ARCH+ 114/115

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Erschienen in ARCH+ 114/115,
Seite(n) 30-31

ARCH+ 114/115

Junge Architekten (1): LAB F AC

Von Tausch, Gunnar

In loser Folge wird ARCH+ in den kommenden Heften junge Architekturbüros vorstellen, die sich durch innovatives und experimentelles Arbeiten auszeichnen. Wir wollen damit unserer Fixierung auf 'Stararchitekten' entgegenwirken und das Engagement von Architekten unterstützen, die jenseits eines kommerziellen Interesses neue Ideen und Arbeitsformen entwickeln und damit die Architekturdebatte beleben. Wir würden uns freuen, wenn Leser, die in dieser Weise arbeiten, uns Entwürfe an die Berliner Redaktionsadresse schicken.

Wir beginnen unsere Serie in diesem Heft mit einem Bericht über das Stuttgarter Büro LAB F AC:

"Es geht um die Frage nach dem Raum, den der Allroundtechniker, der Unternehmer, der Künstler und der Philosoph im Architektenmantel (gibts den noch?) zukünftig überhaupt noch beanspruchen kann", meint Jochen Hunger. Er und sein Partner Bernd Hoge experimentieren seit 1988 in ihrem "Labor für Architektur", kurz LAB F AC in Stuttgart. "Grundhaltung ist es", sagen sie, "eine möglichst komplexe Wissensbasis und eine Auswahl von Techniken zur Lösung von Aufgaben zur Verfügung zu haben." Was heißt das konkret? Es heißt, daß die beiden tatsächlich forschen und köcheln, so schon bei der gemeinsamen Diplomarbeit der beiden Partner 1987 an der Uni Stuttgart: In Venedig wurde untersucht, ob sich Sedimentierungsprozesse im Salzwasser zur Sicherung baulicher Anlagen unter Wasser einsetzen lassen, wenn man sie durch Elektrolyse beschleunigt. Z.B. können kalkige Verkrustungen eine natürliche Versiegelung von Eichenstämmen bewirken. Obwohl die Studie zum Ergebnis kam, daß in stark verschmutzten Mittelmeergewässern das ElektrolyseVerfahren wirtschaftlich nicht eingesetzt werden kann, belegt sie den frühen interdisziplinären Geist der beiden Laboranten. Die Einbeziehung von Naturwissenschaft und neuer Technologie findet auch jetzt im Büro auf sehr handgreiflicher Ebene statt. So ist die Digitalisierung weit fortgeschritten. Der Computer dient nicht nur als Verwaltungskraft, sondern ist selbstverständliches Zeicheninstrument und Handwerksgerät, mit dem vom Diagramm, der Perspektive und den farbigen Bildschirmphotos bis hin zur Präsentation viel hergestellt wird. Außer dem CAD-Spezialisten ist auch ein Biologe als ständiger Berater in Ökologiefragen für das Büro tätig.

Wer nun vermutet, das Büro sei hauptsächlich auf Technik eingeschossen, liegt schief. Das Gros der bisher realisierten Projekte ist schlichtweg Kunst, etwa der "Time Tunnel". Dazu erklärt das Büro: "Time Tunnel ist eine mobile, begehbare Tunnelskulptur. Die Architektur ist Teil der künstlerischen Konzeption. Sie verleiht dem Kunstwerk seine Autonomie."

Es ging also für die beiden Architekten nicht darum, eine bloße Hülle für Kunst zu schaffen. Vielmehr wurde gemeinsam mit der Künstlergruppe Argonaut eine gebäudeartige multimediale Großinstallation geschaffen. Sie stand erst in Stuttgart auf dem Schloßplatz und ging danach in drei Normcontainem auf Europatournee.

Neben der Managementleistung, dieses Projekt finanziell auf die Beine zu stellen, ist die fachübergreifende Zusammenarbeit bemerkenswert: Man konnte sogar Paul Virilio dafür gewinnen, zu dieser Installation einen Text zu schreiben. Das war sicher auch durch die guten Kontakte nach Paris möglich. Dort gibt es nämlich ein gleichnamiges Partnerbüro. Es wird von Finn Geipel und Nicolas Michelin geführt, die mit den beiden Stuttgartern in regem Austausch stehen.

Der Stuttgart-Paris Connection hat man es sicher auch zu verdanken, daß die römische Arena in Nimes eine filigrane temporäre Überdachung für den Winter bekommen hat. Die Pariser Laboranten wurden damals nämlich von den Ingenieuren Schlaich Bergermann und Partner beraten. Zu den fächerübergreifenden Projekten kommt also das regional und national übergreifende Arbeiten, sozusagen im europäischen Rahmen.

Das "ganz normale Arbeiten" findet trotzdem statt. Wettbewerbe im Stuttgarter wie im deutschen Raum werden mitgemacht. Städtebau und Hochbau sind gleichermaßen wichtig, eine Spezialisierung und Trennung von Wissensgebieten ist auch hier nicht vorhanden. Insgesamt bleibt abzuwarten, ob die Vielfalt der Aufgaben in Zukunft nicht nur qualitativ, sondern auch wirtschaftlich durchzuhalten ist und damit dem bekannten Spezialistentum im Architektenberuf entgegenliefe. Bisher scheint die Vielfalt vor allem möglich zu werden, weil nach Selbsteinschätzung im Labor ein Cocktail aus "Kämpfergeist, Überlebensinstinkt, Größenwahn und echtem Potential" brodelt.  

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