The Stones of Venice4 unternahm John Ruskin 1851/53 in geradezu obsessiver Verarbeitung visueller Aufzeichnungen den Versuch, anhand der Mauern einer Stadt dem Wandel der politischen Ökonomie einer Gesellschaft auf die Spur zu kommen. ...

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