ARCH+ 206/207

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Erschienen in ARCH+ 206/207,
Seite(n) 6-7

ARCH+ 206/207

In Memoriam Hans G Helms 8.6.1932 - 11.3.2012

Von Krausse, Joachim

Diejenigen, die sie einmal gehört haben, werden sie so schnell nicht vergessen: die Stimme von Hans G. Helms. In unzähligen Radiosendungen – Lesungen, Kritiken, Essays – sowie ca. dreißig Fernsehdokumentationen trug Helms seit Anfang der 60er Jahre zur Entwicklung eines kritischen Bewusstseins in der Bundesrepublik bei.

Etwa zehn Jahre älter als die Generation der 68er hatte er die Nazizeit bewusst erlebt und – als Sohn einer jüdischen Mutter und eines deutschen Vaters – überlebt. Als Jugendlicher schlug er sich nach dem Krieg auf abenteuerliche Weise vom Schwarzmarkt lebend durch die Besatzungszonen und halb Europa. Sprachbegabt und musikhungrig sog er die vielen sich mischenden Idiome auf, die in den Auffanglagern für “displaced persons” gesprochen wurden, – Material für seine späteren lautpoetischen Kompositionen. Helms begeistert sich für die Musik der Befreiung, den Jazz, begegnet berühmten Jazzmusikern in Wien, in Schweden, in den USA, lernt Saxophon spielen und macht seine ersten Radiosendungen für österreichische Sender unter Kontrolle der Alliierten. Die wilden Lehr- und Wanderjahre kommen Mitte der 50er Jahre im noch kriegszerstörten Köln zu einem ersten Halt- und Kristallisationspunkt, als Helms mit dem dortigen Studio für elektronische Musik und fast allen Komponisten der Avantgarde, Stockhausen, Ligeti, Evangelisti, Kagel, vor allem auch mit John Cage und später auch mit Nam June Paik in Kontakt kommt und nach Köln zieht.

An den Lektüreabenden bei Helms, die der Entschlüsselung von “Finnegans Wake” von James Joyce gewidmet sind, beteiligen sich außer den Musikern auch der Architekt Jörn Janssen, mit dem Helms fünfzehn Jahre später das Buch Kapitalistischer Städtebau (1970) herausgeben wird. Aber erst einmal äußert sich die Gesellschaftskritik avantgardistisch kryptisch in einer Sprachkomposition Fa:m' Ahniesgwow, deren Textpartitur samt Schallplatte 1959 bei DuMont erscheint. Dieses Werk, dem weitere Sprach- und Vokalkompositionen folgen, wird in Kreisen der neuen Musik einschließlich Theodor W. Adorno gewürdigt und sichert Helms einen festen Platz in der Nachkriegsavantgarde.

Explizit gesellschaftskritisch wird das Buch Die Ideologie der anonymen Gesellschaft (1966), eine Studie über das prekäre Sein und das angegriffene Selbstbewusstsein der weder zur Bourgeoisie noch zum Proletariat gehörenden Schichten des “Mittelstands”, dargestellt an einer akribischen Analyse von Max Stirners Manifest des Egoismus “Der Einzige und sein Eigentum” (1844) und seiner Wirkungsgeschichte vom Vormärz bis zur Bundesrepublik. In einer Zeit, die solchen historischen Zusammenhängen, wie Helms sie aufzeigt, nicht mehr folgen will, die sich selbst aber als “Ich-Zeit” kennzeichnet und die “Ich-AG” als mittelständische Existenzform propagiert, wäre eine Revision dieses Buches höchst angebracht.

Die Stirner-Studien führen ihren Autor fast zwangsläufig zu einer intensiven Beschäftigung mit den Schriften von Marx und Engels, er korrespondiert mit Fachgelehrten und Autoritäten der Gesellschaftskritik wie Adorno und Kracauer, findet neue Mentoren wie Auguste Cornu und Jürgen Kuczynski, die eine nochmalige Verlagerung von Helms’ Arbeitsfeldern von der Ideologiekritik u.a. in dem Buch Fetisch Revolution (1969) hin zur Gesellschaftsanalyse der Gegenwart in field studies begünstigen. Helms Professionalität als Funk- und Fernsehautor und die Unterstützung seitens der Redakteure machten größere Dokumentationen möglich wie Stadt, Transport und Industrie (WDR 1975), Unter den Straßen von San Francisco (WDR 1976), Houston – auf Öl gebaut (WDR 1979) oder Intelligente Finanzpaläste über das World Finance Center in New York (WDR 1988). Das waren Vorstöße in so nicht bekannte Regionen gesellschaftlicher Transformationsprozesse – bedeutungsvoll auch für den Rest der Welt und dessen Zukunft.

Es ist kein Zufall, dass diese Forschungen mit und in dem Medium Fernsehen Ende der 80er Jahre abbrechen. Privatisierung, Subordination der Programmplanung unter das Quotenregime und das Outsourcing der Filmproduktion forderten als eines der ersten Opfer diese gesellschaftsanalytischen Autorenfilme, die unbekümmert um die Genregrenzen wissenschaftliche Fundierung mit konkreter Anschaulichkeit und Verständlichkeit zu verbinden suchten. Helms gehörte von Anfang an zum Autorenstamm der einzigen Architekturredaktion im deutschen Fernsehen, die Knut Fischer Anfang der 70er Jahre im WDR aufbaute. Die Öffentlichkeit hat ein Recht, dass diese – mehrfach lehrreichen – Produktionen heute wieder zugänglich gemacht werden.

Bereits Mitte der 70er Jahre arbeitete Helm vor allem in USA und verlegte zwischen 1978 und 1989 seinen Wohnsitz nach New York. Seine Erkundungen der electronic frontiers, die Auswirkungen von Automatisierung und Computertechnologie auf die Arbeitswelt und den Alltag, die militärischen Dimensionen der Informatik und Computer Science, deren Ausrichtung durch die electronic battlefields, all diese bedrohlichen Aspekte einer aggressiven Vereinseitigung neuer Technologien, die in USA zuerst in Erscheinung traten, konnte Helms nur noch in Essays und Features für Radiosender, Zeitschriften, Zeitungen und Sammelbände bearbeiten. Seine Lage als freier Autor und gänzlich unabhängiger Forscher ohne akademischen oder institutionellen Rückhalt, der auf Honorare und Tantiemen angewiesen ist, wurde in den letzten beiden Jahrzehnten immer schwieriger. Hier dürften auch die Gründe dafür liegen, dass die Buchpublikationen selten geblieben sind: eine Sammlung der amerikanischen Fallstudien für den Funk erschien 1984 unter dem Titel Auf dem Weg zum Schrottplatz. Zum Städtebau in den USA und Kanada, 1992 gab Helms den Sammelband Die Stadt als Gabentisch – Beobachtungen zwischen Manhattan und Berlin-Marzahn heraus. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus sah er erst recht als seine Aufgabe, die Folgen des entfesselten Kapitalismus, dessen Muster er in den USA erkundet hatte, in konkreten, empirischen Fallstudien aufzuzeigen. Als freiem Mitarbeiter des WDR und anderer öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten öffneten sich ihm manche Türen, die anderen verschlossen blieben.

Im Gewebe des Helms’schen Werkes bilden die sozialökonomischen Studien des field researchers jedoch nur die Kette immer wieder neu ansetzender Beobachtung und Analyse von exemplarischen Gegenwartserscheinungen wie etwa Gentrification in New York, die Shopping Malls, die Neuformierung des Weltfinanzzentrums mit dem Bau des World Trade Centers in New York etc. Aber diese Kette wird durchschossen von einer Serie von Arbeiten zur Musik, und zwar der Musik, die Helms als politisch und gesellschaftlich relevant erkennt. In seinen besten Arbeiten für das Fernsehen wie Charles Ives (2 Teile WDR 1971), Birdcage (zusammen mit John Cage WDR 1972) oder Evolution schwarzer Musiker in den USA (WDR/ SWF 1972) gelingt es ihm, durch die musikalische Produktion hindurch ein Gesellschaftsportrait zu entwerfen, erfahrbar zu machen, wie sie ist, und wie sie sein könnte. Das gelingt nur dem überzeugend, dessen Biographie und dessen eigene artistische Experimente ihn für diese gesellschaftliche Dimension des Musikalischen empfänglich gemacht haben.

Fragt man sich, wie diese scheinbar weit voneinander liegenden Arbeitsfelder, die Methoden und Disziplinen von ein- und derselben Person als Autor zusammengebracht- und zusammengehalten werden konnten, so darf man nicht verkennen, dass unter den Anregern und Vorbildern, die Helms einem noch ahnungslosen Publikum nahebrachte, beispielgebende Grenzüberschreiter waren. Unter diesen spielt als Identifikationsfigur Siegfried Kracauer eine zentrale Rolle. Es war Kracauer, der bruchlos seine Existenz als Journalist und Kritiker mit seinen literarischen Neigungen, seinen wissenschaftlichen Interessen und seinen Kenntnissen als Architekt und Bauhistoriker in Einklang zu bringen vermocht hatte. Als ich Hans G Helms 1962 in Düsseldorf kennen lernte, nahm ich eine Anregung von ihm mit in mein beginnendes Studium, Kracauers Buch Die Angestellten. Aus dem neusten Deutschland. von 1930 zu lesen. Die Soziologie der Nachkriegszeit kam nicht umhin, diese Studie wenigstens als “Klassiker der Umfrage-Forschung” anzuerkennen – aber welche Arroganz verbindet sich mit diesem Lob einer empirischen Sozialforschung, die gerade ihre Macht- und Geschäftsbasis in Politik und Wirtschaft der jungen Bundesrepublik etablierte. Und welche Missachtung des Wahrnehmungs- und Darstellungsproblems oder der “Physiognomie” des Gesellschaftlichen, an der Kracauer wie Benjamin und letztlich auch Helms so intensiv gearbeitet hatten und von der sich empirische Sozialforschungen nach amerikanischem Muster von vornherein verweigert hatten. Nach der Vertreibung und dem Verbrennen seiner Bücher durch die Nazis konnte Kracauer im Exil nur noch eine historische Gesellschaftsphysiognomik in seinem Buch Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit (Amsterdam 1937) ausarbeiten. Statt einer Biographie des Komponisten und Kapellmeisters entwirft Kracauer durch alle Verästelungen der Musikproduktion und des Musiklebens hindurch das Mosaik eines “Gesellschaftsportraits”. Und unter ganz anderen Vorzeichen ist dies Helms in seinen eindrucksvollsten Studien gelungen. Eine Biographie von ihm ließe sich wohl kaum anders schreiben, als durch ihn hindurch ein Portrait der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu entwerfen.

Den Nachlass von Hans G. Helms verwahrt die Zentrale Berliner Stadt- und Landesbibliothek. Digitale Kopien der Radio- und Fernsehproduktionen befinden sich im ZKM Karlsruhe.

 

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