ARCH+ 206/207


Erschienen in ARCH+ 206/207,
Seite(n) 28-31

ARCH+ 206/207

Die totale soziale Tatsache. Ein Ethnologe in der Metro

Von Augé, Marc

Vor dem Hintergrund der Metro scheinen unsere individuellen Verrenkungen auf höchst beruhigende Weise am Schicksal aller teilzuhaben, am Gesetz der menschlichen Gattung, das sich in ein paar Gemeinplätzen zusammenfassen lässt und einen seltsamen öffentlichen Platz symbolisiert – ein Geflecht von Parcours, deren kollektiven und geregelten Charakter einige ausdrückliche Verbote (“Rauchen verboten”, “Durchgang nicht gestattet”) unterstreichen. Es ist also klar, dass in der Metro zwar jeder “sein eigenes Leben lebt”, dieses aber nicht in völliger Freiheit gelebt werden kann, nicht nur deshalb, weil sich in der Gesellschaft keine Freiheit völlig ausleben lässt, sondern weil der kodierte und geordnete Charakter des Metroverkehrs jeden einzelnen zu Verhaltensweisen zwingt, von denen er nicht abweichen kann, ohne sich Sanktionen, sei es seitens der Staatsgewalt, sei es seitens der mehr oder weniger effizienten Missbilligung der anderen Fahrgäste, auszusetzen. Die Demokratie wird zweifellos einen großen Schritt vorangekommen sein, wenn auch der letzte Fahrgast, trotz seiner Eile oder Unachtsamkeit, von sich aus darauf verzichtet, den Eingangskorridor als Ausgang zu benutzen, endlich empfänglich für die Ehre, die ihm das einfache Schild “Durchgang nicht gestattet” mit seinem Appell an eine gewaltfreie Moral erweist. ...

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