ARCH+ 206/207


Erschienen in ARCH+ 206/207,
Seite(n) 86-91

ARCH+ 206/207

Portraits from Above – Hongkongs informelle Dachsiedlungen

Von Wu, Rufina /  Canham, Stefan

Es gibt keinen Aufzug. Wir laufen acht Stockwerke die Treppe hinauf, zögern auf den letzten Stufen, sehen uns an, außer Atem: Woher nehmen wir das Recht, hier zu sein? Das Dach ist ein Labyrinth aus Korridoren, engen Fluren zwischen Hütten aus Blech, Holz, Ziegeln und Plastik. Treppen und Leitern führen hinauf zu einem zweiten Stockwerk aus Hütten. Wir verlaufen uns. Mit unseren Flugblättern in der Hand klopft Rufina an eine Tür. Ein kurzes Gespräch auf Kantonesisch. Stefan steht im Hintergrund, der Ausländer, der lächelt und kein Wort versteht. Sie hören uns zu, lächeln auch und bitten uns in ihre Wohnungen. Später schauen wir von einem Hochhaus auf der anderen Straßenseite auf das Gebäude hinunter. Das Dach ist riesig, bestimmt dreißig oder vierzig Haushalte, wie ein Dorf. Von außen ist es unmöglich zu erahnen, wie es von innen aussieht. Ob es Internet gibt, oder eine Toilette. Und welche Geschichten sich hier verbergen. Wer macht hiervon ein Bild? Wer schreibt auf, was hier passiert? Manchmal erscheint ein Artikel in der Zeitung, oder eine Hilfsorganisation startet eine Kampagne. Verschiedene Behörden legen Akten über sogenannte “nicht genehmigte Baumaßnahmen” an, malen einen Code an die Hütten und fotografieren sie. Die Akten sind nicht öffentlich zugänglich, nur die Bewohner dürfen sie einsehen, um zu begreifen, warum ihre Wohnungen abgerissen werden sollen. Nur selten dokumentieren die Leute auf dem Dach ihr Zuhause selber ...

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