ARCH+ 209


Erschienen in ARCH+ 209,
Seite(n) 32-47

ARCH+ 209

Exodus oder Die freiwilligen Gefangenen der Architektur

Von Koolhaas, Rem /  Zenghelis, Elia /  Vriesendorp, Madelon /  Zenghelis, Zoe

Es war einmal eine zweigeteilte Stadt.

Der eine Teil wurde die gute Hälfte, der andere Teil die schlechte.

Die Einwohner der schlechten Hälfte begannen damit, in Scharen in die gute Hälfte überzulaufen. Es war ein rasch anschwellender urbaner Exodus.

Wäre dies immer so weiter gegangen, hätte sich die Bevölkerungszahl der guten Hälfte verdoppelt, während aus der schlechten Hälfte eine Geisterstadt geworden wäre.

Nachdem alle Versuche, diese unerwünschte Abwanderung zu unterbinden, gescheitert waren, machten die Machthaber des schlechten Teils einen verzweifelten und brutalen Gebrauch von Architektur: Sie bauten eine Mauer um den guten Teil der Stadt, um ihn für die von ihnen kontrollierte Bevölkerung völlig unzugänglich zu machen.

Die Mauer war ein Meisterwerk.

Ursprünglich bestand sie aus nichts als einigen jämmerlichen Abschnitten aus Stacheldraht, die hastig auf der imaginären Linie des Grenzverlaufs ausgelegt wurden. Ihre psychologische und symbolische Wirkung war wesentlich beeindruckender als ihr physisches Erscheinungsbild. Die gute Hälfte, die man von nun an nur noch aus einer qualvollen Distanz über das abweisende Hindernis hinweg erspähen konnte, wurde dadurch noch unwiderstehlicher. Diejenigen, die in der Falle steckten, sprich in der düsteren schlechten Hälfte zurückgelassen worden waren, schmiedeten ebenso besessen wie vergeblich Fluchtpläne. Auf der falschen Seite der Mauer herrschte tiefste Hoffnungslosigkeit.

Wie so oft in der Geschichte der Menschheit machte sich die Architektur schuldig, indem sie dazu benutzt wird, Verzweiflung zu erzeugen. ...

 

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