ARCH+ 205


Erschienen in ARCH+ 205,
Seite(n) 90-91

ARCH+ 205

Tertiär, grau. Eine Studie zur logistischen Landschaft in Deutschland

Von Bernhardt, Anne-Julchen

Seit 1990 war die Beschreibung von Theorie und Praxis des virtuellen Raumes einer der Schwerpunkte dieser Zeitschrift. Eine Generation von Architekten hat sich mit den Hoffnungen der Zweiten Moderne beschäftigt, der reale Raum schien überwunden, der Computer, Simulation und totale Kommunikation versprachen neue Daseinsformen. Neue Technologien ermöglichen es spätestens mit der Verbreitung des Internets, dass Informationen unabhängig von räumlichen Grenzen an jedem beliebigen Ort und zu jedem Zeitpunkt empfangen und gesendet werden können. Dies hat nicht nur das Verständnis von Raum verändert, sondern auch die gesamte Gesellschaft entgrenzt. Die Ausbreitung der physischen Infrastruktur des Internet wurde jedoch vom architektonischen Diskurs und von Architekten kaum beachtet.

Der inzwischen zu einem Gemeinplatz gewordene Begriff der „digitalen Revolution“ beschreibt einerseits die Radikalität dieses Prozesses, andererseits hat die Digitalisierung bisher viel weniger direkt sichtbare Auswirkungen auf den gebauten Raum gehabt als ursprünglich angenommen. Obwohl sich die Arbeitswelt vollkommen verändert hat , die Mobilität immens gestiegen, die gesamte Wirtschaft globalisiert, das alltäglich Leben vollkommen gewandelt ist, sieht die gebaute Umwelt erst einmal nicht sonderlich anders aus als im Jahr 1990.

Der gebaute Raum ist nicht unwichtig geworden, sondern hat sich schleichend an die neuen Bedingungen angepasst: Typologien sind verschwunden, andere in Auflösung begriffen. Das Postamt ist als Typologie historisch geworden; Banken besitzen keine Schalterhallen mehr, sondern Beratungsinseln; Kaufhäuser melden Insolvenz an; Bibliotheken wickeln die Ausleihe übers Internet ab; 30% der Arbeit wird von zuhause erledigt, Jugendliche treffen sich nicht mehr an Tischtennisplatten, sondern in Sozialen Netzwerken. Aber das Verschwinden des Festnetztelefons, der Post, des Bargeldes und des Einzelhandels ist nicht mit dem Rückgang von gebautem Raum verbunden, sondern mit neuem Raum an neuen Orten. Die Informationsgesellschaft erzeugt riesige technisch hochausgerüstete Gebäude, die sich nach eigenen Gesetzmäßigkeiten in der Welt verteilen.

Während durch den Bildschirm das Internet raumlos erscheint, hat es sehr wohl eine räumliche Ausprägung. Die Dienstleistung hinter der Dienstleistung braucht Raum, irgendwo stehen sehr viele gekühlte Server, irgendwo sitzen Menschen an Telefonen, verpacken Kisten, fahren LKWs, schreiben Programme und sammeln Daten. Das Internet erzeugt eine große schweigende Masse an Gebäuden, die einen echten Ort haben und trotzdem mit der ganzen Welt verbunden sind.

Die Forschungen zu diesem System beschäftigen sich vor allem mit Wachstum, Effizienz und Energieverbrauch, das Maß aller Dinge ist die Kilowattstunde. Die Frage, wie viel Energie eine Suchanfrage verbraucht, beschäftigt Elektrotechniker, Physiker und Umweltingenieure weltweit. Das System spiegelt sich selbst, die These, dass der Energieverbrauch des Internets mittlerweile größer ist als der des Flugverkehrs, dass eine Suchanfrage so viel CO2 erzeugt wie eine kleine Kanne Tee, gehört zu den viel zitierten Wahrheiten des Internets. So wissen wir, dass alle Datencenter der Firma Google so viel Energie verbrauchen wie eine Großstadt, die Internetnutzung 1% des weltweiten Energieverbrauchs ausmacht und das mit einem Wachstum von mindestens 10% pro Jahr. Nach Moores Gesetz verdoppelt sich die Rechenleistung von Prozessoren und die Kapazität von Massenspeichern alle 18 Monate, immer mehr Menschen können immer leistungsfähigere Systeme benutzen, die durch immer schnellere Netze mit immer höheren Datenraten miteinander kommunizieren können. Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen, momentan benutzen 2 Milliarden Menschen das Internet regelmäßig. Die Steigerung der Effizienz der Informationstechnologie wird durch die rasante Verbreitung des Internets ausgeglichen. Die Datenmenge des Netzes verdoppelt sich alle 4 Monate. Im Jahr 2030 wird das Internet mehr Energie verbrauchen als heute die gesamte Weltbevölkerung.

Die gebaute Wirklichkeit des Internets ist hingegen nahezu unerforscht. Die sich vor allem über ihre technischen Anforderungen erklärenden Bauten sind ein wichtiger Bestandteil der Infrastruktur des 21. Jahrhunderts, aber sie tauchen nicht in aktuellen Lehrbüchern der Architektur auf. Die Welt ist nicht fertig, sondern in einem Zustand ständiger Veränderung. Um die Welt zu verbessern, muss man sie daher sehr genau betrachten. In diesem Sinne müssen architektonische Eingriffe mit einer Feldforschung in den verschiedenen Bereichen der Wirklichkeit beginnen. Aus der umfassenden Beschreibung der Wirklichkeit lassen sich Hypothesen aufstellen. Eine typologische Forschung muss einer hintergründigen Wissenschaftlichkeit folgen, Lehre soll experimentieren. Nicht die Welt hat die Antwort, sondern der Architekt stellt die richtigen Fragen.

Das einjährige Masterprojekt Tertiär, grau am Lehrstuhl Gebäudelehre der RWTH Aachen untersucht das System der Infrastruktur zweiter Ordnung und die ihm innewohnenden Regeln und Bedingungen, um daraus erste Verbesserungen des System zu entwickeln. Im ersten Semester wurden die Systemelemente erfasst und großteils erstmalig typologisch untersucht. Während jeder Student ein von ihm klar formuliertes Thema untersuchte, stellt die Summe aller Untersuchungen den Versuch dar, die Infrastruktur der Dienstleistungsgesellschaft möglichst breit zu erfassen. So werden die wichtigsten Gebäudetypologien umfassend beschrieben: Daten-, Call- und Distributionscenter. Zusätzlich stellen die weiteren Studien den größeren Zusammenhang dieser Typologien unter einem Einzelaspekt dar: Sicherheit, Netzwerke, Nachrichtenübermittlung, Logistik und Speicherung. Die in dieser Ausgabe dargestellten Fallstudien sind komprimierte Zusammenfassungen der Arbeiten. Im laufenden zweiten Semester entwickeln die Studenten aus ihren Forschungsergebnissen Ansatzpunkte für notwendige Eingriffe in das System, um so erste Prototypen entwerfen zu können.

Ein Projekt des Lehrstuhls für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens, RWTH Aachen // Betreuung: Prof. Anne-Julchen Bernhardt, Anna Marijke Weber, Sascha Glasl // Ko-Referent: Prof. Hartwig N. Schneider, Lehrstuhl für Baukonstruktion, RWTH Aachen // Die im Folgenden vorgestellten Fallstudien stammen von: Wjatscheslaw Brum, Niklas Fanelsa, Sebastian Haufe, Silja Kampmann, Julia Krebs, Matthias Poczatko und Leonard Wertgen

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!