ARCH+ 219


Erschienen in ARCH+ 219,
Seite(n) 236-237

ARCH+ 219

Die Schönheit der Vorstadt?

Von Fischer, Ole W.

Marc Angélil und Michael Hirschbichler lernen von der Peripherie

Das handliche, ansprechend gestaltete Buch (mit Silberschnittverzierung) trägt seine programmatische Organisationsform bereits auf dem Titel zur Schau: eine alphabetische Liste präsentiert die Einträge zur Peripherie einerseits streng strukturiert, um diese vordergründige Ordnung durch die Heterogenität der Begriffe sofort wieder zu unterlaufen. Pate standen das Abécédaire von Gilles Deleuze und die „gewisse chinesische Enzyklopädie“ von Jorge Luis Borges, welche Michel Foucault genüsslich in der Ordnung der Dinge (1966) zitiert, um die Klassifikation des Wissens in den westlichen (Natur-)Wissenschaften als nur eine mögliche unter vielen anderen, historisch gewordenen Ordnungen zu entlarven.

Mit dieser programmatischen Wahl einer taxonomischen Struktur des Buches fordern die Herausgeber Marc Angélil und Michael Hirschbichler eine systematische Annäherung an die Phänomene der Peripherie ein, ohne aber Vollständigkeit oder auch nur Wissenschaftlichkeit im engeren Sinne anzustreben. Stattdessen berufen sie sich auf eine multi-perspektivische, assoziative Auseinandersetzung mit dem Gegebenen. Dieser neu-alte Realismus, die gebaute Umwelt so zu sehen, wie sie wirklich ist, versucht das kategorische Paradox der Peripherie als zugleich hochdeterminiert und „zufällig“ zu lösen. Schließlich scheitert an ihr sowohl der Ordnungssinn der Planer und Architekten als auch der Orientierungs- und Identifikationssinn der Bewohner. Deshalb schlagen die Autoren eine umfassende, unvoreingenommene Aufmerksamkeit jenseits der hergebrachten Darstellungsformen vor und bieten einen bunten Strauß an Methoden an, um die etablierten, aber als defizitär erkannten planerischen Instrumente zu ergänzen. Denn die strenge und zugleich offene Struktur des Abecedariums konzeptioneller Begriffe wird durch künstlerische Interpretationen des Bestandes illustriert, die bewusst zusammen sehen, was unzusammenhängend, widersprüchlich und bloß zufällig scheint. Jeder Eintrag wird von diagrammatischen Notationen, Modellfotos und atmosphärischen Bildern begleitet, die aus der Lehre Marc Angélils an der ETH Zürich stammen und von einer an den spätmodernen Brutalismus angelehnten Ästhetik des „roh, rau, robust“ gekennzeichnet sind. Was auf den ersten Blick hart und zurückweisend wirkt, entfaltet sich bei genauerer Betrachtung als eine Suche nach poetischen Momenten und pittoresken Ergänzungen: die Renderings zeigen physisch präsente Strukturen (meist in Sichtbeton), die trotz flexibler Nutzungen – was sich oft in einer auf die Tragstruktur und Erschließungskerne reduzierten Typologie niederschlägt – von prägnanten starken Form erzählen, die im Flux der Peripherie Halt zu geben versuchen, abseits aller Nostalgie der Europäischen Stadt.

Die Auswahl der Bilder von anverwandelten Situationen der schweizerischen Peripherie ist prägnant und erweist sich als leicht verallgemeinerbar, ebenso wie die Kurztexte, die von „A wie Agglo Nolli“ bis „Z wie Zwischenräume“ reichen. Sie sind mal analytisch erklärend, mal experimentell poetisch, mal in der Art eines Manifests programmatisch oder auch selbstironisch reflektiert. Beides wird punktuell durch Referenzen auf die zeitgenössische Kunst ergänzt, wobei die Autoren speziell an der Übertragung von Prinzipien wie Abdruck und Abguss (Rachel Whiteread), des As-Found und Ready-Made (Marcel Duchamp), der Notation (John Cage), wie auch der narrativen Neuinterpretation des Vorgefundenen (Wim Wenders und das Verschwindens des Alltäglichen und Neu-Sehen des Vorhandenen) interessiert sind.

Dabei stellt das lexikalisch-stichwortartige Abecedarium nur die zweite Hälfte des Buches, während die erste Hälfte verschiedene theoretische Annäherungen an das Phänomen der Peripherie versammelt, wie deren Ortlosigkeit und der unbestimmten Zwischenexistenz, dem unverbundenen Nebeneinander verschiedenster, zum Teil widersprüchlicher Elemente und Fragmente in der heutigen Stadt, dem arbeitsteiligen Produktionsmechanismus der Zersiedelung, dem Verlust der Utopien (oder vielmehr der Vorstadt als Vielzahl real existierender architektonischer Utopien), der Frage der Repräsentation im Bezug auf suburbane Situationen, dem Ende des Authentischen und Originellen bis bin zur Analogie der Vorstadt als Text(ur) und Interpretation. Der Kürze der lexikalischen Einträge im hinteren Buchteil entspricht die Ausführlichkeit der Argumentation im vorderen: Die Autoren stellen klar, dass sie die Peripherie durch alternative planerische Methoden nicht harmonisieren oder homogenisieren oder gar Bilder der heilen Welt der Europäischen Stadt evozieren wollen. Stattdessen ist es ihr Anliegen, sie in ihrer Andersartigkeit, Diskontinuität und Prozesshaftigkeit wertzuschätzen und zu stärken. Selbst das Eingeständnis schreckt sie nicht ab, dass die Peripherie nicht an zu wenig Planung leidet, sondern vielleicht an zu viel. Sie ist nämlich das Ergebnis rationaler Entscheidungsprozesse und festgesetzter Regeln – zunächst der planerischen des Städtebaus, der Verkehrsführung und des architektonischen Einzelobjektes. Hinzu kommen betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte des Immobilienmarktes, der Logistik und des Marketing oder politische der Entwicklung, Zonierung, Besteuerung und Unterschutzstellung. Dies alles führt zu einem irrationalen Ganzen oder übersteigt zumindest die bisherige Rationalität. Wenn der Peripherie nicht mit rationalen Mitteln beizukommen ist, dann muss man Irrationalität einführen – als Taktik, um die strategische Herrschaft der Zweckoptimierung, Normierung und Typenlösungen sowie deren endlosen Wiederholung und Mischung punktuell zu verdichten. Ein weiterer Aspekt bietet die Betrachtung der Zeit: nicht nur zeigt die Peripherie ein Nebeneinander unterschiedlicher Zeitvektoren, sondern bietet auch Leerstellen des Noch- Nicht ebenso wie historische Endstationen. Hirschbichler zu Folge kann man sie als „letzte Ruhestätte“ städtebaulich- gesellschaftlicher Utopien lesen, die sich in ihrer Vielzahl, Gegenüberstellung und fragmentarischen Realisierung gegenseitig neutralisieren bzw. die ihnen innewohnenden Schwachpunkte abseits der großen Erzählungen und Grand Projects in der Wirklichkeit offenlegen. Dass auch in diesem Scheitern eine Hoffnung liegen kann – die Peripherie als ein Testgelände zu lesen, um angefangene, abgebrochene und überschriebene Stadttexte fortzuschreiben, ja, die Notation in urbane Performanz zu übersetzen –, bleibt den Autoren nur zu wünschen.

Und doch, all das scheint seltsam vertraut, ebenso wie die von den Autoren zitierten philosophischen Positionen (Barthes, Deleuze, Foucault, Derrida, Debord, Batailles, etc.): in dieser Suche nach städtischen Bildern und Stimmungen, nach Strukturen und Taktiken, die so in der akademisch sanktionierten Stadt nicht zu finden sind, werden Erinnerungen wach an den Streifzug von Robert Venturi und Denise Scott Brown durch die Glitzerwelt der Casinos, Themenhotels und kommerziellen Gebrauchsarchitekturen des Strip in Learning from Las Vegas (1972). Oder an die paranoisch-kritische Mischung von Fakt und Fiktion in Rem Koolhaas retroaktiver Geschichte von Manhattan als Labor der Moderne in Delirious New York (1978), dem anderen großen „Lernen von“-Buch der 70er-Jahre. Auch eine weitere Spur, die Unzulänglichkeiten der Peripherie als Potential zu sehen, führt zu Koolhaas, selbst wenn Angélil und Hirschbichler weniger zynisch zu Werk gehen als dieser in Generic City (1994). Auf der Ebene der Bilder hingegen findet sich die Handschrift von Miroslav Šik und der Analogen Architektur der späten 1980er Jahre, die sich, einem Realismus à la Aldo Rossi verpflichtet, durch großformatige Kreidezeichnungen der Stimmung trister urbaner Situationen anzunähern versuchten, um aus dem Kontext heraus bildstarke Architekturen zu generieren – auch wenn die Stifte heute durch den Computer ersetzt wurden. Eklektizismus bestimmt somit nicht nur thematisch den Umgang mit der Peripherie, sondern zeichnet auch die Publikation als Ganze aus, wie man exemplarisch am Begriff des „ReMix“ festmachen kann, der, aus dem Bereich der Musik entliehen, auf eine Übermacht des Bestehenden verweist, eine „Reality-Shortage“, wie Koolhaas es genannt hat. So verschiebt der Remix den kreativen Akt vom Erfinden hin zu Selektion, Rekombination und Neuinterpretation des vorhandenen Materials.

Mit dem Abecedarium legen die beiden Herausgeber also weder ein Handbuch (trotz des lexikalischen Ansatzes) noch eine kritische Anamnese zivilisatorischer Wirklichkeiten in den städtisch-landschaftlichen Räumen unserer Zeit vor, sondern laden ein zu einer anregenden Reise in die unbekannt-bekannte Vorstadt. Sie fordern auf zu einer Schule des Anders- Sehens der Bilder und Genau- Lesens der Struktur, um sie mit kreativen Missverständnissen und kühnen Interpretationen aufzuladen – an deren Ende weniger ein „neuer Realismus“ als vielmehr ein „neuer Surrealismus“ stehen könnte.

Marc Angélil, Michael Hirschbichler (Hrsg.): Abecedarium zur Peripherie Berlin: Ruby Press, 2013 228 Seiten 18.– Euro ISBN 978-3-944074-05-4  

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