ARCH+ 221


Erschienen in ARCH+ 221,
Seite(n) 2

ARCH+ 221

Editorial

Von Ngo, Anh-Linh /  Kuhnert, Nikolaus

EINE ODER TAUSENDUNDEINE THEORIE ?

1975, also vor genau 40 Jahren, rief ein Teil der damaligen ARCH+-Redaktion eine „Tendenzwende“ aus.1 Es wurde eine Abkehr von der bisherigen dogmatischmarxistischen Redaktionslinie gefordert, die sich, wie es so schön hieß, immer noch „auf die entwickelte Arbeiterbewegung mit ihrem organisatorischen Ausdruck in der gewerkschaftlichen, sozialistischen und kommunistischen Bewegung in der BRD“2 bezog. Die Auseinandersetzung endete damit, dass die klassenkämpferische Fraktion 1977, dem Jahr, in dem die Linke mit dem RAF-Terror in eine Sackgasse geriet, aus der Redaktion austrat und die ARCH+ sich nun auf die neuen basisdemokratischen Bürgerbewegungen ausrichtete.

Historisch relevant ist dieser Vorgang insofern als er exemplarisch für das Ende des Glaubens an eine einheitliche Theorie – den Marxismus – und das Ende des Glaubens an die Macht der (proletarischen) Masse stand: Während die einen sich um konkrete Probleme herum organisierten, um in Bereichen wie der Wohnungs-, Stadtteil- oder Umweltpolitik für Veränderungen zu kämpfen, hielten die anderen diese mikropolitischen Ansätze für grundfalsch. Denn damit, so die marxistischen Renegaten, würde „in nahezu klassischer Verkehrung die Frage der Aneignung der räumlichen Umwelt zum Springquell politischer Bewusstseinsprozesse erhoben“. In nahezu klassisch linker Diktion denunzierten sie diese alternativen Praktiken als bloße „Selbstbefreiung der Bürger und Architekten in Selbsthilfe“3.

Doch der Geist war aus der Flasche: „Das Kleine, aus klassisch linker Sicht notwendig zur Wirkungslosigkeit verurteilt, verwandelte sich in ein Versprechen.“4 Dieses Versprechen erstreckte sich auch auf das Feld der Theorie: der Tod der einen Theorie war verbunden mit der Blüte von 1001 Theorien, wie sie seither diese Zeitschrift prägen. Die Legitimationskrise war zugleich der Nährboden für die Öffnung der Architektur hin zu anderen kulturellen Feldern und Praktiken.

Das ist die eine Seite der Entwicklung. Die andere begann, verkürzt gesagt, 1966 mit Aldo Rossis programmatischer Schrift L’Architettura della Città5. Ästhetisch greifbar wurde sie 1973 mit dessen Ausstellung Architettura Razionale zur XV. Triennale in Mailand. Sie endete schließlich damit, dass sich die Architektur von allen gesellschaftlichen Bezügen freisprach. Diese Entwicklung strahlte von Italien nach Deutschland und in die USA aus. Auf dem Weg in die USA wandelte sich jedoch der Autonomiebegriff. Es ging nicht mehr um die Autonomie für die Neuformation des politischen Subjekts im Sinne des neomarxistischen Operaismus. Dieser hatte stets die Subjektivität der Arbeiter (ital. operaio) im Fokus und bekämpfte in der Bewegung der Autonomia operaia, der Arbeiterautonomie, jegliche Form parteipolitischer, gewerkschaftlicher oder staatlicher Bevormundung. Bei der Übersetzung dieses Autonomiebegriffs in die Architekturdebatte passierte ein Denkfehler: Die Architektur sprach sich von allen gesellschaftlichen Zwängen frei und meinte mit diesem Freispruch das kritische Potential von Architektur freilegen zu können. So wurde der Autonomiebegriff salonfähig und zum Kampfbegriff einer Generation, die das Spiel der Formen im doppelten Sinne missverstand: als autonom und kritisch zugleich.

Paradoxerweise entwickelte sich diese Tendenz (Rossi nannte sie wörtlich la tendenza) zu einem Zeitpunkt, als sich das spätkapitalistische Zeitalter in Konturen abzuzeichnen begann: mit einem unerhörten technischen Fortschritt, einem neuen „Produktionskörper“ und einer neuen politischen Subjektivität, die schon mit Beiläufigkeiten wie einem anderen Haarschnitt erkennbar die Traditionen der Industriegesellschaft in Frage stellte.

In diese mehrfache Aufbruchsituation stieß Rossi mit dem Programm von Buch („L’Architettura della Città“) und Ausstellung („Architettura Razionale“). Die Verführungskunst Rossis bestand darin, dass er politisch argumentierte, theoretisch versiert war und mit einer scheinbaren Eindeutigkeit beeindruckte. Dass dessen These von der inhärenten Komplexität der Architektur, der man nichts von außen hinzufügen muss / darf, ins Autobiografische abglitt und dadurch für andere nicht weiterentwickelbar war, sollte sich erst später zeigen.6 Trotzdem erlebte Rossi einen unvorstellbaren Siegeszug. Zwar gelang es ihm, die Architektur auf ein neues theoretisches Fundament zu stellen, indem er sie im Zusammenhang mit der Stadt dachte, aber was die Folgen der postindustriellen Gesellschaft für Architektur, Stadt und Stadtbewohner waren, blieb im Dunkeln. Geraune trat an die Stelle von Analyse.

Dabei hätte die analytische Durchdringung der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit seit den 1960er-Jahren die Agenda von Architektur und Stadtplanung bestimmen müssen. Mit dieser Ausgabe, von Stephan Trüby von der TU München und seinem Team tumlar. konzipiert, liefern wir Werkzeuge für die anstehende Analyse. Angesichts der gesellschaftlichen Dynamik geht es heute nicht mehr um die Wahrheit einer Theorie, sei sie marxistisch, ökologisch oder parametrisch, noch um die Autonomie der Architektur, sondern um die möglichen Weltzugänge von 1001 Theorien – um eine politische Architektur zu schaffen, die die neuen Gesellschaftsformationen reflektiert und Raum für neue politische Subjekte schafft. Nikolaus Kuhnert, Anh-Linh Ngo

1 Vgl.  Wolfgang Ehrlinger, Adalbert Evers,  Christoph Feldtkeller, Mark Fester, Sabine Kraft,  Nikolaus Kuhnert, Jörg Pampe: Editorial „Tendenzwende?“, in: ARCH+ 27, September 1975, S. 1–10 

2 Austrittserklärung der Redaktionsmitglieder  Klaus Brake, Helga Fassbinder und Renate  Petzinger aus der Redaktion, Beilage in:ARCH+  34, Juni 1977, S. 3 

3 Ebd., S. 9 . f 

4 Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, München: Beck, 2015, S. 103. Vgl. die Einleitung von  Stephan Trüby in dieser Ausgabe 

5 Aldo Rossi: L’Architettura della Città, Padua:  Marsilio, 1966; dt. Erstausgabe u. d.T. Die Architektur der Stadt. Skizze zu einer grundlegenden Theorie des Urbanen ( Reihe Bauwelt Fundamente, Bd. 41  , Düsseldorf: Bertelsmann, 1973 ) 

6 Vgl. baukuh: „Die Architektur der Stadt.   Das nicht gehaltene Versprechen“, in: ARCH+ 214  Hardcore-Architektur, Frühjahr 2014, S. 15–27,  hier insbesondere S. 15 und S. 21

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!