ARCH+ 209

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Erschienen in ARCH+ 209,
Seite(n) 4-5

ARCH+ 209

Thomas Bayrle auf der Documenta 13

Von Ngo, Anh-Linh

Die von der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev verantwortete 13. Documenta verbuchte nach 100 Tagen mit 860.000 Besuchern einen Besucherrekord. Damit strafte sie alle Unkenrufe im Vorfeld der Ausstellung Lüge. Selbst noch nach der Eröffnungspressekonferenz hatte der PR-verwöhnte Teil der Kunstpresse hämisch gefordert, „the next director should start with a course in public and international relations“ (Jennifer Allen/frieze), weil Christov-Bakargiev sich nicht auf die gängigen Erwartungen der Branche einließ. Was von dieser Documenta also zumindest bleiben wird, ist die ermutigende Botschaft, dass man auch mit ernsthaften Inhalten eine sehr sinnliche Schau hinbekommen kann und abseits der vermeintlichen Gewissheiten der PR-Maschinerie und des Kunstmarkts ein breites Publikum erreichen kann, gerade weil Christov-Bakargiev ihr sperriges Konzept, das sie kokett immer wieder als Nicht-Konzept deklarierte, konsequent und kompromisslos verfolgte.

Posthumanismus war ein zentraler Begriff dieses Konzepts, wurde allerdings häufig missverstanden und provozierte Kritik. So wurde er von manchen boshaft als „feministischer Ökoromantizismus“ abgetan. Wenn wir den Begriff allerdings mit dem Philosophen Wolfgang Welsch als die Forderung nach dem Ende des „anthropischen Prinzips“ umschreiben, heißt das, dass es auch andere berechtigte Interessen außer jenen des Menschen gibt, die wir berücksichtigen müssen. Diese Öffnung der Welt gegenüber kann nicht nur für die Kunst richtungsweisend sein, sondern auch im Kontext der Architektur eine Bedeutung haben, wie wir in ARCH+ 208 „Tokio: Die Stadt bewohnen“ im Gespräch mit dem japanischen Architekten Junya Ishigami diskutiert haben. Für Ishigami geht es um eine Bereicherung, nicht um eine Einschränkung unseres Lebens, wenn wir uns auf die Umwelt einlassen: „Aber wenn ich sage, wir müssen von einer anthropozentrischen Weltsicht wegkommen, heißt es nicht, dass ich die Menschen und ihre Interessen negiere. Das wäre in der Tat ein naiver Romantizismus. Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, dass das Leben der Menschen reicher wird, wenn wir uns nicht mehr in den Mittelpunkt stellen und uns stärker mit der Welt in ein Verhältnis setzen.“ Es geht also keinesfalls darum, die Machtverhältnisse einfach umzukehren und die Natur über den Menschen zu stellen, wie es einige Kritiker Christov-Bakargiev vorgeworfen haben, sondern darum, den Menschen wieder als „welteinheimisches Wesen“ oder als „Weltbewohner“ (Welsch) mit seiner Umwelt zu versöhnen. Denn angesichts der gegenwärtigen Krisen wächst das Unbehagen an der dualistischen und antagonistischen Denkweise der Moderne: Natur vs. Kultur, Mensch vs. Tier, Subjekt vs. Objekt. Diese Kluft können wir nur überwinden, so der französische Soziologe Bruno Latour, wenn wir unsere Gesellschaft als eine Versammlung von menschlichen wie auch nichtmenschlichen Wesen begreifen und uns nicht über die Dinge stellen.

In diesem Kontext verwundert es daher nicht, dass Christov-Bakargiev den Arbeiten des Künstlers Thomas Bayrle besonders viel Raum eingeräumt hat. Bayrle, 1937 in Berlin geboren, hat als Professor an der Städelschule in Frankfurt a. M. von 1972 bis 2002 Generationen von jungen Künstlern geprägt und sich immer wieder mit Themen wie Ökonomie und Technik oder Masse und Medien beschäftigt. Auf der diesjährigen Documenta (nach der 3. und 6. seine dritte Documenta-Teilnahme) war er mit zwei großformatigen Wandbildern (Carmageddon und Flugzeug) sowie einer Anzahl kinetischer Skulpturen aus Motorteilen, die zu „sprechenden“ und „betenden“ „Rosenkränzen“ und „Monstranzen“ gefügt sind, in der Documenta-Halle zu sehen.

Vor fünf Jahren hatten wir anlässlich der Teilnahme von ARCH+ am Zeitschriftenprojekt der Documenta 12 Thomas Bayrle zum Interviewmarathon mit Hans Ulrich Obrist und Rem Kohlhaas nach Kassel eingeladen. Die Gespräche haben wir in ARCH+ 186/187 veröffentlicht. Bereits damals hat Bayrle eindrücklich von jenen Erlebnissen berichtet, die er nun in den Skulpturen verarbeitet hat:

„Als junger Mann lernte ich Maschinenweber in einem süddeutschen Textilbetrieb. Die Zeit von 1956 bis 1958 verbrachte ich vor Webautomaten und anderen Textilveredlungsmaschinen. Dieser Umgang mit Stoffen und Geweben hat mich sehr geprägt: Einerseits interessierte mich die rigide Technik, bei der es vordergründig um Flächen geht. Andererseits interessierte mich aber auch die Vorstellung, dass es bei Stoffgeweben genau genommen um minutiöse Reliefs aus Über- und Unterführungen von Tausenden von Fäden geht. […] Mehr noch als die Struktur der verschiedenen Gewebe faszinierte mich jedoch der Maschinen-Rhythmus – der kollektive Sound aller Maschinen zusammen, der wie ein riesiger Film über dem Maschinenraum lag. Um in diesem Krach ‚zu überleben‘, musste ich auf das Stöhnen und Stampfen der Maschinen eingehen. Man musste sich mit ihrem Rhythmus kurzschließen und sich so in das Innenleben des Webautomaten hineinbegeben. In der Raserei dieser Halle konnte man schreien / toben / singen, so laut man konnte – und trotzdem hörte niemand etwas. Es gab Situationen, in denen ich absackte und für Sekunden regelrecht in einen Wachtraum fiel. An einem gewissen Punkt von Sinnesüberreizung stellte sich ein einschneidendes Erlebnis ein: Bei einer bestimmten Frequenz begann meine Maschine, ‚menschlich zu singen‘. Aus dem Inneren des Getriebes drang plötzlich ein leises, menschliches Jammern. Das erregte mich total – und ich hörte tiefer in die rasende Materie hinein […] Bei einer bestimmten Drehzahl näherten sich Mensch und Maschine gänzlich an – ich hörte jetzt plötzlich Nonnen den Rosenkranz singen. Nass geschwitzt sah ich die Betschwestern vor mir in einem dunklen Kirchenschiff sitzen. Leise und monoton murmelten sie immer und immer wieder die gleichen Strophen: … heilige Maria voll der Gnaden, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes … bitt für uns … bitt für uns … bitt für uns … Rhythmisch wie der Treibriemen einer Dampfmaschine klang das: bitt für uns … bitt für uns … bitt für uns … Oh boy, das war ein Alarmzeichen! Als dieses Erlebnis öfters vorkam, quittierte ich den Dienst.“

(Das vollständige Gespräch ist in ARCH+ 186/187, S. 148 ff. abgedruckt.)

Für seine Arbeit hat Thomas Bayrle zum Abschluss der Documenta 13 den Arnold-Bode-Preis der Stadt Kassel erhalten.

Die Arbeiten von Thomas Bayrle hat die Kasseler Fotografin Monika Nikolic für uns dokumentiert. www.monikanikolic.com

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