ARCH+ 204


Erschienen in ARCH+ 204,
Seite(n) 34-39

ARCH+ 204

Fallstudie Unschärfe – Die Meisterhaussiedlung in Dessau

Von Bruno Fioretti Marquez Architekten /  Escher, Cornelia /  Ngo, Anh-Linh

Die Meisterhaussiedlung in Dessau, in der die Meister des Bauhauses mit ihren Familien lebten, wurde von Walter Gropius 1926 errichtet. Das im Krieg zerstörte Direktorenhaus, das von Gropius selbst bewohnt wurde, sowie die ebenfalls nicht mehr vorhandene Doppelhaushälfte, in der László Moholy-Nagy lebte, sollen nun nach langer Debatte wiederaufgebaut werden. Nach mehreren vergeblichen Anläufen zur Wiederherstellung des Ensembles wurde 2010 erneut ein Wettbewerb ausgelobt, den schließlich das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez mit einem Entwurf gewann, der sich bewusst gegen die Idee der originalgetreuen Rekonstruktion wendet. Stattdessen plädieren die Architekten dafür, bei der Neuerrichtung der zerstörten Häuser mit Hilfe gestalterischer Mittel auf Distanz zu den ursprünglichen Bauten zu gehen. Die Wiederherstellung der „verlorenen“ Baukörper in den alten Umrissen begründen sie dabei mit deren konstitutiver Bedeutung für das Ensemble und deren Platz im kollektiven Gedächtnis der Moderne. 

Für die architektonische Gestaltung ist die visuell erfahrbare Glätte der Gebäudehülle ein Moment, das auf den nicht-originalen Charakter der Gebäude verweist. Der Entwurf knüpft mit diesem optischen Eindruck an die Photographien der ehemaligen Bewohnerinnen der Häuser, Lucia Moholy und Ise Gropius, an. Die Unschärfe der Bilder wird in eine architektonische Hülle aus Beton und bün­dig eingesetzten, aus Kunstharz gegos­senen Fenstervolumen transformiert. Als Inspiration dienten den Architekten künst­lerische Strategien, die Fragen über die Echtheit von Bildinhalt und Abbild oder über die Funktion des kollektiven Bildge­dächtnisses aufwerfen, wie sie etwa im Werk der Künstler Thomas Demand und Hiroshi Sugimoto thematisiert werden.

Im Inneren nimmt, anstelle einer exak­ten räumlichen Kopie, ein an das Konzept der Gropius‘schen Einbauschränke erinnernder Einbau wesentliche Funkti­onen wie Treppenhäuser, Toiletten und Raumteilung des Gebäudes auf. Das sogenannte „Artefakt“ ist ein von den Architekten bewusst künstlich eingefüg­ter Bauteil als Interpretation des ursprüng­lichen gestalterischen Konzepts. Es ver­anschaulicht am klarsten die mittelbare Bezugnahme der Architekten auf die ursprünglichen Bauten: Indem sie auf dieser Ebene einen Bezug zum Original herstellen, gewinnen sie ein Argument gegen eine maßgetreue Rekonstruktion und somit entwerferischen Spielraum für die Anpassung an aktuelle Nutzungsbe­dürfnisse.

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