ARCH+ 208


Erschienen in ARCH+ 208,
Seite(n) 126-127

ARCH+ 208

Das Ende des „anthropischen Prinzips“

Von Ishigami, Junya /  Ngo, Anh-Linh

Angesichts der gegenwärtigen Krisen wächst das Unbehagen an der dualistischen Denkweise der Moderne. Einer der ersten, der sich der Überwindung dieses Dualismus zwischen Natur und Kultur, zwischen Mensch und Welt, zwischen Subjekt und Objekt verschrieben hat, ist der französische Soziologe Bruno Latour, dessen Gesellschaftsmodell menschliche wie auch nichtmenschliche Wesen vereint. Auch die Kunst hat sich auf der diesjährigen Documenta des Themas angenommen und fordert ein Ende des Anthropozentrismus.

Diese Tendenz findet ihren differenziertesten Denker in dem Philosophen Wolfgang Welsch, der vom „anthropischen Prinzip“ spricht, das uns zu Weltfremdlingen gemacht habe. Es geht ihm dabei nicht darum, die Machtverhältnisse einfach umzukehren und die Natur über den Menschen zu stellen, sondern diesen wieder als „welteinheimisches Wesen“ mit der Natur zu versöhnen. Wenn der japanische Architekt Junya Ishigami im folgenden Gespräch in dieselbe Richtung argumentiert, so ist es ein Zeichen dafür, dass dieses Denken für die Architektur Konsequenzen haben kann. Denn auch Welsch fordert, die Architektur wieder stärker an der Umwelt statt an menschlichen Bedürfnissen zu orientieren. Auch wenn Ishigami dabei auf traditionelle und vernakuläre Strukturen zurückgreift, so muss man keineswegs eine konservative Wende befürchten. Vielmehr erleben wir derzeit vielleicht den Beginn einer Revolution, und Revolutionen, so hat es Michael Stallknecht kürzlich in einem Bonmot zusammengefasst, „waren bekanntlich immer schon Restaurationsversuche mit progressivem Ausgang.“

 

Anh-Linh Ngo: Wir beobachten eine interessante Entwicklung in der zeitgenös­sischen japanischen Architektur, die Ihre Kollegen wie Sou Fujimoto unter dem Konzept der „Primitiven Zukunft“ oder Akihisa Hirata unter dem Begriff „Tangling“, also Verflechtung, zusammengefasst haben. Es geht in vielen Projekten, die wir in diesem Heft vorstellen, letztendlich darum, wie wir im kleinen Maßstab wieder eine Beziehung zu unserer Umwelt aufbauen können. Umwelt nicht nur im Sinne der Natur, sondern im Sinne der gesamten Lebenssphäre, die uns umgibt, d. h. auch und vor allem die urbane Umwelt. Auch Sie sprechen davon, dass wir die Unterscheidung von artifizieller und natürlicher Umwelt aufgeben müssen.

Junya Ishigami: Wenn wir über die Zukunft der Stadt nachdenken, müssen wir über den menschlichen Maßstab hinausgehen. Wir müssen unseren Blickwinkel über die menschliche Sphäre hinaus erweitern. Dies gilt nicht nur für den Umgang mit den Städten, sondern betrifft alle menschlichen Aktivitäten und unsere Zivilisation insgesamt. Wir müssen eine neue Herangehensweise entwickeln, die die Menschen und die Dinge um uns herum miteinbezieht, weil wir für sie Verantwortung tragen. Das wiederum heißt, das wir lernen müssen, die anthropozentrische Sichtweise der Moderne hinter uns zu lassen.

NGO: Das ist ein Thema, das derzeit viele beschäftigt und das auch in der Kunst diskutiert wird. Carolyn Christov­-Bakargiev, die künstlerische Leiterin der diesjährigen Documenta 13, spricht zum Beispiel vom „Posthumanismus“. Der Be­griff ist jedoch missverständlich und viele kritisieren den Ansatz zu Unrecht als Ökoromantik. Es geht jedoch im Kern darum, dass wir in der Vergangenheit zu rücksichtslos und zu ausschließlich die Interessen der Menschen in den Mittel­punkt gestellt haben. Dieses Denken hat uns spürbar in eine Sackgasse geführt. Wir müssen lernen, in unserem Handeln auch die nicht­menschliche Sphäre in Betracht zu ziehen.

JI: Dem würde ich zustimmen. Die Reichweite unseres Handelns ist heute so umfassend, dass wir nicht mehr dessen Einfluss auf die globale Umwelt ignorieren können. Wir können daher unsere Lebenssphäre auch nicht mehr in einen künstlichen und natürlichen Bereich teilen und sie getrennt voneinander betrachten. Welche Folgen diese Denkweise hat, sehen wir an den Krisen unserer Zeit. Aber wenn ich sage, wir müssen von einer anthropozentrischen Weltsicht wegkommen, heißt es nicht, dass ich die Menschen und ihre Interessen negiere. Das wäre in der Tat ein naiver Romantizismus. Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, dass das Leben der Menschen reicher wird, wenn wir uns nicht mehr in den Mittelpunkt stellen und uns stärker mit der Welt in ein Verhältnis setzen.

NGO: Geht es Ihnen und vielen Ihrer japanischen Kollegen also nicht um eine Entgrenzung, nicht nur die Entgrenzung der Architektur, was in den Projekten sofort ersichtlich wird, sondern des Sozialen insgesamt? Damit berühren Sie ein philosophisches Thema, das wir anhand der Arbeit des französi­schen Philosophen und Soziologen Bruno Latour seit einiger Zeit verfolgen. Verkürzt gesagt, vertritt er die These, dass wir die Welt als ein Netzwerk von Menschen und Dingen betrachten müssen. Ihm zufolge konstituieren nicht nur menschliche, sondern auch nicht­menschliche Wesen die soziale Welt. Dadurch wird die Un­terscheidung der Moderne zwischen Natur und Kultur obsolet. Sehen Sie hierin eine Verwandtschaft zu Ihrer Forderung, wir sollten den Menschen „dezentrieren“?

JI: Ja, wobei wir das in der Architektur viel konkreter festmachen können. Unsere Zivilisation basiert bisher auf der Idee, dass wir den Lebensraum des Menschen als Komfortzonen einrichten, die von der Natur und der Umwelt abgesondert sind. Einfach gesprochen, wir haben Häuser gebaut, um uns vor den Naturelementen wie Sonne, Regen oder Wind zu schützen. Als Schutzvorrichtungen hatten sie die kulturelle Aufgabe, uns von der Natur zu trennen. Aber von nun an müssen wir einen anderen Ansatz verfolgen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die beiden Bereiche wieder miteinander verbinden können. Was voneinander geschieden wurde, muss wieder verbunden werden. Das ist die elementare Zukunftsaufgabe der Architektur.

NGO: Die Erkenntnis, dass uns die Architektur als Technik zur Beherrschung der Umwelt von eben dieser entfremdet hat, ist nicht neu. Die Frage ist eher, wel­che produktiven Folgerungen wir daraus ableiten, ohne dabei in die romanti­sche Falle einer primitivistischen Zivilisationskritik zu tappen, die eine Rückkehr zu vorindustriellen sozialen Strukturen fordert. Wir haben bei der Bearbeitung des Heftes mit dieser Einschränkung eine Arbeitsthese verfolgt, die wir Sou Fujimotos Manifest „Primitive Future“ entlehnt und als „neuen Primitivismus in der Architektur“ umschrieben haben. Der Primitivismus ist ja eine zyklisch wiederkehrende Denk­figur, die auf der Verlusterfahrung von Einfachheit und Ursprünglichkeit basiert. Wir möchten mit dem Ansatz aber nicht die Rückkehr zu einer wie auch immer gearteten primitiven Urgesellschaft propagieren. Vielmehr wollen wir damit zum Ausdruck bringen, dass wir an einem Scheidepunkt angelangt sind, an dem unsere Zivilisation insgesamt in Frage gestellt wird, wie die Katastrophe von Fukushima uns deutlich vor Augen geführt hat.

JI: In Prinzip teile ich die Analyse, deswegen sollten wir den Begriff Primiti­vismus mit Vorsicht benutzen, weil darin die Konnotation mitschwingt, dass wir die Natur über den Menschen stellen müssten. Anstelle der naiven Vorstellung, alles werde gut, wenn wir der Natur gegenüber den Menschen Priorität einräumten, verfolge ich den Ansatz, die menschliche und die natürliche Sphäre einander anzunähern, sie stärker miteinander zu verflechten. Das Ergebnis soll weder „natürlich“ noch „künstlich“ sein. Vielmehr handelt es sich um einen neuen Umweltbegriff, der aus der Mischung von Natur und Kultur, oder um Ihre Anregung und Latours Begriffe aufzugreifen, aus der Verflechtung von menschlichen und nichtmenschlichen Wesen resultiert. Eine Umwelt, die in der Form nie existiert hat, auch nicht in einer imaginären „primitiven“ Vergangenheit.

NGO: Lassen Sie uns den Ansatz an einem konkreten Beispiel diskutieren – Ihrem Projekt Group House, einem Heim für Demenzkranke. Mich interessiert, wie Sie diese Themen architektonisch umsetzen. Wie entwirft man eine verflochtene Umwelt? In Ihrer Studie für den Audi Urban Future Award haben Sie die Resträume Tokios zum Ausgangs­punkt Ihrer Untersuchung genommen. Es ist auffällig, dass Sie, wie viele aus Ihrer Generation, sich mit den Zwischenräumen beschäftigen – jenen elastischen Räu­men, die Peter Eisenman einmal als „interstitial spaces“ bezeichnete. Sie brechen in Ihren Entwürfen häufig die Funktionen auf, fragmentieren das Programm, vertei­len es auf verschiedene Volumina, um die dabei entstehenden Zwischenräume zu aktivieren. Versuchen Sie damit, die Bewohner und die Architektur stärker mit der Umwelt zu verweben, sie interagieren zu lassen?

JI: Die Ausgangsidee von Group House war sehr einfach. Ich wollte für die Bewohner eine Art Landschaft schaffen, die ihnen eine differenzierte Umwelt bietet. Denn ich bin der Meinung, dass die monotonen, abgeschlossenen Räume der meisten modernen Bauten nicht den Bedürfnissen von alten und kranken Menschen entsprechen. Statt Monotonie brauchen die Menschen Vertrautheit und Orientierung, Orte an denen sie anderen begegnen oder einfach auch draußen sein können. Es reicht nicht, einfach Häuser hochzuziehen und die alten und kranken Menschen darin unterzubringen. Ich möchte den Bewohnern stattdessen eine Landschaft entwerfen, die ihnen vertraut erscheint, weil ich auf vernakuläre Bauformen zurückgreife, die ich von Abrisshäusern wiederverwende. Und selbst bei der Gestaltung der Außenräume gehen wir so vor, dass wir in entlegenen Gebirgsregionen nach schönen Bäumen suchen und diese dahin verpflanzen.

NGO: Wie ist der Rückgriff auf vernakuläre bzw. vorhandene Strukturen zu verstehen? Misstrauen Sie der Moderne?

JI: Ja, das tue ich, zumindest wenn wir von der Moderne im landläufigen Sinne sprechen, mit ihren sterilen, auf reine Effizienz getrimmten Räumen, wie wir sie im Krankenhausbau und in Heimen häufig finden. In dieser Härte ist die Moderne eher etwas für Gesunde … (lacht) Aber damit wir uns nicht missverstehen: Es geht mir dabei weniger um eine generelle Kritik der Moderne, und schon gar nicht um eine antimoderne Haltung. Lassen Sie es mich anders ausdrücken: Ich habe Materialien und Konstruktionen wiederverwendet, die in der Regel nicht älter als 30 Jahre alt sind, maximal 50 oder 100. Wo fängt hier die Tradition an und wo hört die Moderne auf? Sie sehen, es ergibt keinen Sinn, in diesen Kategorien über diese anonyme Alltagsarchitektur zu sprechen. Ich gehe ja nicht soweit, die Dächer wieder mit Stroh zu decken. Ich bleibe bei den üblichen industriell hergestellten Ziegeldächern, die man überall verwendet. Worum es mir im Grunde geht, ist der Architektur wieder zu einer Vielfalt und methodischen Freiheit zu verhelfen, die auf die Bedürfnisse der Auftraggeber eingeht. Darin sehe ich die Aufgabe der Architekten. Wenn wir ein traditionelles Dach benutzen oder was auch immer, sollte es als Teil der methodischen Vielfalt interpretiert werden, die dem Architekten zu Gebote steht.

NGO: Wenn wir uns das Group House anschauen, dann schaffen Sie mit sehr einfachen Mitteln eine fast verwirrende Vielfalt. Auf dem ersten Blick sieht man gar nicht, was innen und was außen ist. Es handelt sich um eine unhierarchi­sche Struktur, die Innen-­ und Außenräume verwebt.

JI: In einem übergeordneten Sinn bin ich beim Entwerfen vor allem daran interessiert, einen Kontext, wir können es auch Umwelt nennen, zu schaffen. Was ich damit meine, ist, dass sich die Architektur nicht auf den Innenraum verengen darf, auf eine homogene, kontrollierte Umwelt, die einzig den Komfort der Bewohner im Inneren des Hauses im Blick hat. Ich bin eher an der Erschaffung einer neuen Art von Umwelt interessiert, die das Innere zum Außen und das Außen zum Inneren macht. Das klingt vielleicht etwas konfus… (lacht)

NGO: Nein, erklären Sie es … (lacht)

JI: Ich möchte das Innere der Architektur so entwerfen, dass sie sich wie Außenräume anfühlen. Es ist eine neue Kategorie, die weder innen noch außen ist. Was ich damit bezwecke, ist, das Unbekannte, das Unkontrollierbare, das die äußere Umwelt beinhaltet, im Inneren zu aktivieren. Kurz gesagt: Ich möchte eine neue Art von Außenraum im Gebäude schaffen.

NGO: Diese Erfahrung habe ich tatsächlich gemacht, als ich Ihr Werk­stattgebäude auf dem Campus des Kanagawa Institute of Technology (KAIT) in der Nähe von Tokio besucht habe. Der Raum ist in der Tat eine neue Art von Landschaft, die sich weitet und verengt, je nach dem wie die Stützen oder Möbel platziert sind. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Studenten und Lehrenden den Raum okkupieren und ihn für sich aktiviert haben. Man sieht dort viele improvisierte Raumsituationen und lauter kleine Kon­struktionen, die zeigen, wie sich die Menschen diese ungewöhnliche Landschaft auf eine pragmatisch-­poetische Weise angeeignet haben: zum Beispiel, wie die Benutzer mit Schraubzwingen Dinge in dieser wandlosen Werkstatt an den Stüt­zen aufgehängt haben. Auch der Weg durch den Raum wirkt sehr improvisiert, in der Art, wie es sich die deutschen Erfinder der Bürolandschaft in den 1960er und 1970er Jahren immer erträumt haben. Ich hatte das Gefühl, dass die Frage, wie wir uns durch den Raum bewegen, etwas sehr Wichtiges wird. Offensichtlich hat dies damit zu tun, dass Sie sowohl die Architektur als auch die Stadt als Land­schaft neu interpretieren?

JI: In der Architektur wie in der Stadt sind wir bisher im Hinblick auf die Bewegung von einer uniformen Infrastruktur ausgegangen: Im Gebäude sind es Korridore, die die Menschen effizient verteilen, in der Stadt sind es Straßen und Schienen. Selbstverständlich brauchen wir bis zu einem gewissen Grad eine übergeordnete, uniforme Infrastruktur. Aber dieser Ansatz hat bisher dazu geführt, dass die Architektur und die Stadt sich nach der Infrastruktur ausrichten, sich an die Bewegung anpassen mussten. Ich möchte dieses Verhältnis umkehren. Genauso wie ich im KAIT-Gebäude versucht habe, eine situative Bewegung zu ermöglichen, so möchte ich das Gleiche für die Stadt im Bereich der Mobilität untersuchen. Der Verkehr soll nicht mehr die Stadt beherrschen, sondern sich an die Situation und die Umwelt anpassen. Und dafür brauchen wir einen neuen Ansatz.

 

Das Gespräch fand am 16. Mai 2012 im Rahmen des Audi Urban Future Award 2012 in Ingolstadt statt.

Transkription: Lara Stöhlmacher

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