ARCH+ 209

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Erschienen in ARCH+ 209,
Seite(n) 3

ARCH+ 209

Politische Bezüge der Architektur – in 9 + 1 Kategorien

Von Fischer, Sabine von

Pedro Gadanhos Debüt als Kurator für Architektur am Museum of Modern Art in New York.

Architektur sei schon immer politisch gewesen. So will uns die jüngste Architekturausstellung des Museum of Modern Art glauben machen: 9 + 1 Ways of Being Political: 50 Years of Political Stances in Architecture and Urban Design. Mit einer Auswahl von 100 Werken aus dem 28.000 Stücke umfassenden Gesamtbestand der Architektur- und Designsammlung hat der 43-jährige Portugiese Pedro Gadanho seine erste Schau als neuer Kurator für Architektur des Museums zusammengestellt.

Die seit 1932 aufgebaute und seither stetig gewachsene Architekturund Designsammlung hat das New Yorker Museum of Modern Art immer wieder eingesetzt, um Themen, Trends und vor allem die Geschichtsschreibung zu steuern. Mit der aktuellen Architekturausstellung versucht die Institution, vorhandene oder suggerierte politische Anbindungen verschiedener Avantgardebewegungen seit der Nachkriegszeit mit der aktuellen Architekturszene in Verbindung zu setzen. Dass ein solches Vorgehen, mit dem ein breites Publikum bedient werden soll, nicht ohne Beliebigkeit und eine Verflachung der Zusammenhänge geschehen kann, liegt auf der Hand. Die schiere Ausstrahlung der gezeigten Werke allerdings entfaltet, unbeachtet ihrer theoretischen Klassifizierung, eine Wirkung, der sich kaum ein Besucher wird entziehen können. Fast könnte man meinen, der Slogan, Architektur sei eigentlich in jeder hier gezeigten Form politisch, sei ein bloßer Vorwand, um diese Schätze aus der Sammlung in solcher Dichte zu zeigen.

Im ersten und größten Raum spielt die Ausstellung ihre Trümpfe aus. Unprätentiös sind beidseitig des Raums gerahmte Zeichnungen gehängt. Die überwiegend unrealisierten Projekte aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind in den zwei Kapiteln Radical Stances und Fiction and Dystopia zusammengefasst. In den Begleittexten wird nachdrücklich auf das politische Potential der Architekturprojekte hingewiesen, darunter zwölf Zeichnungen und Collagen aus der Serie Exodus, or the Voluntary Prisoners of Architecture von Koolhaas, Vriesendorp und Zenghelis aus dem Jahr 1972 (vgl. S. 32 ff. in diesem Heft), und weitere Sammlungsbestände von Andrea Branzi, Peter Cook, Léon Krier, Cedric Price, Aldo Rossi und Bernard Tschumi. Dieser erste bildstarke Raum bildet den Auftakt für die weiteren sieben Sequenzen, die unter Titeln wie Consuming Brandscapes oder Occupying Social Borders den Bogen bis in die Gegenwart spannen.

Die Zuordnung der 100 Werke zu neun Themenkomplexen scheint zuweilen austauschbar, vor allem, wenn am Ende des Rundgangs unter dem Titel Interrogating Shelter Peter Eisenmans Axonometrien der House IV Transformation Study (1975) kommentarlos neben Skizzen zum Growing House für Caracas von Marjetica Potrc (2003) gehängt wird, als ob die autonome Architektur sich nie gegenüber der sozialen Plastik abgegrenzt hätte. Die Performance IKEA Disobedients des jungen spanischen Architekten Andrés Jaque, die zwei Mal stattfand, ergänzt die neun Kapitel als „+ 1“ und ist auf einem Videomonitor am Ende der Ausstellung dokumentiert.

Der forcierte Bezug zur Politik markiert ein neues Kapitel in der Geschichte des MoMA. Seit Philip Johnson 1932 die Architektur- und Designsammlung gründete, deren erster Kurator er dann auch war, übte er weit über das Museum hinaus großen Einfluss aus. Ausstellungen wie jene zum International Style (1932, zusammen mit Henri Russell-Hitchcock) bis zu Deconstructivist Architecture (1988, zusammen mit Mark Wigley) prägten nachhaltig Begriffe, mit denen Architektur bis heute kategorisiert wird. Unter der Leitung von Barry Bergdoll, Chefkurator für Architektur und Design seit 2006, hat nun Pedro Gadanho als Kurator für Architektur die Nachfolge von Andres Lepik angetreten, der als Museumsdirektor und Professor für Architekturgeschichte an die TU München berufen wurde. Bereits Lepik hatte vor knapp zwei Jahren die von Johnson geprägte, vorwiegend formale Ausrichtung der MoMA-Architekturausstellungen mit der Schau Small Scale – Big Change. New Architectures of Social Engagement in die Vergangenheit gerückt.

9 + 1 Ways of Being Political ist als Installation aus Sammlungsbeständen angelegt. Ohne Fremdexponate und ohne Begleitkatalog ist sie noch nicht das große Debüt, sondern erst eine Absichtserklärung des neuen Kurators, dessen meistzitiertes Statement zu seinem neuen Posten lautet, das „Kuratieren die neue Kritik“ sei. Allerdings waren Ausstellungen schon immer eine Form der Architekturkritik. Es mag stimmen, dass sie in der Zeit der vermehrt audiovisuellen Medialisierung der Architektur an Aktualität gewonnen haben. Wenn Kuratieren aber Kritik sein will, dann sind die Zuordnungen in Gadanhos aktueller Schau zu beliebig.

 

9 + 1 Ways of Being Political: 50 Years of Political Stances in Architecture and Urban Design; Kuratiert von Pedro Gadanho und Margot Weller

Museum of Modern Art, New York, bis 25. März 2013.

www.moma.org  

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