ARCH+ 114/115

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Erschienen in ARCH+ 114/115,
Seite(n) 32

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In memoriam Peter Rice

Von Rogers, Richard

Peter Rice starb am Sonntag, dem 25. Oktober 1992, im Alter von 57 Jahren nach langer schwerer Krankheit. Er war der bekannteste Ingenieur unserer Tage. Er hat mit den unterschiedlichsten Architekten zusammengearbeitet, mit Richard Rogers wie mit Zaha Hadid, mit Renzo Piano wie mit Bernhard Tschumi. Ebenso hat er mit Künstlern zusammengearbeitet wie z.B. mit dem Bildhauer Frank Stella oder dem Theaterdirektor Humbert Camerlo. Darüber hinaus erforschte er die natürliche Konstruktion von Spinnennetzen und hat ein Experimentalauto für Fiat sowie Schiffskonstruktionen entwickelt.

Peter Rice, geboren in Irland, studierte Ingenieurwesen an der Queens University in Belfast und am Imperial College in London. Seit 1956 arbeitete er für Ove Arup & Partners, 1978 wurde er einer der Direktoren der Firma. Zwischen 1977 und 1979 hatte er ein gemeinsames Büro mit Renzo Piano, 1984 gründete er mit Martin Francis und Ian Ritchie das Büro RFR in Paris. Zu seinen wichtigsten Bauten gehören Sydney Opera House (1957-66), Centre Pompidou (Paris, 1971-80), Lloyds (London 1978-86), Menil Museum (Houston, 1981-87), Glaskonstruktion des Museum La Villette (Paris 1981-85), Flughafen Stansted (1981-90), Glaspyramiden für den Louvre (Paris, 1985-90) und The Pavilion of the Future (Sevilla 1989-92). Zu den zahlreichen Projekten, die jetzt ohne ihn weitergeführt werden müssen, gehören das Kansai International Airport Terminal in Japan (mit Renzo Piano), die Japan-Fußgängerbrücke bei La Defense in Paris (die sein Pariser Büro RFR geplant hat) und die Schaffung von drei Skulpturenhöfen im Louvre (zusammen mit I. M. Pei). Darüber hinaus hinterläßt er eine Vielzahl von unvollendeten und geplanten Entwürfen. Zum Tode von Peter Rice schrieb sein enger Freund Richard Rogers folgende Worte:

"Peter Rice war einer der größten Ingenieure des zwanzigsten Jahrhunderts. Seiner Zusammenarbeit mit vielen Architekten verdanken wir eine Vielzahl der berühmtesten architektonischen Meisterwerke der letzten Jahrzehnte. Peter Rice war leitender Direktor des Ingenieurbüros Ove Arup ft Partners, Gründer und Teilhaber von RFR (Paris) und Ehrenmitglied der RIBA und wurde in diesem Jahr mit der Royal Gold Medal ausgezeichnet, dem begehrtesten internationalen Architekturpreis. Peters Erläuterung seiner letzten Arbeit (einem natürlichen Amphitheater, das ausschließlich mit Mondlicht beleuchtet wird) demonstriert die einzigartige Flexibilität und Bandbreite seiner Arbeitsweise: 'Das Mondtheater stellt einen Entwurf dar, der mit einem Minimum an architektonischem Eingriff auskommt. Das Theater bleibt ganz Natur und eng mit dem Ort und seinen geistigen Schwingungen verbunden. Jedes allzu technische Element würde dieses empfindliche Gleichgewicht nur stören. Ein gewisser technischer Eingriff ist unvermeidlich, aber er soll so dezent und zurückhaltend wie möglich sein.'

Das letztemal, daß ich gebeten wurde, etwas über Peter zu schreiben, war anläßlich der Verleihung der Royal Gold Medal im Juni dieses Jahres. Damals machten wir uns große Sorgen, ob er es überhaupt bis zum Podium schaffen würde, geschweige denn seine Rede halten könnte. Wir waren auf alle Eventualitäten vorbereitet. Wie gewohnt blieb Peter auch diesmal optimistisch. Er ging nicht nur mit eigener Kraft zum Podium, sondern hielt eine brillante, in höchstem Maße poetische und intelektuell faszinierende Rede. Sein Optimismus und seine Vision prägten diesen Abend, und am Ende glaubten wir alle daran, daß er doch wieder gesund werden würde.

Damals war es leichter für mich, etwas über ihn zu schreiben, denn es gab noch Hoffnung. Jetzt empfinde ich nur noch tiefen Schmerz, wenn ich daran denke, daß wir Peter nie wieder sehen, nie wieder mit ihm sprechen, essen, trinken und diskutieren werden.

Später einmal werde ich mich mit Vergnügen an seine Leistungen und die schöne gemeinsame Zeit mit ihm erinnern. Jetzt aber ist es noch zu früh, objektiv über ihn schreiben, deshalb möchte ich an dieser Stelle einiges von dem wiederholen, was ich bei der Preisverleihung über ihn gesagt habe:

Ich weiß nicht mehr, wann ich Peter zum erstenmal begegnet bin. Frei Otto nannte mir Ende der sechziger Jahre seinen Namen, als wir versuchten, den Fußballclub Chelsea FC zu überzeugen, daß sie nicht einfach nur eine neue Osttribüne brauchten, sondern ein leichtes, aufklappbares Zeltdach für das gesamte Stadion. Das Ergebnis war zwar eine Katastrophe, aber etwa zwei Jahre später luden Peter und Ted Happold, der Leiter der Forschungsabteilung für leichte Tragwerke bei Arup, Renzo und mich ein, uns am Wettbewerb für das Centre Beaubourg zu beteiligen. Damit fing alles an, und seit jener Zeit ist kaum eine Woche vergangen, in der ich nicht mit Peter zusammengearbeitet oder mich mit ihm unterhalten habe.

In unserem Büro treffen wir uns jeden Montagmorgen, um über kritische Aspekte unserer Projekte zu diskutieren. Dabei spielt Peter eher die Rolle eines Entwurfspartners und Problemlösers als die eines bloßen Ingenieurs. Peter ist kein gewöhnlicher Ingenieur. Er wartet nicht darauf, daß der Architekt seine Vorstellungen entwickelt, um dann eigene Vorschläge zu machen, wie diese Vorstellungen realisiert werden können. Er ist ein Stratege, der vor allem dann in seinem Element ist, wenn es darum geht, die Wünsche und Vorstellungen des Auftraggebers wirklich zu verstehen. Schon bei der ersten Besprechung ist er dabei, hört zu, denkt mit und stellt seine Fragen. Was er zu sagen hat, ist immer elegant und präzise formuliert. Immer wieder habe ich erlebt, wie Peter auch einen noch so skeptischen Bauherrn überzeugen konnte, daß eine eher innovative Lösung weit weniger Risiken birgt als eine herkömmliche, denn um wirklich innovativ zu sein, muß man ganz von vorn anfangen und darf nichts als selbstverständlich akzeptieren.

Peter ist ein echter Virtuose auf seinem Gebiet. Er ist immer voller Optimismus und bereit, sich jeder Herausforderung zu stellen. Jedesmal schiebt er die Grenzen des Machbaren ein wenig weiter hinaus, ohne dabei seine fachliche Verantwortung aus dem Blick zu verlieren. Stahl, Stein, Holz, Plastik, Beton und Kohlefaser sind die Materialien, mit denen er arbeitet.

Ähnlich wie seine großen Vorgänger, von Brunei bis Brunelleschi, verfügt auch Peter über die Fähigkeit, die Grenzen seiner fachlichen Ausbildung zu überschreiten und technische Probleme in poetische Lösungen zu überführen. In seiner Arbeit kombiniert er Ordnung mit Spaß, Wissenschaft mit Kunst. Er ist so sehr in das Entwurfsteam integriert, daß es geradezu gehässig wäre, spezielle Bereiche zu nennen, in denen sein Engagement immer wieder die Richtung unseres Denkens bestimmt und beeinflußt hat. Trotzdem möchte ich einige Beispiele nennen: Er war es, der aus den ursprünglich geplanten doppelten Stützen und Stahlträgern für das Beaubourg Einzelsäulen mit einer äußeren Ebene von zarten Zug- und Druckgliedern machte, wobei die verschiedenen Ebenen durch große Stahlklammern getrennt wurden; er fand für einen großen Ausstellungsraum mit Garagen für Autos die preisgünstige Lösung eines Tonnengewölbes, das auf zahlreichen Spießen ruht und dem Gebäude das Aussehen eines Stachelschweins gibt; er entwarf die wunderschöne wellenförmig geschwungene Dachkonstruktion für unser Wettbewerbsprojekt für ein Londoner Flughafenterminal; von ihm stammt die Idee der Ferrozementkonstruktion für die Fertigwohnbauten in Korea.

Eine solche Aufstellung ist insofern problematisch, als sie Peter wie einen guten Ingenieur im traditionellen Sinne erscheinen läßt, und genau das ist er nicht, wie ich bereits betont habe. Peter ist ein brillanter Problemloser auf dem Gebiet des Hochbaus mit einer besonderen Fähigkeit, den eigentlichen Kern eines Problems zu erkennen und herauszuarbeiten, indem er es häufig genug auf den Kopf stellt."

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