ARCH+ 204


Erschienen in ARCH+ 204,
Seite(n) 176-192

ARCH+ 204

ARCH+ features 7: Metropol Parasol von J. MAYER H.

Von Mayer H., Jürgen /  Teyssot, Georges /  Jacques, Olivier

 

Ein Raum öffentlicher Ereignisse

Im Sommer 2004 gewann der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. einen internationalen Wettbewerb für die Plaza de la Encarnación im historischen Stadtkern von Sevilla. Das Projekt beinhaltet die Errichtung eines Bauensembles auf einem Grundstück, das seit dem Abriss der Hauptmarkthalle im Jahr 1973 brachlag. Riesige Bogengitterwerke bilden einen Baldachin, der eine Reihe von Einrichtungen überdacht und zudem mehrere weitläufige, begehbare Plattformen trägt. In einem Gespräch mit dem Architekten verglich Terence Riley die schwammartigen Formen des Entwurfs mit Pilzen.1 So ist neben dem in der Projektbeschreibung angesprochenen Bild von einem riesigen Sonnenschirm des Öfteren metaphorisch von einem öffentlichen Raum die Rede, der wie Pilze aus dem Boden schießt. Ferner wurden die kurvigen Konstruktionen als „spekulative Wolke“ beschrieben, ein Begriff, der sich auf die instabile Wirkung bezieht, die von dem scheinbar viskos fließenden Bauwerk ausgeht.2

Die Idee, ein Gebäude als Wolke zu gestalten, wurde bereits in den 1920er Jahren von Künstlern des russischen Konstruktivismus formuliert. El Lissitzky entwarf 1924-25 das berühmte Projekt Wolkenbügel, in dem die Architektur „an den Wolken aufgehangen“ werden sollte.3 Allerdings sollte dieser horizontale Wolkenkratzer eine geringstmögliche Bodenberührung haben und gewissermaßen aufgestelzt über dem Moskauer Nikitskije Worota Platz schweben. In Schäume, dem dritten Band der Sphären-Trilogie, unterstreicht der Philosoph Peter Sloterdijk die „antigrave Tendenz des Neuen Bauens“, in der sich „Sowjetmacht plus Levitation“ verbinde.4 Für El Lissitzky bedeutete zukunftsgeleitetes Denken, „die Überwindung des Fundaments und der Erdgebundenheit … [dies] verlangt die Überwindung der Schwerkraft an sich. Verlangt den schwebenden Körper, die physisch-dynamische Architektur.“5 Ein ähnlicher Luftbau, ebenfalls von El Lissitzky, war die Tribüne für Lenin von 1924 (Proun Nr. 85), ein weiterer Iwan Leonidows Projekt von 1927 für das Lenin-Institut nebst Bibliothek in Moskau, ein weiterer die Fliegende Stadt, die Gregori Krutikow in seiner 1928 an der Kunsthochschule „Wchutein“ vorgelegten Dissertation präsentierte.

Doch das Projekt Metropol Parasol ist nicht bloß ein weiteres Beispiel von „Air Architecture“, wie sie etwa in Yves Kleins atmosphärischer Architektur6 Gestalt annimmt, oder im von Diller + Scofidio für die Expo 02 am schweizerischen Neuenburgersee entworfenen Blur Building oder in sonstigen Anläufen der Baukunst, sich in die Luft zu erheben.7 Ziel des Projekts ist vielmehr auch die Gestaltung eines öffentlichen Raums. Der Entwurf für die Plaza de la Encarnación ist keine rein formale und technische Übung, sondern folgt konkreten funktionalen und urbanistischen Vorgaben. 

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