Neue Adresse & Telefonnummern: Friedrichstraße 23a, 10969 Berlin // Redaktion: +49 30 340 467 17 / Verwaltung & Vertrieb: +49 30 340 467 19 // Bestellungen werden mit leichter Verzögerung bearbeitet.

ARCH+ 211/212

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 211/212,
Seite(n) 2-3

ARCH+ 211/212

Editorial - Bauen und Gebrauchen / Building and Using

Von Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh

Deutsch: 

Think global, build social! ist nicht nur der Titel dieser Ausgabe, die als Katalog der gleichnamigen, von Andres Lepik für das Deutsche Architekturmuseum und das Architekturzentrum Wien kuratierten Ausstellung fungiert. Think global, build social! ist zugleich ein Programm, das eine neue inhaltliche und berufliche Perspektive für Architekten propagiert. Unter diesem Banner vereinigen Ausgabe und Ausstellung Projekte aus der ganzen Welt, die an die Debatten um Heimatschutzarchitektur und landschaftsgebundenes Bauen der 1910er Jahre oder den Kritischen Regionalismus der 1970er Jahre erinnern. Im Unterschied zu den konservativ gefärbten Richtungen des letzten Jahrhunderts werden heute Heimat, Landschaft und Region jedoch nicht mehr als kulturelle Kampfbegriffe gegen die technisch-industrielle Zivilisation mobilisiert. Stattdessen werden Zivilisation und Kultur in einem neuen Spannungsfeld von Globalität und Lokalität gesehen – in der Hoffnung, dadurch nicht nur das westliche Schisma zwischen Zivilisation und Kultur überwinden, sondern auch zu neuen Formen von Kulturproduktion vorstoßen zu können. 

Die kritische Auseinandersetzung mit der eurozentrischen Perspektive der Moderne war in ihren Anfängen interessanterweise maßgeblich von den Exilerfahrungen deutschsprachiger moderner Architekten nach 1933 geprägt. Zu nennen wäre beispielsweise Bruno Taut, der in Das japanische Haus und sein Leben (1937) die japanische Architektur aus den klimatischen Bedingungen und, was noch wichtiger ist, aus dem Gebrauch heraus zu erklären suchte. Zu nennen wären aber auch die Überlegungen zur „Tropical Architecture“ von Otto Königsberger, ebenfalls ein Exilant, sowie Maxwell Fry und Jane Drew, deren Blick auf die moderne Architektur durch ihre Erfahrungen in Indien und Afrika erweitert wurde. Die Rückkehr dieser Architekten nach Europa in den 1950er Jahren traf zeitlich mit einer regen Auslandstätigkeit westlicher Architekten, darunter viele Mitglieder des Team 10, in der Endphase des europäischen Kolonialismus zusammen. Mit Beginn des postkolonialen Diskurses in den 1950er Jahren wurde mit dem Topos des „vernakulären Bauens“ der universalistische Anspruch der Moderne in Frage gestellt, wozu insbesondere die Arbeiten des Ägypters Hassan Fathy beigetragen haben. Ab Mitte der 1960er Jahre sollte mit den Untersuchungen Bernard Rudofskys zur Architecture Without Architects und John Turners Housing by People noch das Paradigma des „informellen Bauens“ folgen. 

Die in diesem Heft vorgestellten Positionen sind ohne diese Vorarbeiten nicht denkbar. Allerdings hat sich seit Turners Housing by People mit der Blickverschiebung in den globalen Süden der Ausgangspunkt verändert: Die Debatte um das vernakuläre Bauen dreht sich in erster Linie um soziale Fragen, während jene der kulturellen Identität meist implizit mit verhandelt wird. Denn im Gegensatz zum sozialen Anspruch der heroischen Moderne, der noch von einem ungebrochenen Fortschrittsglaube und elitären Utopismus getragen wurde, ist es heute die pure Not, die dazu zwingt, sich der vorhandenen Ressourcen zu versichern: lokale Materialien, vernakuläre Konstruktionen und Bautypen, und damit auch tradierte Formen der Raumproduktion und des Gebrauchs. Dies kann unter anderem dazu führen, dass die Projekte zwar scheinbar traditionelle Sehnsüchte nach dem Einklang mit der eigenen Kultur erfüllen. Im Fokus steht jedoch die (Selbst-)Vergewisserung der eigenen Ressourcen und des kollektiven Wissens vor Ort, und zwar aus Gründen der Billigkeit (im doppelten Sinne des Wortes). Umgekehrt erzwingt gerade dieser ökonomische Ausgangspunkt die Auseinandersetzung mit dem lokalen Kontext, dieses Mal aus sozialen Gründen.

Für die Berufsperspektive des Architekten hat dies gravierende Konsequenzen: Er kann sich nicht mehr in den traditionellen Bahnen seines Berufs bewegen und Auftragnehmer von oder Bauorganisator für jemanden sein. Stattdessen muss er zum Inspirator, Motivator und Initiator sozialer Prozesse werden. Er muss aus sich heraustreten und zum Agitator seiner selbst (nicht einer Ideologie) werden, um eine Öffentlichkeit für sein Projekt herzustellen, Finanziers zu gewinnen und Mitstreiter zu überzeugen. Als Agitator ihrer Projekte kann die Architektin keine Einzelkämpferin mehr sein. Sie ist grundsätzlich auf Gleichgesinnte angewiesen, ohne deren Unterstützung und Erfahrung ihre Projekte nicht realisierbar sind. Was liegt da näher als Netzwerke von Gleichgesinnten aufzubauen? Zu den Knotenpunkten eines solchen Netzes können gehören: ein Büro wie TYIN, eine NGO wie Ukumbi oder Hochschulen wie in Aachen, Alabama oder Wien, die soziales Engagement ins Lehrprogramm aufgenommen haben und in Form von Design-Build-Studios praktizieren. Zu den bekannteren Vorkämpfern zählen Urban-Think Tank oder Francis Kéré. Letzterer lehrt an der Harvard University in den USA, hat sein Büro in Berlin und baut in Burkina Faso. In anderen Worten: Er ist global tätig, lokal integriert und sozial engagiert. Verfängt sich dieser neue Architektentypus in den alten Strukturen der omnipräsenten Jet-Set-Architekten? Der Vorwurf ist in diesem Fall ungerechtfertigt, weil man die Abhängigkeit zwischen der globalen technischen Zivilisation und den überkommenen, nur noch regional wirksamen Kulturen außer Acht lässt. Diese besitzen zwar weiterhin ihre Eigengesetzlichkeit, sind jedoch von den Modernisierungsschüben des globalen Kapitalismus nicht verschont geblieben.

Die Arbeit des Architekten wird durch diese Entwicklung komplexer, da sie in den Bibliotheken und Forschungseinrichtungen der globalisierten Welt beginnen muss, wo sich das verdrängte Wissen um lokale Ressourcen, Materialien und Bauweisen heute findet. Im zweiten Schritt muss dieses Wissen mit den zukünftigen Nutzern ins Werk gesetzt werden, ehe es über diesen Umweg wieder vor Ort wirksam werden kann. Das Beispiel zeigt, in welcher Weise Globalität und Lokalität heute ineinander verschränkt sind und vor welchen dialogischen Herausforderungen der Architekt neuer Provenienz steht.

In einem Schlüsseltext aus dem Jahre 1970 hat Giancarlo De Carlo die Grundlagen für ein solches dialogisches Berufsbild gelegt. De Carlo führt die heutige Legitimationskrise der Architektur auf den Widerspruch zwischen der Architektur und dem Alltag der sie gebrauchenden Menschen zurück. Ihm zufolge hat sich die Architektur immer auf die Seite der Macht (und des Kapitals) geschlagen und mit dieser einseitigen Ausrichtung auf eine „Architektur der Architekten“ alle nicht machtaffinen Lösungen marginalisiert. Diesem Machtspiel ist am Ende auch die Moderne erlegen, und zwar in Form des Bauwirtschaftsfunktionalismus“ der Nachkriegszeit. 

Mit dem Argument, dass „die Architektur zu wichtig geworden (sei), um sie den Architekten zu überlassen“, plädierte De Carlo für einen grundlegenden Strukturwandel der Architektur: „Alle Barrieren zwischen Bauenden und Nutzenden sollen … aufgehoben werden, damit Bauen und Gebrauch zu zwei Momenten eines einzigen Gestaltungsprozesses werden.“ Diesen Strukturwandel verknüpfte De Carlo mit der Frage der Partizipation, bei der der Architekt nicht mehr für, sondern mit den Nutzern plant. Durch Partizipation verwandelt sich der autoritäre Akt des Planens in einen Rückkopplungsprozess zwischen Architekt und Nutzer. 

Dieses prozessorientierte Planungsverständnis ist für De Carlo die Bedingung dafür, dass es den Architekten gelingt, die „Öffentlichkeit der Architektur“ wiederherzustellen und ihre Legitimationskrise zu überwinden. Wenn sich der Architekt also von seiner traditionellen Rolle löst und stattdessen als Agitator einer sozial engagierten Architektur auftritt, dann stellt er genau diese „Öffentlichkeit der Architektur“ schrittweise wieder her. Wie die entsprechenden Schritte aussehen, stellen wir in dieser Ausgabe vor.

 

English: 

Think global, build social! is the title of this issue. It’s also the title of an exhibition curated by Andres Lepik for the Deutsche Architekturmuseum and the Architekturzentrum Wien (for which this issue serves as a catalog). But Think global, build social! is something else as well: a program for a new architecture that promotes emerging practical and professional perspectives. Under this banner, the issue and exhibition bring together projects from the world over—projects that call to mind the debates surrounding the Heimatschutzarchitektur of the 1910s (a movement that sought to protect local building traditions on the eve of modernism) or the Critical Regionalism of the 1970s. In contrast to their conservative iterations in the last century, however, concepts like homeland, landscape, and region can no longer be marshaled in the culture wars against the inexorable progress of modernization. The very frontiers of civilization and culture have been redrawn along a new axis—that of the global and the local. With any luck, this realignment will resolve the Western schism between civilization and culture and advance new forms of cultural production as well. 

The critical reactions in the 1970s to modernism’s Eurocentrism were not without precedent. Inquiries into architecture through the prisms of climate and culture date at least back to the exile of the German-language architects during World War II (e. g. Bruno Taut and his People and Houses of Japan). The reflections on “Tropical Architecture” by Otto Königsberger (another exile), Maxwell Fry, and Jane Drew followed soon thereafter, as did Team 10’s investigations of the emerging spaces of postcolonialism. Soon, scholars and practitioners outside of Europe were turning their attention to “vernacular architecture,” and with that, calling modernism’s universal claims into question—a challenge to convention that drew on the work of the Egyptian architect Hassan Fathy. By the mid-1960s, the paradigm of “informal architecture” had emerged, crystalized in the work of Bernard Rudolfsky (Architecture without Architects) and John Turner (Housing by People).

The positions presented in this issue are inconceivable without this groundwork. And yet—with their emphasis of social issues instead of cultural identity—these projects distinguish themselves from their predecessors. This shift in focus was a necessary response to the evolving dynamics of the global South. It was a different set of conditions that produced the social ambitions of heroic modernism, which never abandoned its elitist, utopian vision or its absolute conviction in the power of progress. The dire circumstances of the present day, however, require us to take account of the resources we already have at hand: local materials, traditional construction techniques, and vernacular building typologies—patterns of spatial production and use that have been handed down through generations. Admittedly, this taking account may offer incidental satisfaction to certain nostalgic impulses as well, like the desire for built works to conform to one’s own culture. But the primary aim of this process is to support a community in the self-affirming process of taking stock—of resources, collective knowledge, and other, less tangible assets. If not for fairness alone, this approach is necessary for purely economic reasons. And if not for economic reasons, it’s the social conditions that compel us to engage with the local.

These developments have serious implications for the traditional architect. No longer can he float along the established currents of the profession, picking up commissions from one party and organizing projects for another. Today, the architect must do nothing less than inspire, motivate, and initiate social processes. The new architect must step out of himself and into the role of the agitator—an agent not of ideology but of his own personal development. Only then can he produce a public to receive his projects, investors to fund them, and colleagues to instigate at his side. 

As the agitator of her projects, the architect can no longer act alone. She must rely on co-conspirators, as their support and experience are essential for her own work. Given this interdependency, the need to develop a network of like-minded practitioners seems obvious. The nexuses of such a network might include an architecture firm like TYIN, an NGO like Ukumbi, and universities that teach and practice social engagement in design-build studios as in Aachen, Alabama, and Vienna. The network would certainly include pioneers like Urban-Think Tank or Francis Kéré. The latter, for example, teaches at Harvard University in the USA, runs an office in Berlin, and builds in Burkina Faso. In other words: he’s active globally, integrated locally, and engaged socially. 

But has this new genre become entangled in the old structures of the omnipresent jet-set architect? Such an allegation would fail to take into account the interdependency of globalized technical civilization and the cultures it superseded. The latter have retained a basic degree of autonomy, of course, but their footholds are regional at best, and they cannot withstand the modernizing force of global capitalism. 

This process of obsolescence has added an additional measure of complexity to the work of the architect. Now, socially engaged projects must begin in the libraries and research institutes of the globalized world—the refuges of repressed knowledge on local resources, materials, and building techniques.

Only in a second step can this knowledge return to its point of origin, where it must be put into practice together with the future users before it can take root on site once again. The detours of this course reflect the extent to which the global and the local have become intertwined, and point to the challenges in communication that confront this architect of new provenance. 

In a key text from 1970, Giancarlo De Carlo laid the groundwork for a strategy that responds to these communicative challenges. De Carlo identifies the origin of architecture’s current crisis of legitimacy in the contradiction between the built environment and the everyday experience of its users. Architecture has always fought on the side of power (and capital), he writes, and its allegiance to an “architects’ architecture” has effectively marginalized alternative solutions. Modernism itself was not above taking sides in this power game either, falling in line, for example, with the “functionalist” construction industry in the postwar era and serving its economic interests. 

“Architecture has become too important to be left to architects,” De Carlo argues, calling instead for a complete overhaul of the profession: “All barriers between builders and users must be abolished, so that building and using become two different parts of the same planning process.” For De Carlo, participation is the operative principle in such a structural reconfiguration. In participatory architecture, the architect no longer plans for the users but with them; planning is no longer an authoritarian act, but a reciprocal exchange between the two sides.

De Carlo sees this process-oriented conception of planning as a necessary condition for restoring “architecture’s public” and overcoming the field’s crisis of legitimacy. If the architect can free himself from the trappings of his traditional role and emerge instead as an agitator of a socially engaged form of architecture, it is precisely this “public” that he will be able to restore step-by-step once again. What such steps might look like is the subject of this issue.

 

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!