ARCH+ 209

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Erschienen in ARCH+ 209,
Seite(n) 7

ARCH+ 209

Schwerter zu Pflugscharen. Umbau des Hochbunkers Ungererstraße in München

Von Schmidt, Verena

In Zusammenarbeit mit raumstation Architekten realisiert die Münchner Bauträgergesellschaft Euroboden derzeit in München Schwabing den Umbau eines denkmalgeschützten Hochbunkers zu Wohn- und Geschäftsräumen. Der 7-geschossige Solitär an der Ungererstraße gehört zu den insgesamt 48 Luftschutzbunkern, die während des Zweiten Weltkrieges in München errichtet wurden. Das militärische Bauwerk besitzt, wie bei Hochbunkern in innerstädtischen Lagen üblich, eine vorgetäuschte zivile Fassadengestaltung mit Blindfenstern, Sockelgeschoss und Rustizierung der Ecken, die es in den städtischen Kontext einfügt. Einige der massiven Bauwerke wurden bis heute erhalten und stehen leblos im hochverdichteten Stadtgefüge. Erst mit Aufhebung der Zivilschutzbindung im Jahr 2007 eröffnete sich die Möglichkeit, den funktionslos gewordenen Baukörpern einer neue Nutzung zuzuführen. Der als Club zwischengenutzte Bunker in der Münchner Hotterstraße steht beispielhaft für Transformationen solcher schwer nutzbaren historischen Strukturen in der Stadt.

Dass auch andere Nachnutzungen möglich sind, beweist das Konzept von raumstation Architekten 1 10 und Euroboden für den denkmalgeCM M schützten Hochbunker an der Ungererstraße: Auf über 1.000 qm Geschossfläche werden hier eine Büroeinheit mit Galerieebene (210 qm), drei Loftwohnungen (à 120 qm) und ein Penthouse (400 qm) entstehen. Die Herausforderung besteht darin, Tageslicht in die bisher fensterlose, zwei Meter dicke Außenhülle einzubringen, ohne die charakteristische Gestalt des Bunkers zu verwischen. Mit Seil- und Wandsägen werden in den Obergeschossen dreieinhalb Meter breite Öffnungen aus der Betonfassade herausgeschnitten. So entstehen vier nahezu geschosshohe „Lichträume“ in der Tiefe der Wand. Diese erweitern die Wohnräume um alkovenartige Nischen, die die Massivität des Bauwerks spürbar machen. Die nach Südosten ausgerichtete Öffnung ist jeweils als Loggia ausgebildet. Da im Erdgeschoss aufgrund der Denkmalschutzbestimmungen keine Fenster hergestellt werden dürfen, wird die Büroeinheit mit dem ersten Obergeschoss verbunden und indirekt über Lichtschächte belichtet. Das oberste Geschoss wird nach dem Rückbau des bestehenden Walmdachs um ein gläsernes Penthouse mit Dachterrasse ergänzt.

Die Umgestaltung der Innenräume belässt hin und wieder einen Blick auf die alte Substanz des Bunkers. Auch die originalen Türrahmen werden zum Teil erhalten, die Oberflächen des Treppenhauses und die Deckenuntersichten roh belassen. Sichtbare Gebrauchsspuren erinnern an die Vergangenheit des Gebäudes. Die Überlagerung von Alt und Neu erzeugt dabei eine vielschichtige Ästhetik, die man bisher eher mit der Berliner Kreativszene als mit der „ordentlichen“ Münchner Architektursprache assoziiert. In ARCH+ 201/202 „Berlin“ stellte Florian Heilmeyers Beitrag „Raumrohlinge“ architektonische Strategien im Umgang mit Bestandsbauten vor, die mit geringen Eingriffen umprogrammiert werden und auf einer „Ästhetik der Aneignung“ basieren. Am 12. Juli 2012 diskutierten im Rahmen einer Baustellenbesichtigung die Architekten und der Bauherr mit Nikolaus Kuhnert über mögliche architektonische Konzepte einer geschichtsbewussten Transformation.

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