ARCH+ 206/207

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Erschienen in ARCH+ 206/207,
Seite(n) 10

ARCH+ 206/207

Editorial – Politische Empirie

Von Kraft, Sabine /  Schneider, Philipp

Dieses Heft versammelt Berichte von Menschen, die wissen wollten, wie es anderen Menschen ergeht, unter welchen Umständen sie wohnen und leben und das nicht nur vom Hörensagen, sondern die aufgebrochen sind, um sich mit eigenen Augen ein Bild zu machen, – und es enthält Texte, die unmittelbar auf solchen Berichten aufbauen.

Was bringt Menschen dazu, sich Erfahrungen auszusetzen, die neu und ungewohnt sind, in unbekannte Welten aufzubrechen, körperlich wie geistig, obwohl es höllisch unbequem sein kann und jede Menge Verunsicherung mit sich bringt? Was ist ihre Triebkraft – und direkt im Anschluss daran: Was war unsere Triebkraft, dieses Heft zu machen?

Neugierde? Ein brennendes Interesse an den anderen Menschen? Neugierde ist sicherlich eine (nicht nur) anthropogene Konstante, wahrscheinlich ist sie eine Konstante des Lebens überhaupt, ein Motor seiner Entwicklung – entgegen dem negativen Beigeschmack, der ihr gern verliehen wird. Auch das Interesse am Anderen gehört zur anthropogenen Grundausstattung – notwendigerweise, schließlich sind die Menschen aufeinander angewiesen. Diese beiden Faktoren liefern durchaus eine ausreichende Erklärung, aber es soll hier um mehr noch gehen. Warum also Empirie, und vor allem, warum politische Empirie? Oder anders gefragt: Gibt es denn im Zusammenhang mit sozialen Verhältnissen auch eine unpolitische Empirie?

Die empirische Sicht auf die Welt ist nicht so selbstverständlich, wie man in Anbetracht des Umstands vermuten könnte, dass Erfahrungen das Fundament unseres Wissensgebäudes sind und wir aus Erfahrungen unsere Wirklichkeit konstruieren. Eine solche Sicht wird immer dann vordringlich, wenn die Verhältnisse “aus dem Ruder laufen”, sozial instabil werden. So führte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Diskrepanz zwischen der geistigen Verdichtung des Deutschen Idealismus und den tatsächlichen Lebensverhältnissen eines großen Teils der Bevölkerung im Gefolge der Industrialisierung zu einem empirischen “Aufbruch”, der die Durchleuchtung gesellschaftlicher Tatbestände auf die politische Agenda gebracht hat. Hier liegen die Anfänge der empirischen Sozialforschung. Eine ähnliche Diskrepanz gegenüber den “Realien” kennzeichnet auch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Die neoliberale Wirtschaftstheorie konnte sich lange Zeit gegenüber den Folgen ihres Credos der Deregulierung und Rücknahme staatlichen Einflusses auf wirtschaftliche Prozesse und der Privatisierung öffentlicher Belange abschotten, und zwar sowohl was die erzwungenen “Strukturanpassungen” in den Entwicklungsländern betrifft wie auch die Umstrukturierungen in den Industrieländern. Wie gravierend diese Folgen sind, muss hier nicht extra ausgeführt werden. Vorgefasste Meinungen und Ideologien sind gewissermaßen die Gegenspieler von Erfahrungswissen, da sie eine Resistenz gegenüber Fakten entwickeln. Ökonomische Erklärungsmodelle sind, wie man seit Marx weiß, in hohem Maße ideologieanfällig, d.h. bestrebt die Interessenslagen zu verschleiern, indem ideologische Argumente als Tatsachen verkleidet werden. Daran hat sich bis heute nichts geändert, hier setzt die klassische Ideologiekritik an. Es gibt aber eine zweite, getarnte Abwehr von Realität, die weitaus gefährlicher ist, wenn Tatsachen unter den Generalverdacht mangelnder Wissenschaftlichkeit gestellt werden, z.B. im Hinblick auf das Beobachterproblem, und ihre objektive Aussagekraft angezweifelt wird.

Politische Empirie ist keine reine Datensammlung; sie muss auf der Grundlage einer Vielzahl von Einzelbefunden ein Gesellschaftsporträt zeichnen, das Auskunft geben kann, wo wir uns in der gesellschaftlichen Entwicklung im Hinblick auf allgemein konsentierte Wertsetzungen gerade befinden. In dem Sinne ist sie eine Art Messinstrument, das sowohl einer Positionsbestimmung – und das bedeutet Gesellschaftskritik – wie auch einer Neujustierung des Kurses dienen kann. Damit dürfte deutlich werden, dass es sehr wohl eine unpolitische Empirie gibt, die diesem Anspruch nicht gerecht wird – und es vielfach auch gar nicht will. So können die in großem Umfang durchgeführten Wohnzufriedenheitsstudien der 70er und 80er Jahre nach dem Modus “Ja-nein-weiß nicht-keine Angabe” für sich wohl kaum reklamieren, mit der Erforschung der Lebenswirklichkeit ihrer Zielgruppe einen Beitrag zu einem Gesellschaftsporträt ihrer Zeit geleistet zu haben, im Gegenteil, sie dienten eher einer trügerischen Bestätigung der öffentlichen Bauherren. Ein anderes Beispiel ist die vom Kommerz in Dienst genommene Meinungsforschung. Hier ist von dem innovativen Impetus, mit dem die Bedeutung von Gefühlen in der Sozialforschung erst einmal verankert werden musste, nichts übriggeblieben.

Es muss nicht betont werden, dass eine so verstandene politische Empirie eher Programm als Praxis ist, ein ambitioniertes Projekt, das es einzulösen gilt. Das vorliegende Heft kann für sich nur beanspruchen, einen Anstoß in diese Richtung zu geben, alles andere wäre Anmaßung.

In einem ersten Kapitel “Empirie” wird die Etablierung empirischer Verfahren als notwendiger Bestandteil moderner Gesellschaften thematisiert. Im Hinblick auf ihre Bandbreite kann es sich nur um einzelne Schlaglichter handeln. Diesem Kapitel zugeordnet ist der Focus “Information Design” mit der Ausschreibung des Wettbewerbs “Out of Balance – Kritik der Gegenwart. Information Design nach Otto Neurath”. Der Wettbewerb ist als praktische Umsetzung des Themas gedacht, so wie das Heft auch als eine Hilfestellung für den Wettbewerb konzipiert ist. Insbesondere der Bezug auf Otto Neurath macht die eminent politische Aufgabe und die aufklärerische Funktion von Empirie deutlich.

Die Kapitel “Stadthygiene”, “Wohnverhältnisse” und “Globalisierung/Verstädterung” sind nicht als in sich eigenständige und erschöpfende thematische Abhandlungen angelegt, sondern als eine Exemplifizierung des übergeordneten Themas Empirie. Die auszugsweise Wiedergabe historischen Quellenmaterials in “Stadthygiene” und “Wohnverhältnisse” soll vor allem drei Funktionen erfüllen:

- Erstens einen Einblick in die Geschichte der empirischen Annäherung an soziale Verhältnisse geben, ihre Vielfalt und Originalität beleuchten, 

- zweitens die historisch enge Verflechtung von natur- und sozialwissenschaftlicher Forschung in der Bewältigung einer gemeinsamen Aufgabe aufzeigen und 

- drittens die Parallelen untermauern, die sich zwischen dem Europa des 19. Jahrhunderts und der Dritten Welt heute ziehen lassen.

Letzteres geschieht von zwei Seiten aus, indem den historischen Zeugnissen empirische Befunde vor allem aus den Ländern der Dritten Welt gegenübergestellt werden und die Auswirkung globaler Verflechtungen auf diese Länder thematisiert wird. Eines muss abschließend noch klargestellt werden: Es geht uns mit diesem Heft nicht um den moralisch erhobenen Zeigefinger, das wäre nicht angebracht, nicht weil es keine ethische Frage ist, sondern weil dieser Zeigefinger eher zu Sozialromantizismen als zu praktischem Handeln verführt. Das ist und bleibt interessensgeleitet.

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