ARCH+ 209

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Erschienen in ARCH+ 209,
Seite(n) 6

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Welche Kunst für wessen Stadt? Die Konferenz reART:theURBAN in Zürich

Von Parijs, Sander van

Künstler, Akademiker und Aktivisten aus der ganzen Welt trafen sich vom 25. bis 27. Oktober 2012 in Zürich, um gemeinsam darüber nachzudenken, was die Künste zur Entwicklung der Städte und der urbanen Gesellschaften beitragen und wie sich Künstler bei der Schaffung öffentlicher Räume einbringen können. Das Spektrum der Tagung reichte vom omnipräsenten Spiel zur kreativen Produktion, von der politischen Ökonomie zur Performancekunst, vom „Artivismus“ zur Stadtplanung. Im Hintergrund stand stets die Frage: Welche Kunst für wessen Stadt?

„Ist Kunst gefährlich?“ fragte der slowenische Philosoph Slavoj Žižek in seinem Abschlussvortrag. Vielleicht sollte man die Dichter aus der Stadt hinauswerfen, meinte er unter Verweis auf Platon. Aber räumte er ein, könne man die Dichtung nicht für alle Verbrechen verantwortlich machen, die von repressiven Regimen begangen würden, auch wenn Dichter möglicherweise dazu beitrügen, die kollektive Fantasie zu manipulieren. So verlockend dieser Vorschlag sein mag, ging er doch ein wenig über die Sache hinaus, da die Frage damit nicht mehr nur lautete, ob Kunst eine Gesellschaft zu beeinflussen vermag, sondern wie und für wen sie diese Rolle spielen kann. Auf dieses Thema kam man in den Diskussionsgruppen immer wieder zurück. Behandelt wurden dabei sowohl die Rolle der Kunst innerhalb von städtischen und demokratischen Entwicklungen vor Ort als auch die Gefahr ihrer Instrumentalisierung durch ein bestimmtes sozioökonomisches und politisches Regime. Wie der Geograf Erik Swyngedouw hervorhob, ist diese Frage nach dem Wie? und dem Für wen? die potenzielle politische Dimension der Kunst, wenn sie beginnt, leere Begriffe zu problematisieren, die von den städtischen Eliten ständig verwendet, aber kaum jemals hinterfragt werden – so etwa „Öffentlichkeit“, „multikulturelle Gesellschaft“, „kreative Stadt“ etc. Kunst wird dann politisch, wenn sie sich wieder auf „das Gemeinsame“ konzentriert und spezieller noch auf die Frage, wessen Gemeinsames dies ist, sein kann oder sollte.

Allerdings teilten nicht alle Konferenzteilnehmer diese Deutung der Künste als machtvoller politischer Faktor. Der britische Autor und Politikberater Charles Landry betonte, man solle künstlerisches Denken als eine zusätzliche Wissensdimension auffassen, die in die derzeitigen technokratisch dominierten Praktiken der Stadtplanung und Politikgestaltung allgemein integriert werden sollten. Der Philosoph Jens Badura vertrat die These, dass der Wert der Kunst darin bestehe, Konfigurationen zu schaffen, in denen die Vielfalt unserer Umgebungen aneinandergeraten und erlebt werden kann. Zugleich mahnte er, dass man nicht in die Falle tappen dürfe, einer Funktionalisierung der Künste das Wort zu geben. Schließlich betonte er, man könne die Tatsache, dass das sogenannte abstrakte Wissen notwendig sei, um unsere Welt zu ordnen, nicht ignorieren.

Das Kollektiv Spacedepartment und die Stadtaktivisten zURBS betonten hingegen die Wichtigkeit impliziten Wissens und prozessorientierter Herangehensweisen an die Stadtplanung. Spacedepartment praktizieren dies durch eine „performative Planung“, die die Ambiguität zwischen den Begriffen des Planens und des Performens ausfindig macht, und zURBS durch die sozial-künstlerische Methode, mit der Stadt zu arbeiten. Die Herausforderung besteht darin, „den langen Moment“ (Charles Landry) einzuführen, also zu einer nachhaltigen Wirkung des Handelns zu gelangen. Jedoch besagt der Umstand, dass man etwas im Raum und in der Zeit fixiert, noch nichts über dessen Qualität, was sich durch einen Verweis auf Landrys eigene Kritik an der Stadt der Moderne illustrieren ließe, deren Narben im Gewebe unserer Städte nach wie vor gegenwärtig sind. Darüber hinaus lässt sich die Qualität des Bewusstseins und des Diskurses mit diesen Begriffen kaum messen. Die Macht der Künste liegt dem Soziologen Dirk Baecker zufolge darin, dass ihre Performanz zweiter Ordnung die Stadt selbst als soziale Performanz freilegt. Um zu verstehen, wie es „Fremde schaffen können, zusammen zu leben und Fremde zu bleiben“, konstruiert er ein Konzept von Vertrauensspielen, bei der eine Art „Kühler“ potenzielle Konflikte zwischen Betrügern und Betrogenen beruhigt. Kunst, so seine These, stellt Vertrauensspiele zur Schau und gibt den Menschen qua Katharsis die Mittel an die Hand, zwischen den Rollen zu wechseln. Verbindet man dies mit dem von Žižek formulierten Paradox des öffentlichen Raums – „selbst wenn allen eine bestimmte unerfreuliche Tatsache bekannt ist, ändert sich alles, wenn man diese öffentlich ausspricht“ –, dann könnte man argumentieren, dass die Kunst diese Rolle auf der Ebene des äußeren Scheins spielen könnte.

Kehren wir abschließend nochmals zu Žižeks polemischer Frage zurück, ob die Künste gefährlich sein können. Im Rückgriff auf die verschiedenen Perspektiven, die während der Konferenz deutlich wurden, lässt sich das fast zu offensichtliche Argument vorbringen, dass das Potenzial der Kunst nichts Illusorisches haben muss, um das gegenwärtige städtische Regime zu unterstützen, aber dass sie eine ausdrücklich politische Kraft entwickeln kann, indem sie die Büchse der Pandora im Hinblick auf aktuelle Planungs- und Entscheidungspraktiken öffnet und die Frage aufwirft, von wessen Gemeinschaft in puncto der sogenannten Sphäre der Öffentlichkeit eigentlich die Rede ist. Über wessen Urbanisierung und wessen Lebenswelt reden wir eigentlich? Die Konferenz ließ erkennen, dass es nicht um die Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache geht, da genau dies durch den Gebrauch leerer Signifikanten veranschaulicht wird. Vielmehr müssen wir unsere Differenzen und unser jeweiliges Verständnis offen aussprechen, um die Debatte auf eine fruchtbare Weise voranzutreiben. Dies geschieht nicht, indem man einen exzessiven „Artivismus“ betreibt, der dem „Act now“-Prinzip folgt, wie es die momentan vorherrschende Tendenz zu sein scheint. Vielmehr müsse man, wie Swyngedouw meinte, aktiv darüber nachdenken und „die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen“. Durch kritische Kunst und künstlerische Denkprozesse können wir auf eine nicht festgelegte, wohlbedachte, ja sogar politische Art und Weise den Anspruch der Konferenz verstehen: „re-art the urban“ hieße dann, das Städtische vermittels der Kunst neu in Angriff zu nehmen.

www.rearttheurban.org

Anlässlich der Konferenz fand am 26. Oktober 2012 im Anschluss an die Performance „100 Prozent Zürich“ die 16. Ausgabe der ARCH+ features mit dem Regie-Kollektiv Rimini Protokoll und Imanuel Schipper, dem Organisator von reART:the URBAN im Theaterhaus Gessnerallee Zürich statt. www.archplus.net/features  

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