ARCH+ 204


Erschienen in ARCH+ 204,
Seite(n) 154-157

ARCH+ 204

Stuttgarter Republik – Zum "Vorbild Schweiz" in der Diskussion um Stuttgart 21

Von Trüby, Stephan

Die Geschichte der Architektur ist auch die Geschichte der Geheimhaltung respektive Offenlegung von Planungsverfahren.  In ihr bildet sich die Rolle des Bauherrn ab. Generell lässt sich konstatieren, dass heute die übergroße Mehrzahl der Verfahren, an deren Ende ein Stück Architektur steht, als „Top-down-Verfahren“ gelten dürfen. Geplant wird in der Regel „von oben“ und – um in Bildern politischer Vertikalität zu sprechen – von den Gipfeln der Souveränität aus, befördert und begleitet durch das Herrschaftswissen der Experten. Darin unterscheiden sich die durch Gewaltenteilung austarierte bürgerliche Gesellschaft und die repräsentative Demokratie kaum von Feudalismus und Absolutismus. Erstere scheint derzeit – auch und vor allem in Deutschland – in eine tiefe Vertrauenskrise geraten zu sein. Das Volk – und damit auch der Laie – will mitsprechen, und dies nicht nur alle paar Jahre an der Wahlurne. Insbesondere im Zuge der Diskussion um das Projekt Stuttgart 21 ist von der Bevölkerung der schwäbischen Hauptstadt – der Großstadt mit der höchsten Ingenieursdichte Deutschlands – polytechnische Spezialistenkompetenz grundsätzlich in Zweifel gezogen worden. Ein alternatives Planungsverständnis, das auf der Urteilsfähigkeit der vielen Nicht-Spezialisten aufbaut, wird aus der benachbarten Schweiz mit ihrer direkten Demokratie erhofft, also aus eben jenem Land, das 2009 durch einen Volksentscheid gegen den Bau von Minaretten zum wunderlichen Reaktionär der europäischen Familie wurde. Soll in Baden-Württemberg, soll in Deutschland also „mehr Schweiz“ Einzug halten? Davor sei, jedenfalls für den nicht ganz auszuschließenden Fall falscher Dosierung, gewarnt.

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