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Erschienen in ARCH+ 176/177,
Seite(n) 8

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Auf den Spuren von Jane Jacobs

Von Novy, Johannes

Impressum aus dem Greenwich Village

Jane Jacobs, die Ende April im Alter von 89 Jahren verstarb, zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der amerikanischen Stadtforschung der letzten Jahrzehnte. In den USA wird Jacobs als Mitbegründerin behutsamer Stadterneuerung und Denkmalpflege gefeiert. Ihr Einfluß war jedoch auch in Deutschland zu spüren, wo ihre Thesen von Städtebaukritikern wie Alexander Mitscherlich oder Wolf Jobst Siedler aufgegriffen wurden. Bekanntheit erlangte die als Journalistin und Buchautorin tätige Jacobs 1961 durch die Veröffentlichung ihrer Streitschrift “Tod und Leben großer amerikanischer Städte”, einem Frontalangriff auf die von monotonen Großsiedlungen und Schnellstraßen geprägte Stadtplanungspraxis der Moderne, sowie durch ihr Engagement gegen den Sanierungs- und Abrißwahn im New York der 1960er Jahre. Weite Teile Lower Manhattans, wie etwa das heute als “In-Viertel” geltende Greenwich Village, galten damals aufgrund ihrer alten Bausubstanz und ihrer chaotischen Nutzungs- und Sozialstruktur als überholt und nicht erhaltenswert. Selbst der Washington Square, eine historische, im Herzen des Greenwich Village gelegene Platzanlage, die heute zu den beliebtesten Treffpunkten der Stadt gehört, sollte dem in Form einer mehrspurigen Schnellstraße daherkommenden Fortschrittsglauben der Stadtverwaltung weichen. Für den mehrere öffentliche Ämter bekleidenden New Yorker “Planungszar” Robert Moses, der für den sogenannten “Mid-Manhattan Expressway” und zahlreiche weitere Großprojekte verantwortlich zeichnete, waren die Zerstörung historischer Baudenkmäler und intakter Nachbarschaften allenfalls Kollateralschäden. “You can’t make an omelette without breaking eggs” – mit diesen Worten trotzte der “Powerbroker” (Robert Caro) der Legende nach denjenigen, die sich seinen Vorhaben entgegenstellten. Jacobs, von Moses wegen ihrer mangelnden universitären Ausbildung spöttisch als “Hausfrau” abgetan, gehörte zu ihnen und entwickelte sich im Laufe des Jahre andauerenden Kampfes um Lower Manhattan zu seiner prominentesten Gegenspielerin.

Für den Technokraten Moses war das vielfältige und so gar nicht geordnete Leben im Greenwich Village und anderen angrenzenden Vierteln Inbegriff für all das, was städtischem Fortschritt und Wachstum entgegenstand. Für Jacobs, die unweit des Washington Squares lebte, bis sie den USA während des Vietnamkrieges den Rücken kehrte, war das quirlige und kleinteilige Greenwich Village dagegen ein Symbol für all das, was Städte lebenswert macht und am Leben erhält. Planern warf sie vor, sich hinter Theorien und Statistiken zu verstecken, die Qualitäten voreilig als “Slums” deklarierter Nachbarschaften zu ignorieren und Städte durch ideologiebehaftete Planmaßnahmen ihrer Vitalität zu berauben.

Jacobs’ Buch “Tod und Leben großer amerikanischer Städte”, dem zwei weitere mit städtischer Entwicklung befaßte Publikationen folgen sollten, ist jedoch nicht nur ein polemischer Verriß von Jacobs als “Pseudowissenschaft” abgetaner Expertenplanung, sondern auch eine beobachtungsstarke, geradezu poetische Hommage an die “Schwungkraft und Lebendigkeit” städtischen Lebens, für dessen Erhalt sich Jacobs bis kurz vor ihrem Tod einsetzte. Die alte, für nicht mehr zeitgemäß erklärte Stadt war für Jacobs eine Art Bühne. Das “echte Leben”, das sich auf ihren Straßen abspielte, die durch räumliche Nähe unumgängliche Interaktion von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Klasse, beschrieb sie als Tanz, als “Ballett der Straße” und als entscheidende Voraussetzung städtischer Lebensqualität und Stabilität. Es waren oftmals einfache Beobachtungen und Analysen, mit denen es Jacobs gelang, ihre Leser vom Irrsinn modernistischer Planungsexzesse zu überzeugen und den Wandel hin zu einer Sanierungspraxis einzuleiten, die sich an traditionellen Qualitäten gewachsener Städte orientierte.

Im weitestgehend vom Flächenabriß verschont gebliebenen Greenwich Village wollen Bewohner Jacobs möglichst schnell ein Denkmal setzen, um ihr Engagement für den Erhalt des Viertels zu würdigen. Unter anderem soll ein Park in der Nähe ihres Wohnhauses nach ihr benannt werden. Von Slumsanierung und Flächenabriß ist angesichts der Popularität der Gegend und des von Jacobs miteingeläuteten Paradigmenwechsels innerhalb von Stadtplanungspraxis und -theorie keine Rede mehr. Der von Jacobs geführte Kampf gegen die Zerstörung der historischen Stadtviertel Lower Manhattans geht jedoch weiter. Lokale Bürgerinitiativen beklagen, daß Manhattans Nachbarschaften südlich der 14ten Straße zunehmend ihrer eigenen Attraktivität zum Opfer fallen. Diskussionen über die nicht von der Hand zu weisende Gentrifizierung Lower Manhattans sind annäherend so alt wie der Begriff, in jüngsten Jahren hat sich dieser Prozeß aufgrund des anhaltenden Booms des New Yorker Immobilienmarktes jedoch noch einmal beschleunigt. Die Konsequenz: In Little Italy schmeckt nicht einmal mehr der Kaffee wirklich italienisch, und selbst das Schwulen-Viertel rund um die Christopher Street wirkt nicht mehr sonderlich “gay”, weil alleinstehende Homosexuelle, in den 1970er und 1980er Jahren ihrerseits Gentrifier, zusehends von Doppelverdiener-Familien verdrängt werden. Vieles spricht dafür, daß Robert Moses den Kampf um Lower Manhattan postmortem gewonnen hat: Lower Manhattan ist der neue Spielplatz der Mittel- und Oberschicht – dieser hatte sich auch Moses immer verpflichtet gefühlt. Im Immobilienteil der New York Times gilt eine Gegend währenddessen als “vielfältig”, wenn sie eine Coffeebar ohne das Meerjungfrau-Signum des allgegenwärtigen Megarösters Starbucks aufweist. Die sich in Lower Manhattan rasant verbreitende und mit der Verdrängung alteingesessener Bewohner und Geschäftsleute einhergehende Tristesse gleichförmiger und auf die Bedürfnisse wohlhabender Milieus ausgerichteter städtischer Räume führt einem die Grenzen des Jacobs’schen Oeuvres vor Augen: Hier sind es nicht so sehr planerische Maßnahmen als vielmehr marktwirtschaftliche Prozesse, die die von Jacobs so gepriesene ökonomische, soziale und kulturelle Vielfalt Lower Manhattans zusehends ersticken. An dieser Entwicklung ist Jacobs nicht ganz unschuldig: Sie war es, die als eine der ersten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die lange Zeit übersehenen Qualitäten innerstädtischer Quartiere lenkte und die den Protagonisten der in den 1980er Jahren einsetzenden Neoliberalisierung amerikanischer Stadtentwicklung mit ihren nicht immer differenzierten Tiraden gegen staatliche Interventionen die Argumente in den Schoß legte.

Daß Jacobs’ Einfluß auf die New Yorker Planungspraxis zudem bei weitem nicht so groß war, wie es ihre Verehrer gelegentlich behaupten, verdeutlicht ein Blick in andere Teile der Stadt. Dort, wo die Stadt plant, wird geklotzt und nicht gekleckert. New York ist, wie Harvard Professorin Susan Fainstein in einem vielbeachteten Artikel im Harvard Design Magazin feststellte, dabei, “Urban Renewal” neu zu erfinden. Über dreißig (sic!) städtebauliche Großprojekte befinden sich derzeit im Bau oder in Planung und nahezu jedes von ihnen weckt Erinnerungen an die “tabula rasa”-Politik der 1950er und 60er Jahre. “Comprehensive Planning” ohne ausreichende Miteinbeziehung lokaler Bürgerinteressen feiert insbesondere in Brooklyn und der Bronx ein unheimliches Comeback und das zumeist auf Kosten benachteiligter und artikulationsschwacher Nachbarschaften.

Die Stadt nimmt paradoxerweise bei vielen dieser Projekte, wie etwa bei der auf Pläne Frank Gehrys zurückgehenden Erweiterung des Brooklyner Stadtzentrums, für sich in Anspruch, dem Jacobs’schen Ideengut besondere Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Im Hinblick auf Architektur und räumliche Planung mag das sogar stimmen. Urbanität läßt sich jedoch nicht ausschließlich über die Gestalt städtischer Räume definieren, wie auch Jane Jacobs wiederholt feststellte, die Anfang der 1960er Jahre als eine der ersten den Verlust derselben beklagte. Auch dank Jane Jacobs wissen Planer heute, daß soziale, ökonomische und kulturelle Heterogenität entscheidende Voraussetzungen für attraktive und lebenswerte Städte darstellen. Einem Attribut, dem in New York trotz aller Lippenbekenntnisse nach wie vor nicht genug Berücksichtigung zuteil wird. Eine andere Frage ist freilich, ob, und wenn, wie dem von Jacobs zum Ideal erhobenen Gedanken der städtischen Vielfalt angesichts einer zunehmend unternehmerischen Stadtpolitik und fortschreitender gesellschaftlicher Spaltungsprozesse planerisch überhaupt noch Rechnung getragen werden kann. Auf diese Frage wußte auch die “Große Dame der amerikanischen Stadtforschung”, wie sich bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt in New York im Herbst 2004 herausstellte, keine richtige Antwort.

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