ARCH+ 206/207

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Erschienen in ARCH+ 206/207,
Seite(n) 8

ARCH+ 206/207

Referenz Großburgwedel

Von Kramer, Franziska

Zur Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit No. 3 luden Christoph Mäckler und Wolfgang Sonne, Leiter des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst in Dortmund, Anfang März in die Düsseldorfer Rheinterrassen. Laut Präambel des Dortmunder Instituts entstünden in Deutschland “kaum Stadtquartiere, die wie die sogenannten Altbauquartiere von einem Großteil der Bevölkerung als alltagstauglich, wertvoll und schön empfunden werden.” Zehn Grundsätze wenden sich gegen “individualistische Eventarchitektur”, “Branding” und “anonyme Immobilienwirtschaft”. Ebenso ambitioniert wie simpel formulierten die Veranstalter die Themengebiete der acht Sektionen der Tagung in Begriffspaaren wie Konvention versus Innovation, Ensemble versus Objekt, Regionalität versus Globalität, Prozess versus Gestaltung oder Fluchtlinie versus Baufeld, die mit einem Aufgebot von 68 (sic!) Vortragenden zu kontroversen Diskussionen anregen sollten. Mäcklers Freude über die Zahl der Referenten blieb in Anbetracht der Redezeit und einer verschwindend geringen Zahl von Gästen unverständlich. Man blieb “unter sich”.

Hanno Rauterberg, der die Tagung eröffnete, verdeutlichtete seine Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Konferenz mit dem Bild des Hauses unseres Ex-Bundespräsidenten in Großburgwedel. Das Beispiel Großburgwedel sei aktueller denn je. Das Eliten-Problem der Feuilletondebatten weise Geschmack als Form der Intelligenz aus. Er nahm vorweg, was sich im Laufe der zwei Tage bewahrheiten sollte: “Die immerwährende Forderung nach Qualität macht diesen Begriff zu einer der “hohlsten Hohlformen”.

Entsprechend den dualistischen Begriffspaaren sollte jeweils ein Streitgespräch den krönenden Abschluss der Sektionen bilden. Die Kontroverse zwischen Christoph Ingenhoven und Hans Kollhoff über Konvention versus Innovation machte deutlich, dass die Kultur des Streitgesprächs offenbar erst wieder erlernt werden muss. Für Ingenhoven war Innovation nicht verhandelbar, er verwies auf die Realität des täglichen Geschäftes, aus der man lediglich das Beste machen könne, während Kollhoff zwei generierende Prinzipien der Architektur benannte: “Das eine entsteht aus der Gesellschaft heraus, das andere wird aufgepfropft”. Großburgwedel sei längst Konvention, aber daran verzweifele er nicht. Die Trostlosigkeit im Hamburger Hafen sei für ihn größer als in Großburgwedel. Aneinander vorbei geführte “Diskussionen” dieser Art sind bei dem Allgemeinheitsgrad der vorgegebenen Begriffe wohl wenig erstaunlich. Zwar blieb der erwünschte Schlagabtausch der Kontrahenten nicht aus, wohl aber ein tieferer Erkenntnisgewinn. In den Debatten bediente sich jeder der Begriffe nach seiner eigenen Façon.

Andreas Hild suchte mit seinem Vortrag über Gebäude und Gebilde und der Forderung nach “moderater Innovation” eine Vermittlung zwischen “Ensemble versus Objekt”, während Ingemar Vollenweider als Kollhoff-Schüler appellierte, keine neue Konvention zu erfinden, sondern auf Altes zurückzugreifen. Daraufhin fragte Dieter Bartetzko ein weiteres Mal nach der Rolle des Bürgers in der Kluft, die sich zwichen der Wahrnehmung des Architekten und Bürgers auftut. Großburgwedel lässt grüßen!

Auch Arno Lederer schien das Thema der Konvention im Streitgespräch Fassade versus Skulptur mit Agnes Orawiec nicht loszulassen: “Der Begriff der Innovation hat mit Architektur nichts zu tun”. “Die Zeit gehe an der Architektur vorbei”, ergänzte Fritz Neumeyer. Am Ende des ersten, der Architektur gewidmeten Tages forderte Werner Oechslin ein “Ausfüllen der Begrifflichkeiten”.

Eine Forderung, die auch am zweiten, mit Referenten wie Rob Krier und Vittorio Lampugnani der Stadtplanung gewidmeten Tag nur bedingt eingelöst werden konnte. Nun ja, dort, wo der Diskurs stattfinden und wirken sollte, in der Öffentlichkeit außerhalb der eigenen Reihen, kann, will und muss er vielleicht auch nicht verstanden werden.

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