ARCH+ 176/177

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Erschienen in ARCH+ 176/177,
Seite(n) 8

ARCH+ 176/177

Zwischen Pragmatismus und Spekulation

Von Rau, Cordula

Werkbundsiedlung Wiesenfeld in München

In München vereinigten sich 1907 Künstler, Architekten, Kunsthandwerker, Industrielle, Kaufleute und Schriftsteller, die das “Werk”, das Produkt ihrer Arbeit, im Mittelpunkt ihres Handelns sahen, zum “Werkbund”. “Der Zweck des Bundes ist die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen.” Als Bauausstellung des Deutschen Werkbundes wurde 1927 die “Siedlung am Weißenhof” errichtet und sollte Antwort auf soziale, ästhetische und technische Umbrüche geben. Die damalige Avantgarde mit Architekten wie Walter Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier und Hans Scharoun baute in Abkehr von vorindustriell geprägten Wohnformen 33 Häuser mit 63 Wohnungen. Der skulpturale Bebauungsplan von Mies zeigte “Gebäude ohne Verkleidung”, die “Form folgt der Funktion”.

Anläßlich seines hundertjährigen Jubiläums hat der Deutsche Werkbund im Juni vergangenen Jahres einen Wettbewerb für die Werkbundsiedlung Wiesenfeld in München ausgelobt. Mit dieser will man “Maßstäbe für modernes Wohnen in der Stadt” setzen. Auf dem Gelände der Luitpoldkaserne in Schwabing sollen bis zum Jahr 2010 rund 400 Wohneinheiten, Studentenwohnungen und höherwertiges Gewerbe entstehen. Das heutige Projekt steht unter stark veränderten Vorzeichen: Reagierte man 1927 in Stuttgart auf die Umstände der vorausgegangenen industriellen Revolution, will man heute der veränderten, vielschichtigen Gesellschaft Rechnung tragen. Zentrale Begriffe sind der demographische Wandel und eine neue Definition von Heimat. “Der Werkbund steht für zukunftsweisende Experimente im Wohnungsbau und maßstäbliche Architektur. Die Herausforderung besteht darin, erkennbare Veränderungen der sozialen Strukturen, vor allem den Altersaufbau der Gesellschaft mit neuen Ansätzen einer künstlerischen, funktionalen, ökologischen und konstruktiven Architekturauffassung zu verbinden”. Das “Siedlung” genannte “Wiesenfeld” soll ein Stück Stadt werden. Die Stadt stellt das Grundstück, die Wohnungsbauunternehmen die Finanzierung und der Werkbund die Ideale. Eigentlich eine ausgezeichnete Kombination, doch entstehen da nicht Ziel- und Interessenskonflikte? Sind künstlerische Verwirklichung und wirtschaftlicher Profit miteinander vereinbar? Der erste Schritt im Planungsprozeß betrifft das städtebauliche Konzept zur Neuordnung des Gebiets und erste Konzepte für den Wohnungsbau. Drei städtebauliche Lösungen wurden im Februar 2006 von der Jury ausgewählt. Die Vorschläge der Büros Allmann Sattler Wappner (München), Büro 03 (München) sowie Sakamoto (Tokio) bieten unterschiedliche Lösungsansätze: Die freie Form von außen, die freie Form von innen und die Form im fremden Maßstab. Das Preisgericht wählte nach einer Überarbeitungsphase Anfang April das Konzept des Büros Sakamoto aus. Positiv gewertet wurde dabei vor allem der Mut, gewohnte Vorstellungen der Stadtlandschaft zu verlassen und das urbane Wohnen neu zu interpretieren.

Die Auseinandersetzung des heutigen Wohnungsbaus mit der Gesellschaft ist so vielschichtig und gegensätzlich wie diese selbst: Nähe und Distanz, Öffentlichkeit und Rückzug, Individualismus und Netzwerke, demographischer Wandel und Veränderung der Familie, neue Armut und Reichtum bestimmen das Sozialgefüge. Der Wunsch des Werkbundes ist ein urbanes Wohnen für unterschiedlichste Zielgruppen: von der Mietwohnung bis zur Genossenschaft, reich, arm, zugewandert. Man postuliert die integrative Qualität. Allerdings schreiben die Soziologen das Gebiet schon im Vorfeld den Postmateriellen, Experimentellen und Hedonisten zu und weisen auf die Gefahr möglicher Segregation hin. Ein Viertel mit eigener städtischer Qualität und Nachhaltigkeit benötigt vor allem die Identifikation. Kann man künstlich ein eigenständiges Quartier schaffen mit der Qualität so beliebter Gebiete wie dem Gärtnerplatz- und Glockenbachviertel in München? Zunächst gab es ein vielköpfiges Preisgericht. Der Schweizer Moderator der Podiumsdiskussion auf dem dritten Werkbundtag in München trauerte früheren Wettbewerben mit drei bis vier Fachpreisrichtern nach: “Wenn viele Leute heute über Utopie reden, gibt es da einen Nenner?” Vielleicht sollte man nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern das größte gemeinsame Vielfache suchen, war daraufhin die Schlußpointe.

Ein Gestaltungsbeirat begleitet von nun an den Planungsprozeß und ist nach Wettbewerbsabschluß für die Einhaltung der Leitlinien zuständig. Für die Realisierung werden voraussichtlich 12 Architektenteams aus der Preisträgergruppe bestimmt, die in Workshops gemeinsame Lösungen erarbeiten. Auch hinsichtlich der Bewohner ist ein kooperatives Vorgehen geplant, das das frühzeitige Entstehen eines Gemeinschaftslebens möglich macht. In der Auslobung des Wettbewerbs fallen Schlagworte wie “Einbeziehung der künftigen Bewohnerschaft in moderierter Form”, “Testentwürfe mit anschließender Diskussion”, “Planertage”. Das suggeriert: Es geht nicht nur um die “Renaissance der Stadt”, sondern auch um die “Renaissance der Planung”, eine Planung, bei der Netzwerkgespräche geführt und Beteiligte miteinbezogen werden. Ziel ist nicht eine formale Auseinandersetzung, sondern die Auseinandersetzung mit dem Wesentlichen. Vision oder Utopie? Vielleicht kommt man hiermit dem Unterschied näher: Die Vision ist der Traum der Realität von Morgen. Die Utopie ist der nie erreichbare Idealzustand, der aber angestrebt wird. Vermittelnd ist die Frage von Mies van der Rohe: “Warum soll etwas nicht so gut wie möglich sein?”

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