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ARCH+ 208

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Erschienen in ARCH+ 208,
Seite(n) 26-29

ARCH+ 208

Learning from Tokyo

Von Schaefer, Markus /  Hosoya, Hiromi

Im März diesen Jahres fanden ein Symposium und eine Ausstellung mit dem Titel „Learning from Tokyo“ statt, bei denen neue, innerstädtische Wohnbauten junger, innovativer Architekturbüros aus Japan vorgestellt und diskutiert wurden. Die Ausstellung, deren Projektauswahl zum Teil in diesem Heft wiedergegeben und mit weiteren Beispielen ergänzt ist, zeigte die Qualität und Vielfalt an Wohnraum, die auf kleinen und kleinsten Grundstücken mit geringen Budgets im Zentrum einer Stadt wie Tokio geschaffen werden konnten. Das Symposium stellte einige der Protagonisten dieser neuen Generation japanischer Architekten vor und ermöglichte einen Dialog mit Schweizer Architekten, Planern, Vertretern der Stadtverwaltung von Zürich und der interessierten Öffentlichkeit.

Der aktuelle Grund des Symposiums war die derzeitige rege Diskussion über städtische Dichte in Zürich. Stadt und Region Zürich wachsen. Um das selbstauferlegte Ziel eines nachhaltigen Wachstums zu erreichen, sollen sie verdichtet werden. Aber was bedeutet städtische Dichte und wie kann sie mit der hohen Lebensqualität Zürichs in Einklang gebracht werden? Denn bereits jetzt bildet sich politischer Widerstand gegen das Wachstum – protektionistisch mit Vorbehalten gegen Zuwanderung und ökologisch mit Argumenten gegen Größe und Dichte an sich. Die Stadt Tokio ist fast viermal dichter besiedelt als die Stadt Zürich, der Großraum Tokio hat 16-mal mehr Einwohner als die Metropolitanregion Zürich. Dennoch gilt Tokio als Stadt mit sehr hoher Lebensqualität. Ausgehend von aktuellen Wohnbauprojekten japanischer Architekten wollten wir der Frage nach räumlicher und funktionaler Qualität nachgehen und beim kleinen Maßstab beginnend auch den großen Maßstab, das Stadtverständnis der beiden Kulturen beleuchten. Damit erhält die Gegenüberstellung eine Bedeutung über das Fallbeispiel Tokio hinaus. es geht schlussendlich um den Vergleich des traditionellen Modells der europäischen Stadt und seiner Unterscheidung von historischem Kern und Peripherie, und Tokio, das als ganzes eine Art Stadt gewordene Peripherie darstellt. Es geht um Denkmodelle und Arbeitsmethoden der Architekten und Städtebauer in ihrem jeweiligen spezifischen Kontext und es geht um Zukunftsfähigkeit, die Fähigkeit, auf sich abzeichnende Entwicklungen elastisch zu reagieren.

Vergleich

Beide Städte haben auf unterschiedliche Weise von der Globalisierung profitieren können. Sie ermöglichen ihren Einwohnern eine hohe Lebensqualität, sind sozial vergleichsweise homogen, gehören zu wirtschaftlich produktiven Regionen und Nationen, haben eine effiziente Infrastruktur und daher einen hohen Grad an Mobilität, und gehören folgerichtig auch zu den teuersten Städten der Welt. Dies erlaubt es, beide Städte als vergleichsweise erfolgreiche Modelle einer zeitgenössischen Stadtorganisation zu verstehen. Gleichzeitig sind die Städte aber komplett unterschiedlich. hier die kleine Stadt am Alpenrand, eingebettet in ein hartnäckig föderales System, das Konzentrationen von Macht wie von Stadt schon immer zu vermeiden suchte; dort die Hauptstadt eines historischen Kaiserreichs, eine Ansammlung von 36 Millionen Menschen und damit eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt – überschaubar, ja beschaulich und wohlgeordnet die eine; chaotisch, riesig und ohne Zentrum die andere. Die Metropole Tokio (d. h. die 23 Bezirke oder „Cities“, die 1943 die bisherige Stadt Tokio abgelöst hatten) hat mit fast neun Millionen Einwohnern und 144 Personen pro Hektar eine vergleichsweise hohe Dichte, obwohl weite Teile der Stadt aus niedrigen, freistehenden Gebäuden bestehen (Stadt Zürich 375.000 Einwohner und 41 Personen / Hektar; Berlin 3,5 Millionen und 39 Personen / Hektar, Wien 1,7 Millionen und 41 Personen / Hektar, Paris 2,2 Millionen und 211 Personen / Hektar). Die Einzelperson konsumiert mit 26 qm Durchschnittswohnfläche entsprechend viel weniger Raum (Stadt Zürich 54 qm / Person). Noch dramatischer ist aber die Veränderungsrate der Stadt. Die Lebenszyklen von Gebäuden in Tokio sind viel kürzer – 26 Jahre statt der über hundert Jahre in Europa. Die kleinen Parzellen der Stadt werden immer wieder neu bebaut, so dass sich die Stadtsubstanz seit dem Zweiten Weltkrieg rein rechnerisch bereits zwei- bis dreimal erneuert hat. Yoshiharu Tsukamoto nennt diese organische Veränderung „Void Metabolism“. Mit diesem Begriff grenzt er sich ab vom Metabolismus der japanischen Moderne. Beiden gemeinsam ist die Idee, Stadt nicht statisch, sondern dynamisch zu betrachten, als Prozess, nicht als Resultat

 

Phänomene Für sich betrachtet stehen wir den Projekten der japanischen Architekten bewundernd, aber auch etwas sprachlos gegenüber. Solche Lösungen sind im europäischen und vor allem Schweizer Kontext vollkommen undenkbar. Fragen nach Prozess, Nachhaltigkeit, der politischen und städtebaulichen Verantwortung des Architekten kommen auf. Wie sind diese Projekte der japanischen Architekten zu deuten? Welchem spezifischen Kontext entspringen sie und welche allgemeinen, für uns relevanten Schlüsse können wir daraus ziehen?

Gemeinschaft und Dichte

Die Local Community Area von Riken Yamamoto zeigt paradigmatisch die Vision einer stark verdichteten Stadt am Beispiel eines Wohnblocks für 500 Personen. Das Prinzip „eine Familie – ein hHaus“ funktioniere heute ebensowenig wie die Unterscheidung zwischen dem Haus als Ort des Konsums und dem Arbeitsplatz als Ort der Produktion. Seine Idee eines 2,4 × 2,4 × 2,6 Meter großen Raummoduls, das zu verschiedenen Wohneinheiten addiert werden kann, ist eine spezifische Antwort auf demographische und wirtschaftliche Veränderungen, wie wir später noch sehen werden. Auf kleiner Grundstücksfläche und mit einfachen Mitteln werden für eine geringe Miete flexible Räume zum Wohnen und Arbeiten geschaffen. Nicht die Dichte an sich aber sei wichtig, weder die Erhöhung der Ausnützung, noch einfach die Stapelung von Funktionen alleine, sondern vielmehr die Qualität der Beziehungen, die ein Projekt ermöglicht.

Qualität auf kleinem Raum

Das Tower House, das Takamitsu Azuma im Jahre 1969 erbaut hat, zeigt, wie auf kleinstem Raum räumliche Vielfalt und Qualität erzeugt werden können. Dieses Haus hat eine ganze Generation von Architekten inspiriert, obwohl es heute unscheinbar zwischen den neuen Nachbarhäusern an einer Seitenstraße im Tokioter Stadtteil Shibuya steht. Ideen wie die mit Treppen erschlossenen, aber sonst völlig offenen Räume oder die Gestaltung eines offenen Außenraumes, der durch eine Wandscheibe von der Stadt abgetrennt, aber dennoch mit ihr verbunden ist, finden sich auch in heutigen Projekten. Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg die Gesellschaft per Dekret demokratisiert und durch den Markt individualisiert wurde, haben Japaner noch immer ein anderes Verhältnis zu räumlicher Nähe, die durch eine im Vergleich zum Westen größere Rücksichtnahme und die vielen täglichen Rituale lebbar gemacht wird.

Die Ästhetik des Kleinen

Christian Kerez hat während des Symposiums eine „Ästhetik des Kleinen“ definiert, wobei sich seine Ausführungen auf die Beispiele des Teeraums des Katsura-Palasts, der innenausstattung des Nakagin-Kapselturms von Kisho Kurokawa, des Hauses in Uehara von Kazuo Shinohara und der Projekte und Bücher von Kenzo Tange stützten.

„Klein“ heißt in Japan nicht „verkleinert“ oder „minimal“, wie dies in unserem eher deduktiven Verständnis von Gestaltung der Fall ist. Wird nämlich aus einer großen Idee eine kleine abgeleitet, so ist diese reduziert, vereinfacht und auf einen Blick erfassbar. In der japanischen Gestaltung geht es eher um Bezüge zwischen Materialien, Formen oder Strukturen. In dieser induktiven Gestaltungsweise ist das große Ganze weniger wichtig. Es ergibt sich aus der Summe der Einzelelemente und ihrer Relationen. Das Kleine wird also nicht als Defizit empfunden, als Abwesenheit von Größe, sondern als eine verdichtete Form jener Bezüge, die auch die Welt als ganze strukturieren. Die Reduktion der Größe ist ein Mittel, die Komplexität dieser Bezüge zu erhöhen – klein also nicht wie eine Besenkammer, sondern wie ein Cockpit.

„Minimal Living“ und das Primitive

Die Miniaturisierung ermöglicht eine minimale Existenz auf geringem Raum, die in den Projekten von Sou Fujimoto und seiner Idee der „Primitiven Zukunft“ eine poetische Dimension erhält. Sein erstes Projekt war ein Haus, dessen Funktionen auf das ganze Stadtquartier verteilt waren. Der individuelle Raum war minimiert, stattdessen sollten möglichst viele Funktionen des täglichen Lebens mit anderen Stadtbewohnern geteilt werden. So wird die Stadt ganz anders gesehen als mit dem traditionell europäischen Werkzeug des Schwarzplans: der Convenience Store um die Ecke ersetzt die eigene Küche, Starbucks das Wohnzimmer, das öffentliche Sento das eigene Bad. Die harte Grenze zwischen privat und öffentlich, schwarz und weiß wird durch ein Spektrum von Grautönen ersetzt. Auch Fujimoto arbeitet mit einer induktiven Vorgehensweise, in dem er einzelne Elemente lose zu größeren Formen kombiniert. Dabei lehnt er sich an die „group form“ an, wie sie Fumihiko Maki bereits 1960 zusammen mit Masato Otaka formuliert hatte.

Nutzung des Stadtraums

Verschiedene Projekte japanischer Architekten arbeiten mit der Idee der Essentialisierung privater Funktionen und deren Verschmelzung mit der Stadt. Beim Moriyama House von Ryue Nishizawa sind private Funktionen wie Küche, Bad oder WC in einzelne Volumen gegliedert und durch den Außenraum erschlossen, der direkt in die Stadt übergeht. Beim Yokohama Apartment von ON design partners grenzt die Stadt an einen großen Gemeinschaftsraum, der durch die aufgeständerten privaten Bereiche gebildet wird. Die Okurayama Apartments von Kazuyo Sejima schließlich verschränken öffentliche und private Volumen wie bei einem Puzzlespiel.

Zwischenräume

Go Hasegawa arbeitet mit dem Zwischenraum, der sich zwischen Wohnraum und Stadt zum Beispiel aus den gesetzlich geforderten Fluchtbalkonen ergibt. Beim Projekt Apartment in Nerima schafft er damit eine zusätzliche Schicht halbprivaten Raumes. Das Haus N von Sou Fujimoto treibt diese Idee auf die Spitze, indem wie bei einer russischen Matrjoschka drei Häuser ineinandergestellt sind und so einen Gradienten vom öffentlichen zum privaten Bereich des Hauses bilden.

Stadt als fraktale organische Struktur

Die Stadt wird als fraktale Struktur verstanden, in der sich verschiedene Maßstäbe überlagern und ineinander übergehen. Akihisa Hirata nennt dies „Tangling“ und versteht es durchaus als universelles Prinzip, wie sich Leben an sich im Raum verteilt. Wie sich das fraktale Prinzip konkret auf die Stadtstruktur auswirkt untersucht Yoshiharu Tsukamoto – nach den typologischen Betrachtungen seines Büro Atelier Bow-Wow – mit seinem Tsukamoto Lab an der Universität Tokio anhand der Themen „Urban Village“, „Subdivurban“ oder „Commersidence“.

Nachhaltigkeit, Lebenszyklus und Standards

In Tokio wird eine ganz andere Sicht auf Nachhaltigkeit sichtbar, als wir sie in Europa verfolgen. Wir versuchen hierzulande, mit großen Volumen und dicken Dämmstärken nachhaltige Gebäude zu erstellen. Gleichzeitig zementieren wir damit aber den extrem verschwenderischen und individualisierten Umgang mit Raum in unserer Zeit. In der Stadt Zürich verbraucht der Durchschnittseinwohner sagenhafte 54 qm Wohnfläche. Wir bauen unsere Städte mit den Ressourcen, die uns heute zu Verfügung stehen. In einer schrumpfenden Stadt ist Veränderung sehr viel schwieriger. Bei der Höhe der getätigten Investionen sind wir den heute erstellten Bauten auf Gedeih und Verderb über die nächsten Jahrzehnte hinweg ausgeliefert. Grund genug für Jeanette Kunsmann, die Standards zu hinterfragen, mit denen wir heute Nachhaltigkeit definieren.

Kollaborative Lebenstil

Denn vermutlich sieht die Zukunft ganz anders aus, und dies kündigt sich auch bereits an. Auch hier ist Tokio Vorreiter. Die hoch mediatisierte Kultur Japans zeigt, wie sich die Kapitalisierung des Raumes zu einer solchen der Zeit verlagert. Die Dienstleistung ersetzt das Produkt, die temporäre Nutzung das Eigentum, der Stundenjob die Anstellung auf Lebenszeit. Im Essay von Stefan Gruber wird deutlich, wie diese Entwicklung als Problem, als eine Art Hyperkapitalismus gelesen, wie sie aber auch über die zahlreichen Möglichkeiten eines neuen, kollaborativen Lebensstils als Chance verstanden werden kann. Dabei wird die überschüssige Kapazität, die sich in unserer produktorientierten Zivilisation angereichert hat, durch die Infrastruktur des Internets neu und effizienter verteilt. Der städtische Raum Tokios mit seiner minimalen Fläche für das Individuum, der Ästhetik des kleinteiligen und der Gruppenform sowie den zahlreichen Abstufungen des halböffentlichen Raumes, der eine kollaborative Öffentlichkeit ermöglicht, wird so zur Metapher und zur Manifestation einer neuen Avantgarde der Stadt.

 

Kontext Tokio

Tokio einmal mehr als Zukunftsmodell der Stadt zu sehen, ist verlockend und fruchtbar. Allerdings entwickelte sich dieses Modell viel weniger geplant, als dies in Europa möglich wäre. Japanische Architekten haben wenig Einfluss auf den Städtebau und beginnen erst seit kurzem wieder damit, nach einer politischen Rolle zu suchen. Tokio ist zusammengesetzt aus kleinteiligen Strukturen, die durch Bahn und U-Bahn zu einer großen, polyzentrischen Stadtregion zusammengefasst werden. Zwischen der Top-down-Planung der Infrastrukturprojekte und der Bottom-up-Bebauung der Einzelparzellen – vielfach ohne Mitwirkung eines Architekten – findet die Arealentwicklung, wie wir sie aus Europa kennen, nur in Einzelfällen statt. Die städtische Bevölkerung Japans wuchs während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit rasant: Von 18 % im Jahr 1920 nahm sie bis zum Maximum von 78 % im Jahr 1995 zu. Heute liegt sie bei ca. 68 %. Das Stadtwachstum konzentrierte sich dabei auf die Tokaido Megalopolis, die sich von Greater Tokyo im Osten bis Fukuoka im Südwesten des Landes erstreckt. Die offizielle Stadtentwicklung der Nachkriegszeit erfolgte vor allem durch Infrastrukturprojekte und öffentliche Bauten der Regierung. Die Suburbanisierung wurde vorwärtsgetrieben durch die privaten Eisenbahnbetreiber. So ergab sich eine Stadtentwicklung mit Inseln geplanter Entwicklung, umgeben von ungeplanten Gebieten, die durch die Eisenbahnlinien und -stationen mit ihren kommerziellen Zentren strukturiert wurde. Erst 1968 gab sich Japan ein echtes Planungsgesetz, das bis heute gilt. Unter dem Begriff „Senbiki“ („grenzen ziehen“) wurde damit vor allem festgelegt, wo gebaut werden durfte und wo nicht.

Premierminister Kakuei Tanaka wollte Japan in den 1970er Jahren großflächig und polyzentrisch entwickeln. Dieser ambitionierte und teure Plan wurde aber durch drei große, für Japan schockierende Ereignisse unmöglich gemacht: USPräsident Richard Nixon nahm diplomatische Beziehungen mit China auf und änderte damit das geopolitische Umfeld der Region, was in Japan zu Isolierungsängsten führte; der feste Wechselkurs des Yen zum Dollar wurde aufgehoben, so dass die bis dahin künstlich unterbewertete japanische Währung rasch an Wert zunahm; und der von der OPEC ausgelöste Ölschock traff das ressourcenabhängige Land stark und unvorbereitet. Damit nahm die Möglichkeit einer starken, zentral gesteuerten Planung ein Ende. Das „Project Japan“ der Metabolisten wurde begraben. Auch die Idee, einen Sozialstaat nach europäischem Vorbild aufzubauen, wurde aufgegeben.

Japan erholte sich jedoch rasch von diesen Ereignissen und wuchs in einer Ära der Dominanz neoliberaler, aber staatlich gesteuerter Wirtschaft rasant. In den Boomzeiten der 1980er Jahre wurde das Planungsgesetz von 1968 dereguliert. Neben kommerziellen und ideologischen Gründen war Deregulierung auch eine politisches Mittel, um den immensen Handelsüberschuss abzubauen. Durch neue Vororte, größere Häuser und einen dadurch zunehmenden Bedarf an Konsumgütern sollte die Binnennachfrage gesteigert werden. Die Deregulierung der Stadtplanung sollte effizientere Strukturen erzeugen und es erlauben, die Städte mit Hilfe der Privatwirtschaft zu verdichten. Viele Firmen, die zuvor Konsumgüter exportiert hatten, wandelten sich zu Investoren. Zusammen mit der Privatisierung staatlicher Firmen und dem Verkauf von öffentlichem Land war die Deregulierung ein wichtiger Faktor in der Immobilienblase der 1980er Jahre, die in den 1990ern so spektakulär platzte und zum „verlorenen Jahrzehnt“ Japans führte.

Deregulierung hieß auch, dass die sozialen Unterschiede vergrößert wurden, was wiederum den Trend zu kleinen Häusern, Verschuldung und Zersiedlung verstärkte. Das japanische Erbrecht zwang Erben Grundstücke aufzuteilen und mit neuen, kleinen Gebäuden zu bebauen, da die Erbschaftssteuer bei der Übernahme eines bestehenden Hauses zu hoch war. Grundstücke waren bereits klein, denn die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs hatte die alten Eigentumsgrenzen nicht ausgelöscht und wegen fehlender Mittel konnten sie nicht zusammengelegt werden. Zudem wurde durch die Landreform der amerikanischen Besatzer auch der agrarische Landbesitz in kleine Einheiten zerteilt. Bei der nachfolgenden Suburbanisierung blieben diese kleinen Einheiten erhalten. Die exorbitanten Grundstückspreise, das japanische Baurecht und die kleinteilige Parzellenstruktur resultierten in einer heterogenen, dichten, aber niedrigen Bebauung, aus der die verdichteten Zentren der Infrastrukturknoten herausragen wie Gebirge.

Japan wurde nach dem Krieg demokratisch per Dekret. Die politische und ökonomische Freiheit des Einzelnen blieb in der Realität aber immer stark eingeschränkt. Gegenüber der mächtigen Bürokratie, die historisch mit der Regierungspartei, der LPD und den grossen Unternehmen im sogenannten „eisernen Dreieck“ verbunden war, hatte die Bevölkerung wenig zu sagen. Ressourcen wurden vor allem für das Wirtschaftswachstum eingesetzt. Die Japaner wurden angehalten zu sparen. Eine politisch aktive Zivilgesellschaft ist nur sehr bescheiden ausgebildet. Die Bürokratie in Tokio ist mächtig, während lokale Behörden eher schwach sind. Traditionell haben die Nachbarschaftsorganisationen („chonaikai“) Managementfunktionen übernommen und sind einer der Gründe, warum die Städte so gepflegt sind, Topfpflanzen an Straßenecken stehen und Abfall entsorgt wird – sie spielen aber politisch keine Rolle. Erst seit kurzem werden unter dem Begriff „Machizukuri“ („Nachbarschaft machen“) Bestrebungen sichtbar, Stadtplanung durch partizipative Prozesse zu gestalten.

Die Fragmentierung der Planung, die Stadtentwicklung durch Infrastrukturprojekte und die Macht der Bürokratie machten es für Architekten unmöglich, eine politische Funktion zu haben. Architekten hatten zur Zeit der Metabolisten zum letzten mal eine öffentliche, politische und planerische Rolle. Der Metabolismus war eine vom Staat unterstützte und geförderte Avantgarde. Ihren höhepunkt fand die Bewegung während der Weltausstellung von Osaka 1970. Gleichzeitig wurden damit auch die Beschränkungen der Bewegung sichtbar. Was in einzelnen Objekten funktionierte, war auf die Stadt schwierig anwendbar. Trotz der verführerischen Bilder einer neuen Stadtutopie von Tange, Kurokawa und anderen wanderte die Bevölkerung noch immer in die Vororte ab. Vor ungefähr 40 Jahren schwor deshalb der damalige Doyen der japanischen Architektur, Arata Isozaki, der Stadt ab. Eine ganze Generation von Architekten hat sich seitdem nur wenig mit dem Thema Stadt beschäftigt. Die Metabolisten, die noch in die Stadtplanung involviert waren, wie beispielsweise Masato Otaka, wurden kaum wahrgenommen.

Die Architekturszene in Japan besteht heute aus großen Baukonzernen, die Projekte für die öffentliche Hand und große Entwickler abwickeln können, aus den Stars, die während des Booms erfolgreich und international bekannt wurden und aus der Post-Bubble-Generation, die aus vielen kleinen Ateliers besteht, die sich medial positionieren müssen, um erfolgreich zu sein. Nachhaltigkeit spielt dabei noch keine Rolle. Sie werden sichtbar mit meist kleinen Projekten und beeinflussen die Diskussion über Zeitschriften und die Kunstszene. Architekten wie Riken Yamamoto, Yoshiharu Tsukamoto und Ryuji Fujimura sind Einzelfiguren. Sie repräsentieren drei Generationen der wenigen Architekten, die sich kritisch mit Fragen der Stadt auseinandersetzen. Wir können also nicht städtebauliche Strategien übernehmen, sondern müssen versuchen, aus den Phänomenen zu lernen und diese mit unseren städtebaulichen Werkzeugen umsetzen.

 

Lernen von Tokio

Dichte wird heute in Europa vor allem im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit diskutiert. Die Zielvorstellung ist die kompakte Stadt, wofür die historische europäische Stadt ein perfektes Beispiel zu sein scheint. Jedoch hat sich das europäisch-bürgerliche Ideal seit der – noch immer fußläufigen – Stadt der Gründerzeit weiterentwickelt. Privateigentum, Privatsphäre, der Anspruch an Grünraum, Erholung und Freizeit haben sich in der Stadtplanung niedergeschlagen. Sie fanden als Mindestabstände, Grundstücksausnutzung (grZ) und Freihaltezonen ihren Weg in die Bauordnungen. Auch die Wohnungstypen folgen noch immer dem Ideal der Kleinfamilie und werden in den Anforderungen der Projektentwickler oder Baugenossenschaften festgeschrieben. Gleichzeitig sind die Ansprüche des Individuums gewachsen. Die Ideale der bürgerlichen Stadt werden multipliziert mit den heutigen Flächenbedürfnissen und resultieren in Vorgaben für heutige Arealentwicklungen. Die Folge sind große Blöcke, nach allen Regeln der Nachhaltigkeit energetisch und volumetrisch optimiert und hochwertig ausgeführt. Eine tatsächliche Verdichtung wird aber nicht erreicht. Stattdessen wird damit unser flächenintensiver Lebensstil für die nächsten Jahrzehnte in die Stadtstruktur zementiert.

Die Peripherie wiederum bietet Raum für den individuellen Lebensentwurf, der in der Stadt keinen Platz findet. Dieser Raum wird erkauft durch eine noch geringere Dichte und losere Stadtstruktur, die nur sehr aufwändig mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen werden kann. Wir werden diesen flächen- und energieintensiven Lebensstil nicht aufrechterhalten können. Zumindest werden wir die Ziele, wie sie z. B. durch die „2000-Wattgesellschaft“ vorgegeben sind, nicht einhalten können. Ein viel radikaleres Umdenken wäre notwendig.

Die Auseinandersetzung mit Tokio, das wir soeben mit seinen Stärken, aber auch seinen historisch bedingten Schwächen kennengelernt haben, gibt folgende sieben Hinweise, wie wir die europäische Stadt für die Zukunft vorbereiten könnten.

1. Kritische Masse

Greater Tokio – also die Präfekturen Tokio, Chiba, Kanagawa und Saitama – ist als einzige Region Japans eine eigene administrative Einheit, die National Capital region oder Shuto-Ken. Obwohl dies auch viele Probleme verursacht, erzeugt es ein Selbstverständnis von Tokio und seiner globalen Bedeutung, die gewisse Strategien und Planungsinitiativen überhaupt erst möglich machen. Eine Stadt braucht eine kritische Größe. Die Stadt soll nicht als Kernstadt und Peripherie, sondern als Stadtregion gedacht werden können. Dies würde es auch erlauben, den morphologischen Konflikt zwischen Stadt und Peripherie zu lockern, der Stadt mehr Flexibilität und der Peripherie mehr städtebauliche Prägnanz zu ermöglichen und in beiden Dichte und Diversität zu erhöhen.

2. Kleinteiligkeit

größe heißt aber nicht automatisch Großmaßstäblichkeit. Tokio besteht aus kleinen Parzellen, die im Extremfall sogar nur wenige Meter breit sind. Dadurch ergeben sich eine dichte Durchwegung und ein belebter Straßenraum, der die Dichte erträglich macht. Viele Quartiere in Tokio haben die Intimität von Dörfern. Dank der Dichte an Passanten funktionieren auch kommerzielle Nutzungen, die wiederum den Straßenraum beleben.

3. Dichte

Die urbane Qualität von Tokio beruht nicht auf Blockrändern und öffentlichen Räumen, sondern auf einer Anhäufung moderner Bauten verschiedenster Qualität, Größe und Alters, die dicht aneinander gebaut sind. Ohne Straßen- und Grenzabstände, mit kleinen Gassen und viel Aktivität ergibt sich ein fast mittelalterliches Stadtgefühl. Stadt ergibt sich also nicht aus der Typologie der Stadtelemente, sondern vor allem aufgrund kurzer Wege. auch die Peripherie könnte so verdichtet werden, wenn Gebäude näher zusammengerückt und wie in einer Art Kernfusion neue metropolitane Qualitäten entstehen würden.

4. Nähe

In der Projektentwicklung wird Verdichtung gemessen als Quadratmeter Nutzfläche pro Grundstücksfläche. Eigentlich sollte Dichte aber in Personen pro Fläche ausgedrückt werden. Wenn Einwohner näher zusammenrücken, ergibt sich mehr Aktivität in der Stadt. Dies wird dazu führen, mehr Raum gemeinsam nutzen zu müssen, mittels traditionellem Teilen oder neuen Formen temporärer Nutzungen.

5. Qualität

Dichte bedeutet nicht zwingend einen Verlust an Qualität, erhöht aber die Anforderungen an die Gestaltung. Architektur in Tokio zeigt, wie Raum verdichtet werden kann, sowohl in Gebäuden als auch im Stadtgebiet, so dass auch auf wenig Fläche viel räumliche Qualität möglich ist.

6. Flexibilität

Dazu sind aber Innovation und Flexibilität notwendig, denen oftmals Bauvorschriften und Entwicklungsvorgaben im Wege stehen. Die Projekte japanischer Architekten demonstrieren, was mit etwas mehr Gestaltungsfreiheit möglich ist, auch wenn Fluchtwege und Erdbebensicherheit noch immer gewährleistet sein müssen. Die Bauordnung und die Standards nachhaltigen Bauens sollten hinterfragt werden, so dass das Ziel zählt und nicht der Weg dahin. Zudem zeigt Tokio mit seiner Anpassungsfähigkeit, dass kurze Lebenszyklen auch Vorteile haben können.

7. Verständnis der Stadt

Noch immer steckt in unseren Köpfen die Idee der geordneten europäischen Kernstadt und der ungeordneten Peripherie. Wird Stadt aber funktional definiert, also nicht über ihre Morphologie, sondern über das, was sie leistet, können Planungsstandards neu konzipiert werden.

Städte sind Katalysatoren menschlicher Interaktionen, die wir je nach Blickwinkel Wirtschaft, Kultur oder öffentliches Leben nennen. In Städten finden wir Arbeit, treffen Menschen, stoßen auf Ideen oder versorgen uns mit den für das tägliche Leben notwendigen Dingen.

Nachhaltigkeit beruht dabei nicht nur auf der energetischen Optimierung von Gebäuden oder dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs, sondern auf der Effizienz des Gesamtsystems, die sich aus Dichte, Diversität und der Qualität der Vernetzung ergibt. Stadt ist dabei nicht eine im Schwarzplan oder Massenmodell geplante Verteilung von Volumen, sondern ein reiches, anpassungsfähiges Standortmosaik unterschiedlichster Nutzungsmöglichkeiten, eine urbane Ökologie („Ecological Urbanism“). Das Ziel dieser urbanen Ökologie ist eine möglichst hohe Resilienz, also die Fähigkeit elastisch auf Veränderungen des Umfelds zu reagieren, sei dies eine sich ändernde Demografie, eine Verknappung von finanziellen Mitteln oder Ressourcen. Um Städte zu verstehen, brauchen wir also über das bereits etablierte Verständnis spezifischer Phänomene hinaus auch eine Wissenschaft allgemeiner Grundsätze.

Tokio demonstriert die Vorteile, die entstehen, wenn die Ansprüche des Individuums zugunsten einer vielfältigen Nutzung der Stadt zurückgestellt werden; denn aus der Interaktion zwischen Menschen ergibt sich schlussendlich die Stadt. Tokio mit seinem metabolischen Charakter zeigt eine andere Möglichkeit, Stadt zu denken: nicht großmaßstäblich, mit klaren Grenzen und Eigentumsverhältnissen, stabil, repräsentativ und dem Individuum verpflichtet, sondern kleinteilig, verdichtet, adaptiv, temporär und kollektiv genutzt. Wenn wir dabei sind, die CIAM-Stadt zu überwinden, sollten wir vielleicht auch die Stadt der Gründerzeit überdenken.

 

Dieser Text beruht auf den Präsentationen und Diskussionen der Teilnehmer des Symposiums „Learning from Tokyo“.

Japanische Teilnehmer (in der Reihenfolge der Präsentationen): Riken Yamamoto, Architekt, Yokohama; Go Hasegawa, Architekt, Tokio; Sou Fujimoto, Architekt, Tokio; Ryuji Fujimura, Architekt, Tokio; Akihisa Hirata, Architekt, Tokio.

Schweizer Teilnehmer (in der Reihenfolge der Präsentationen): Roger Diener, Architekt, Basel (Panel); Piet Eckert, Architekt, Zürich; Frank Argast, Stadtplaner (Panel), Zürich; Matthias Heinz, Architekt, Zürich (Panel); Daniel Niggli & Mathias Müller, Architekten, Zürich; Marc Angélil, Architekt, Zürich (Panel); Wilhelm Natrup, Kantonsplaner, Zürich (Panel); Christian Kerez, Architekt, Zürich; Anh-Linh Ngo, ARCH+, Berlin (Panel); Fabio Gramazio, Architekt, Zürich (Panel).

Moderation: Markus Schaefer & Hiromi Hosoya, Architekten, Zürich

Organisatoren: Hiromi Hosoya (Architektin, Zürich), Markus Schaefer (Architekt, Zürich), Ryoko Ikeda (Architektin, Zürich), Sasha Cisar (Architekt, Zürich), Mitsuhiro Kanada (Ingenieur, Tokio) in Zusammenarbeit mit dem Architekturforum Zürich Das Symposium und die Ausstellung „Learning from Tokyo“ fanden im Architekturforum Zürich statt und wurden unterstützt von der Japan Foundation, der Sakae Stünzi Foundation, der IKEA Stiftung Schweiz, ANA /All Nippon Airlines, Zürich Airport und der Stadt Zürich.

www.learningfromtokyo.ch

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