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Erschienen in ARCH+ 221,
Seite(n) 4-9

ARCH+ 221

Einleitung: Tausendundeine Theorie

Von Trüby, Stephan

TAUSENDUNDEINE THEORIE

Eine Einführung unter Berücksichtigung jüngerer (theorie-)theoretischer Publikationen

Die Welt und alles, was in ihr der Fall ist – Phänomene, soziale Organisationen, Artefakte, Kunstwerke, Gebäude et cetera –, kann sich unserer Aufmerksamkeit seit jeher gewiss sein. Davon kündet das antike Wort „theoria“. In gängigen griechischen Lexika meint „theoria” zunächst „Anschauen oder Zuschauen“1. Darüber hinaus wird dieses Anschauen ausdrücklich mit dem Phänomen des Geistes verbunden und bedeutet dann geistiges Anschauen, Betrachten, Untersuchen, Überlegen.2 In seinem noch immer lesenswerten Essay Lob der Theorie aus dem Jahr 1980 führt Hans-Georg Gadamer aus, dass der Mensch im Grunde immer ein theoretisches Wesen sei.3 Er könne zuweilen nicht anders als wach sein, schauen – und vor allem: staunen.4 Die ersten Theoretiker waren Staunende, die Bericht erstatteten: schaulustige Abgesandte einer griechischen Polis, die ihr Zuhause von den Zukunftsbeeinflussungstechniken auswärtiger Orakel und Götterfeste in Kenntnis setzten.5 Noch heute steht mit einem Bein in der Prognostik, wer sein Unternehmen mit gutem Grund Theorie nennen will. Doch Prognosen fallen uns spätestens seit dem Zusammenbruch großräumiger marxistischer Experimente nicht mehr in den Schoß.

Die Theoriedebatten der letzten dreißig Jahre sind stark von Jean-François Lyotards Idee eines „Endes der grands récits“ geprägt, die er in Das postmoderne Wissen (1979) entwickelt.6 „Große Erzählungen“ stellen für den Philosophen ideologisch-politische Konstruktionen dar, die das zerstören, was als zentraler Grundwert der europäischen Zivilisation gelten kann: die Freiheit des Individums.7 In der „großen Erzählung“ des Marxismus, die in der Emanzipation eines sich über alle anderen Klassen erhebenden Proletariats ihren zwingenden Höhepunkt finden sollte, machte Lyotard die bis dato letzte ideologische Quelle menschenverachtender politischer Praxis aus.8 Die kritische Auseinandersetzung mit dem marxistischen Denken, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Francis Fukuyamas Ende der Geschichte kulminierte,9 kann als wichtigste Gemeinsamkeit jüngerer kulturtheoretischer Produktion betrachtet werden. Ein vergleichender Blick in einige neuere (theorie-)theoretische Publikationen zeigt, dass aus der Asche der „großen Erzählungen“ nicht nur neue Supertheorien wie Phönixe emporstiegen – sondern dass auch der Marxismus mindestens den Status des Untoten genießt. 

THEORIETHEORIE

Einen guten Einstieg in die aktuellere Theoriediskussion bietet das von Mario Grizelj und Oliver Jahraus (beide LMU München) herausgegebene Buch Theorietheorie (2011). Die Publikation fokussiert auf einflussreiche Theorien vor allem des 20. Jahrhunderts: Bettina Menke widmet sich etwa der Witz-Theorie Sigmund Freuds, Thomas Khurana der Ontologie Martin Heideggers, Jan Assmann der Theorie der Achsenzeit Karl Jaspers’ oder Natalie Binczek der Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour. Ohne auf das Erbe des Marxismus und dessen Gleichheits-Ideologie explizit einzugehen, macht Jahraus deutlich, dass die „wohl avanciertesten“ Optionen, die das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat, eben keine Gleichheits-, sondern „Differenztheorien“10 darstellen: Dekonstruktion und Systemtheorie.

Jahraus’ auf Paul de Man aufbauende „Idee, eine Theorietheorie zu entwickeln, die die Widerstände gegen Theorie, die Figuren ihrer Negation als Konstituenten von Theorie selbst begreifen kann“,11 wird im Buch von Uwe Wirth und seinem Beitrag „Gepfropfte Theorie: Eine ‚greffologische‘ Kritik von Hybriditätskonzepten als Beschreibung von intermedialen und interkulturellen Beziehungen“ virtuos ausbuchstabiert. Bezug nehmend auf Jacques Derridas epochemachenden Aufsatz „Signatur Ereignis Kontext”, in dem die Pfropfung (greffe) zur Metapher für die Wiederholbarkeit und Zitierbarkeit von Zeichen wird,12 sowie auf die von Derrida geprägten Postcolonial Studies, macht Wirth deutlich, dass Hybridisierung mehr als nur Vermischung meint und auch ein Herrschaftsverhältnis beschreiben kann: „So wird der Hybridisierungsbegriff zur Beschreibung einer kolonialen Konstellation in Dienst genommen, bei der die Kolonisierten die Vermischung der eigenen Kultur der Kolonisatoren als subversive Strategie – als strategische Umkehrung – einsetzen.“13 Die dekonstruktionistische „Aufpfropfung“14 tauge generell als Vorbild für eine diverse Theorien mischende Wissenschaftspraxis. Während die Dekonstruktion, die als Aufpropfung gleichzeitig zu ihrem Analysegegenstand gehört und nicht gehört, in ihren Lektüreakten den eigenen Theoriecharakter auf ambivalente Weise befördert wie unterläuft, reklamiert die Systemtheorie eine – im Wortsinne – überlegene theoretische Zuständigkeit. Folgt man Grizelj und Jahraus, so ist der einem Aufsatz Jean Clams über Niklas Luhmann entnommene Begriff der „Theorietheorie“15 ganz systemtheoretisch als ein „Ausdruck einer Beobachtung zweiter Ordnung“ zu verstehen, „die das, was sie beobachtet, an ihren Akt des Beobachtens knüpft“16. Clam ging davon aus, dass „Supertheorien“ wie die Systemtheorie zwangsweise auch Theorietheorien sein müssten, weil in einer solchen Theorie die Theorie selbst wieder vorkommen müsse.17 Zwar dürfe man den Begriff der Theorietheorie nicht auf das autoreflexive Moment von Supertheorien wie die Systemtheorie reduzieren,18 doch klingt eine Luhmann-Präferenz bereits in Jahraus’ schöner Beschreibung der „theoretischen Urszene“ an: Theorien, so der Autor, speisten sich aus einer „Mangelerfahrung“, mithin einer „Differenzerfahrung“; denn: „Die Differenz von Beobachtung und Beobachtetem, von Wahrnehmung und Wahrgenommenem, von Zeichen und Bezeichnetem ist der Ursprung, aus dem heraus sich Theorien entwickeln.“19

THEORIE-APOTHEKE

Während Grizelj und Jahraus aus dem postmarxistischen Grand-Récits-Dunkel mit grellen Schweinwerfern vor allem die Dekonstruktion und die Systemtheorie als die folgenträchtigsten Theorien herausschälen, stellt sich das Theorie-Theater in Jochen Hörischs Theorie-Apotheke (2004) vielgestaltiger dar. Von A wie „Analytische Philosophie” bis Z wie „Zivilisationstheorie” führt der Autor durch die gesellschaftlichen Krankheitsbilder und theoretischen Kurierungsvorschläge seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Als wichtigste Tendenz macht der Mannheimer Literaturwissenschaftler – ganz Postmoderner – eine „Umstellung von Heilsauf Heilungserwartungen“20 aus: „Selig sind für ambitionierte Denker die gar nicht so fernen Zeiten, in denen Groß-Theorien noch allgemeines Heil versprachen. Heute versprechen die meisten humanwissenschaftlichen Theorien allenfalls noch Heilung von spezifischen Krankheiten und Leiden.“21 Hörisch, der das Ziel einer „apothekarischen Abkühlung aufgeheizter und fieberhafter Großkonzepte“ 22 verfolgt, lockt in seiner Einleitung mit einer simplen Kernbotschaft: „Theorien gibt es […] im Plural.“23

 Ganz so pluralistisch geht es in diesem überaus unterhaltsam geschriebenen Buch dann doch nicht zu. Federn lassen müssen insbesondere die Cultural Studies und Jürgen Habermas. Den Cultural Studies wirft Hörisch eine Auflösung des westlicheuropäisch geprägten Kanons vor, welche „kommunikative Möglichkeiten austrocknen“ lasse.24 Damit attackiert der Autor auch antiuniversalistische Hoffnungen, „eine Kultur aus sich heraus verstehen“25 zu wollen: „Ob Klitoris-Beschneidung in einigen islamischen Sphären oder sadistische Initiationsrituale für männliche Jugendliche auf Papua-Neuguinea, ob massenmörderischer Antisemitismus im Deutschland des 20. Jahrhunderts oder Verstümmelung weiblicher Fü.e in China: Ist der kulturalistische Satz […] ‚alles verstehen heißt: alles entschuldigen‘ […] ein sinnvoller Leitsatz für cultural studies?“26 Mit Luhmann im Gepäck bezweifelt der Autor auch Habermas’ These, „dass Konsens die regulative Idee von Kommunikation“27 sei. Umgekehrt gelte: „Wir kommunizieren eben deshalb unablässig, weil wir uns nicht verständigen und keinen Konsens erreichen. Dissens und nicht etwa Konsens ist die regulative Idee von Kommunikation.“28 Wir hören, folgt man Hörisch, dann auf zu kommunizieren, wenn es Konsens gibt.29

Hörischs unter dem Eindruck von 9/11 geschriebenes Buch gibt sich entspannt, was die Herausforderungen der Humanwissenschaften durch die „neuen Wissenschaften“ anbelangt: Informatik und Bio- Genetik.30 Denn die Probleme des beginnenden dritten Jahrtausends seien „geradezu beschämend anachronistische Probleme“, zu deren Lösung weder Informatik und Bio-Genetik noch Neurophysiologie oder Astrophysik beitrügen: „nämlich Probleme mit Gott, Fanatikern aller Art, Kulturen, die uns fremd bleiben, Konfliktlogiken, Verständigungsschwierigkeiten, Affektlagen, Fragen der Gerechtigkeit, des Geschlechterverhältnisses, des Mediengebrauchs, der Kindererziehung, der Technikfolgen und der Umweltzerstörung.“31 Was die Lösung dieser Probleme anbelangt, so warnt Hörisch ausdrücklich vor zu viel Carl Schmitt’schem Freund-Feind-Denken – und damit vor allzu viel Politischer Theologie. Stattdessen empfiehlt er, sich die Vergleichenden Religionswissenschaften zu Gemüte zu führen, etwa die Schriften von Jan Assmann oder Klaus Heinrich.32 Was freilich auch auf ein „Verstehen als Entschuldigen“ hinauslaufen könnte, ähnlich zu den Cultural Studies, die mit der Theorie-Apotheke sicherlich zu unrecht in den Geruch kommen, als pharmakon nicht nur im Sinne von „Heilmittel“, sondern auch von „Gift“ zu wirken.

THEORIEN DER LITERATUR- UND KULTURWISSENSCHAFTEN. EINE EINFÜHRUNG

Anders als Hörischs „A bis Z“ ist Bernd Stieglers Einführung in die Theorien der Literatur- und Kulturwissenschaften (2015) chronologisch aufgebaut – und auf wenige Theorien verknappt. Der Hermeneutik kommt die Ehre zu, so etwas wie die „erste Literatur- und Kultur-Theorie“ darzustellen; auf sie folgen die Kritische Theorie, die Psychoanalyse, der Strukturalismus, die Dekonstruktion, die Diskursanalyse, die Gender Studies, der Postkolonialismus, die Systemtheorie, die Medientheorie, die Bildwissenschaften und schließlich die Visual Culture Studies. Das Buch geht auf eine Vorlesungsreihe zurück, deren mündlicher Duktus beibehalten wurde.33 Einzeltheorien der Literatur-, Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaft fanden keine Aufnahme, sondern nur „Referenztheorien, die diesen ihre Orientierung geben“34. Bereits auf der ersten Seite findet sich folgender bemerkenswerter Satz: „Theorie, das können wir schon einmal festhalten, beschränkt sich in der Regel nicht auf Einzeldisziplinen, sondern hat einen transdisziplinären Anspruch oder Geltungsbereich. Sie beansprucht, in höchst unterschiedlichen Feldern und Anwendungsbereichen von Nutzen sein zu können, auch wenn diese erste einmal mit der Theorie wenig zu tun zu haben scheinen.“35 Vor diesem Hintergrund nahm Stiegler, der in Konstanz Neuere Deutsche Literatur unterrichtet, die Rezeptionsästhetik (die bei Hörisch verhandelt wird) und die Akteur-Netzwerk-Theorie nicht auf (diese fehlt bei Hörisch ebenfalls).36

Der iconic turn (Gottfried Boehm) wie der pictorial turn (W. J.T. Mitchell) scheinen aber gleich doppelt präsent zu sein – als Bildwissenschaften und Visual Culture Studies. Doch kann Stiegler glaubhaft Unterschiede deutlich machen: Während Erstere insbesondere von deutschsprachigen Kunstwissenschaftlern betrieben werden – etwa im Rahmen des Megaforschungsprojektes „eikones“ in Basel –, stehen Letztere für eine Theoriepraxis insbesondere angelsächsischer Literaturwissenschaftler.37 Erstere sind eher auf philosophische und klassisch kunsthistorische Theorieansätze ausgerichtet und schließen wissenschaftstheoretische Analysen mit ein, Letztere sind vor allem der Semiotik, der Diskursanalyse, der Psychoanalyse, aber auch den Gesellschaftstheorien eines Louis Althusser bis hin zur Kritischen Theorie verpflichtet:38 „Die Visual Culture Studies sind buntscheckiger und heterogener, aber auch wissenschaftlich weniger gravitätisch und deutlich leichtfü.iger als die deutlich philosophischere und wissenschaftlich gewichtigere Bildwissenschaft.“ 39 Deutlich auf Distanz geht Stiegler zur Medientheorie eines Norbert Bolz, Vilèm Flusser oder Friedrich Kittler, und im Hinblick auf dessen Militär- und Kriegszentrismus schreibt er: „Die technischen Medien bieten Erklärungsmuster für eine neue Meta- Erzählung im Zeitalter ihrer postmodernen Toderklärung. Die Medientheorie dieser Zeit gewinnt ihre Konturen in einer nachgerade apokalyptischen Perspektive, die ihr zugleich den Blick verstellt. Sie krankt allerdings an einem diagnostischen Größenwahn, der aber zugleich die Theorien so interessant macht.“40 

Diagnostischer Größenwahn macht Theorien „interessant“? Die beiläufige Bemerkung Stieglers steht seltsam quer zu den vier Theoriebestimmungen seiner Einleitung: Theorien seien keine Methoden,41 „keine Bastelanleitungen, mit deren Hilfe man etwas zusammenbauen könnte wie ein Ikea-Regal“42. Desweiteren seien sie „welterschließend“ und machten Phänomene sichtbar.43 Und sie führten mittels Verfremdungseffekt zu einem Problembewusstsein:44 „Es ist eine Aufgabe von Theorien, tradierte und überkommene Annahmen in Frage zu stellen.“45 Schließlich lieferten Theorien neue Begriffe.46 „Der Himmel der Theorie mag zwar dunkel sein, aber seine Sterne [die neuen Begriffe, S.T.] ermöglichen gleichwohl eine Orientierung.“47 Stiegler ist mit Theorien der Literatur- und Kulturwissenschaften eine brauchbare Einführung in die Theorienbildungen der jüngeren Zeit gelungen, deren „Interessantheiten“ gleichwohl zuweilen im Unausgesprochenen verbleiben.

DER LANGE SOMMER DER THEORIE

Dagegen stellt der Berliner Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Felsch in Der lange Sommer der Theorie (2015) diese „Interessantheiten“ von Theorie auf eindrückliche Art und Weise dar. Felsch erzählt in seinem Buch die Geschichte der Theorie zwischen 1960 und 1990 vor allem anhand des Berliner Merve-Verlages, gegründet zunächst von einem sozialistisch inspirierten Kollektiv um Peter Gente (1936–2014) und der Namensgeberin Merve Lowien, ab 1975 dann geleitet von Gente und Heidi Paris (1950–2002). Merve gilt als „Reclam der Postmoderne“ und, da sich der Verlag vor allem mit Übersetzungen französischer Poststrukturalisten einen Namen gemacht hat, auch als „rechtmäßiger Urheber des deutschen Wortes ‚Diskurs‘“.48 Der Verlag sei ohne die „Taschenbuchrevolution“49 (Hans Schmoller), die seit Mitte der 1970er-Jahre den internationalen Buchmarkt aufmischte, kaum denkbar. Sie stellt den technisch-medialen Hintergrund dar, vor dem sich – in Deutschland insbesondere befördert eben durch Merve – die Mutation großväterlicher Ordinarien-Philosophie zunächst in lebenspralle „Theorie“ mit „Sexappeal“50 – „Theorie verkaufte sich plötzlich wie Schallplatten“51 – und dann in ein im weitesten Sinne ästhetisches Projekt vollzog.

Diese Mutation ist eine vom Marxismus in einen Postmarxismus, der neu- und selbst altrechte Positionen mit einschloss. Als Schlüsseldatum der Geschichte der deutschsprachigen Intellektualität entpuppt sich das Jahr 1977, mit dem das in weiten gesellschaftlichen Kreisen positiv konnotierte Bild des linken Projekts im Terror der RAF explodierte: „Nach 1977 war ‚Theorie‘ nicht mehr dasselbe wie davor.“52 Ein Jahr später wurde aus der „internationalen marxistischen diskussion“ – so der Reihentitel der frühen Merve-Publikationen – ein „Internationaler Merve Diskurs“.53 Aus einem marxistisch grundierten Verlag kamen nun Argumente gegen den Marxismus.54 Der Kompass des progressiv gesinnten deutschsprachigen Theorie- Lesers drehte sich von Italien, dem Sehnsuchtsland auch der Marxisten, nach Frankreich, wo sich wie in keinem anderen Land Intellektuelle „mit so viel Verve an ihren alten marxistischen Überzeugungen“ abarbeiteten.55 Zum Schlüsselbuch dieses Paradigmenwechsels wurde Lyotards Merve-Buch Patchwork der Minderheiten (1977), der das Vokabular des dialektischen Materialismus weit hinter sich ließ,56 weil er die Waffen der Arbeiterbewegung für abgestumpft hielt:57 „Das Kleine, aus klassisch linker Sicht notwendig zur Wirkungslosigkeit verurteilt, verwandelte sich in ein Versprechen. Das Wortfeld des Mikroskopischen, das um die Mitte der siebziger Jahre die Theorie eroberte – die Mikrophysik, die Mikropolitik, aber auch die Mikrogeschichte –, zeigt das Ende des Glaubens an die Macht der Massen an.“58 Dass im Fahrwasser dieser Entwicklung reaktionäre deutsche Schriftsteller wie Ernst Jünger im Umweg über Frankreich wieder satisfaktionsfähig wurden, überraschte nur manche.59

Ab den 1980-Jahren, so lautet Felschs Schlusspointe, wurde aus der schwierigen Theorie ein mitunter gefährliches Denken – und landete bevorzugt in einer hedonistischen, nachtaktiven Kunstwelt. Merve ist dafür das beste Beispiel. Peter Gente und Heidi Paris waren Stammgäste der Berliner Paris Bar, und aus Abenden mit Martin Kippenberger oder Heiner Müller60 sind einige Ideen für Bücher hervorgegangen: „Das .bermüdungstraining, dem sich die Verleger in den achtziger Jahren unterzogen, gehört untrennbar zur damaligen Theorie-Kultur.“61 Dass der Verlag sein vierzigjähriges Jubiläum in der Sammlung Falckenberg mit einer Ausstellung feierte, die die Form eines Frieses aus allen 336 bis dato erschienen Titeln an den weißen Wänden der ehemaligen Phoenix-Werke in Hamburg-Harburg annahm, 62 passt da nur ins Bild. Die charakteristische Rautenform des Internationalen Merve Diskurs war zum seriellen Gesamtkunstwerk geworden. Felschs spannend geschriebenes Buch endet mit gutem Grund in den 1990er-Jahren: Ausgerechnet die Dekade, die die Ankunft der Merve-Bände an den Universitäten mit sich brachte, gebar mit den science wars um Alan Sokal und anderen auch einen tiefen Riss – Theorie war fortan nicht mehr bedingungslos kompatibel mit einem oft naturalistisch verengten Wissenschaftsbegriff.

KULTURTHEORIEN ZUR EINFÜHRUNG

Wenn Felsch den Akzent seiner Erzählung auf Theorie als Lebensform, als Praxis setzt, so stellt sich die Frage, wie es um das Verhältnis von Praktiken und Theorien bestellt ist. Iris Därmanns Einführung in die Kulturtheorien bietet schlüssige Antworten. Ihr Fokus liegt auf „solchen Theorien, die sich mit kulturellen Praktiken, mit Riten, Prozeduren, Kultur-, Reproduktions- und Körpertechniken auseinandersetzen“ 63. Ihr geht es um theoretische Erklärungen der sozialitäts- und beziehungsstiftenden Aspekte von Kultur: „Intersubjektivität, Sozialität, Gemeinschaft oder Gesellschaft sind nicht einfach gegeben, haben nicht von sich aus eine dauerhafte und stabile Existenz, sondern müssen durch verschiedene kulturelle Praktiken je von Neuem hergestellt, unterhalten, unterbrochen oder abgeschlossen werden.“64 Vor diesem Hintergrund entfaltet sie ein kulturtheoretisches Panorama zu Themen wie „Küche und Tischgemeinschaft“, „Rituelles und moralisches Opfer“, „Magische Kräfte“, „Performativität, Ritualität, Theatralität“ oder „Gesellschaftsspiele, Spielelemente der Kultur“. Während Felsch das Thema „Theorie“ sehr stark in Bezug zur Kunst verhandelt, rückt Därmann, die an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt, die Architektur ins Zentrum; genauer: das Haus im Sinne einer Wirtschaftseinheit. In den antiken Oikonomia-Schriften „mit ihrem agrikulturell-ökonomischen, sozial-verwandtschaftlichen, politisch-rechtlichen und kosmologischreligiösen Themenkatalog“ stößt sie auf „Proto-Kulturtheorien“,65 die gerade in der Moderne nicht folgenlos bleiben sollten.

Was Platon und Aristoteles über die Polis schreiben, mag eine Kritik jenes altgriechischen Oikos sein, der noch bei Homer als „einzige politische Handlungsinstanz“ in Erscheinung getreten war.66 Doch mit der Herausbildung und Konsolidierung der lokal verwurzelten Polis wurde der Oikos nach und nach politisch entmachtet.67 Mit dem philosophischen „Paukenschlag“68 der Politeia schaffte Platon „den Oikos mitsamt den etablierten Familien-, Verwandtschafts- und Geschlechterverbänden als politische und ökonomische Machtfaktoren ab“69. Platon, so Därmann, macht „aus der Polis einen riesigen Oikos“70. Es sei nur konsequent, dass Platons Politik des Oikos auch vor der Abschaffung des Hauses als Wohngebäude nicht haltmache: „Anstelle von Einzelhäusern sollen Wohnungen treten, die – in Wohneinheiten zusammengefasst – der Polis selbst das Aussehen eines einzigen Hauses verleihen“71. Auch Aristoteles stieß in dieselbe Kerbe der Oikos-Relativierung. Zwar folgte er Platon bezüglich der Oikos-Vernichtung nicht, doch „zielt er zweifellos auf die politische Entmachtung der Geschlechter und der ‚Häuser-Gesellschaft‘, und zwar mit einer doppelten Strategie: Einerseits trennt er die Sphäre des Oikos radikal von der der Polis. Andererseits erklärt er den Oikos zu einer beinahe geschlossenen und isolierten Einheit ohne chrematistische Außenkontakte, um ihn auf seine ökonomischen Funktionen zu reduzieren und so politisch zu degradieren.“72

Im Antagonismus zu den antiken Oikonomia-Konzepten, die eine „Politik gegen den Oikos und die integrationsstiftenden Praktiken der Verwandtschaft“ betrieben,73 stehen die reaktionären Theorien des „Ganzen Hauses“ eines Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897) oder Otto Brunner (1898–1982), die sich in ihrer Platon- und Aristoteles-Rezeption gegen eine egalitär-kritische Gesellschaft und die Gleichberechtigung sowie gegen eine weiblich dominierte Salonkultur im Besonderen wandten.74 Eine produktivere Haus-Theorie findet Därmann im Spätwerk des marxistischen Strukturalisten Claude Lévi-Strauss vor. In Anlehnung an die Untersuchungen des Mediävisten Karl Schmid zum adligen Haus im 10. und 11. Jahrhundert entwickelt Lévi-Strauss mit dem Konzept der „Häuser-Gesellschaft“ eine korporative Instanz, die nicht auf die Familie reduziert werden kann:75 „Gemäß seiner eigenen, marxistischen Theorie des Überbaus (‚die Überbauten sind sozial ‚erfolgreiche‘ Fehlleistungen‘) haben für Lévi- Strauss die Sprachen der Verwandtschaft beziehungsweise der Allianz ebenso wie die Mythen und Künste (das Haus als Fetisch: prachtvolle Verzierungen, Mobiliar et cetera) die Funktion, entweder innere Spannungen, Konflikte, Widersprüche, antagonistische Prinzipien oder aber externe Veränderungen […] zu verschleiern oder in einer Weise aufzulösen, wie es der jeweiligen Gesellschaft auf politischer, ökonomischer beziehungsweise institutioneller Ebene nicht möglich ist.“76 Es kann Därmann kaum hoch genug angerechnet werden, dass sie mit ihrem Hinweis auf Lévi-Strauss’ „Häuser-Gesellschaft“ die mögliche zentrale Rolle der Architektur für jegliche avancierte Kulturtheorie betont.

AFTER THEORY

Während Därmann auch und gerade in der griechischen Antike auf kulturtheoretische Ambitionen stößt, stellt für Terry Eagleton „Cultural theory“ die Errungenschaft einer spezifischen Epoche dar, die er um 1965 beginnen und ungefähr 1980 enden lässt.77 Diese Zeit – international durch starke Regierungsbeteiligungen der politischen Linken gekennzeichnet, die ebenso nationale Befreiungsbewegungen wie den Aufstieg von Bürgerrechts-, Studenten-, Frauen-, Schwulen- und Antikriegs-Bewegungen mit sich brachte – war gleichfalls ein „Goldenes Zeitalter“ der Theorie:78 „Theory […] was born somewhere in the dense, democratic jungle of the 1960s“79. Seit den Tagen von Louis Althusser, Roland Barthes, Michel Foucault, Jacques Lacan, Edward Said und anderen sei nicht allzu viel geschrieben worden, was in puncto Ambitioniertheit und Originalität damit konkurrieren könnte.80 Eagleton konstatiert, dass alle neuartigen kulturtheoretischen Ansätze der 1960er- und 1970er-Jahre aus einem „extraordinarily creative dialogue with Marxism“81 entstanden seien. Die aus dem 19. Jahrhundert überlieferten marxistischen Theorien hatten freilich wenig („Überbau“) bis nichts zu Themen wie Genuss, Begehren, Kunst, Sprache, Gender oder Ethnizität zu sagen gehabt.82 Diese marxistische Leerstelle füllte das Wort culture, „which included Bill Wyman and fast food as well as Debussy and Dostoyevsky“83. Für den Marxisten Eagleton, der an der Lancaster University Literaturwissenschaften lehrt, sind Kulturtheoretiker immer irgendwie Kommunisten – „Communists in the sense that John F. Kennedy was Berliner“.84

Doch mit den 1980er-Jahren setzte – folgt man Eagleton – ein Rollback ein: Aus den „sexy topics“ von Strukturalismus und Marxismus sei als zentrales Thema nur der Sex selbst übrig geblieben, 85 aus dem Sozialismus sei schierer Sado-Masochismus geworden, 86 aus „French philosophy“ nur „French kissing“87. Diese rhetorischen Übertreibungen treffen insofern einen Punkt, als dass sie den typischen Cultural-theory- Studierenden des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu Recht vorwerfen: „the body is an immensely fashionable topic, but it is usually the erotic body, not the famished one. There is a keen interest in coupling bodies, but not in labouring ones.“88 Schuld daran sei die „Politik der Amnesie“ der neoliberalen Ende-der-Geschichte-Propagandisten, die bewirkte, dass Manchen alles vor 1980 als „ancient history“ vorkomme.89 Die narzisstischen Selbstbespiegelungen zeitigten einen theoretischen Differenz-Fetisch, der reale postmoderne Differenz-Verschleifungen camouflierte: „It was ironic that postmodern thought should make such a fetish of difference, given that its own impulse was to erase the dictinctions between image and reality, truth and fiction, history and fable, ethics and aesthetics, culture and economics, high and popular art, political left and right.“90

Für die Gegenwart sieht Eagleton in seinem überaus lesenswerten Buch große Potentiale für eine Renaissance der Theorie. Gerade der auf 9/11 folgende „war on terror“, der einen „clash of civilizations“ zwischen dem Westen und dem politischen Islam zu provozieren droht, mache zumindest eines deutlich: Die These vom „Ende der Geschichte“ kam an ihr Ende – Geschichte passiert seither wieder. Entsprechend müsse auch Theorie wieder ambitionierter werden: „not so that it can hand the West its legitimations, but so that it can seek to make sense of the grand narrative in which it is now embroiled“91. Zudem seien noch einige Probleme der 1960er- Jahre ungelöst: „Cultural theory as we have it promises to grapple with some fundamental problems, but on the whole fails to deliver. It has been shamefaced about morality and metaphysics, embarrassed about love, biology, religion and revolution, largely silent about evil, reticent about death and suffering, dogmatic about essences, universals and foundations, and superficial about truth, objectivity and disinterestedness.“92 Keine Idee, beklagt Eagleton, sei in der zeitgenössischen Kulturtheorie unpopulärer als diejenige der absoluten Wahrheit93 – und man befürchtet, dass er glaubt, er habe sie gefunden.

UTOPIE ODER UNTERGANG. EIN WEGWEISER FÜR DIE GEGENWÄRTIGE KRISE

Während der Marxismus bei Eagleton im Gestus der absoluten Selbstgewissheit daherkommt, verdankt er sich bei dem 1972 geborenen amerikanischen Schriftsteller und Essayisten Benjamin Kunkel einem Prozess des andauernden Zweifels. Kunkels Essays, die ab 2010 in Magazinen wie n+I, The Jacobin sowie dem London Review of Books erschienen sind und nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurden, stellen nach eigenem Bekunden keinen originären Beitrag zum Marxismus dar, sondern lediglich teils lobende, teils kritische Einführungen in das Denken einer guten Handvoll zeitgenössischer linker Intellektueller: 94 Robert Brenner, David Graeber, Boris Groys, David Harvey, Fedric Jameson, Thomas Piketty und Slavoj Žižek. Zum Marxismus, bekennt Kunkel, kam er wie die Jungfrau zum Kind, denn die 1990er-Jahre seien „nicht gerade das ideale Jahrzehnt“ 95 gewesen, um den Sozialisten in sich zu entdecken: „Große Volksparteien, die ein Reformprogramm hätten vorantreiben können, liefen in der Ära des Endes der Geschichte fast überall zum Neoliberalismus über“96. Doch nun hätten sich die Zeiten fundamental verändert.97

Was bei Eagleton der 11. September 2001 ist, ist bei Kunkel die Subprime-Krise ab 2007, der Lehman-Brothers-Crash 2008 und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise. Damit sei eine „neue Ära“ angebrochen,98 die mit einer Renaissance des Marxismus einhergehe. 99 Gut weg kommen bei Kunkel vor allem US-amerikanische Autoren, etwa die Marxisten Brenner und Jameson. Vor allem Letzterer habe „mehr als jeder andere zeitgenössische Autor“ bei ihm dazu beigetragen, die „anfangs zögerliche Selbstwahrnehmung als Radikaler und Linker zu verfestigen“100. In einer Zeit, in der „Utopia als Euphemismus für den Gulag“ galt,101 wies der Literaturwissenschaftler Jameson – in Opposition zu Lyotard und anderen – stets darauf hin, dass die Postmoderne für die ultimative große Erzählung eines ewigen Spätkapitalismus gesorgt hat.102 An Jameson wird einzig dessen Fokussierung auf kulturelle Fragen und das Schweigen zu ökonomisch-politischen Themen bemängelt. Brenner kommt bei Kunkel die Rolle des Orakels zu, da der Historiker bereits 2006, am Ende seines Buches The Economics of Global Turbulence, die Finanzkrise vorhergesagt hatte.103 Brenners These, „wonach chronische Produktionsüberkapazit.ten zu einem Abflauen der Investitionen in die Industrieproduktion geführt haben, so dass verfügbares Kapital verstärkt in spekulative Finanzgeschäfte investiert werde und es in immer kürzeren Abständen zu Spekulationsblasen komme“,104 sollte sich 2008 dramatisch bewahrheiten.

Die globalen Stars der europäischen Linken werden von Kunkel dagegen beherzt abgewatscht. Žižek, „dieser vulgäre Schlaumeier mit filmreifem osteuropäischem Akzent, der seine Kritiker mit seinem Gerede von den ‚guten alten Sowjetzeiten‘ köder[t] und mit touretteartiger Beharrlichkeit an seinem schwarzen T-Shirt zupf[t]“,105 verwechsele die Existenz von Märkten mit der des Kapitalismus.106 Piketty falle durch mangelnde Marx-Kenntnisse auf und sei daher allzu anfällig, den Fortbestand des Kapitalismus zu verteidigen.107 Besonders schlecht schneidet Groys ab, der deutsch-russische Kunsttheoretiker, der mit Gesamtkunstwerk Stalin (1988) als Apologet der Einheit von Kunst und Politik bekannt wurde. „Im Kern“, so Kunkel, „ist seine Arbeit von der Sehnsucht beseelt, die zeitgenössische Kunst möge irgendwie die Autonomie des Hofnarren, der alles sagen darf, weil er praktisch überflüssig ist – gegen eine Autonomie eintauschen, die eher der des Herrschers gleicht – der frei ist, weil er das Sagen hat.“108 Die Groys-Lektüre führt bei ihm zu großer Ratlosigkeit: eine „größte schriftstellerische Untugend“ sei der Hang, die eigenen Ideen so weit aufzublähen, dass sie irgendwann nichts mehr aussagten.109 Im Motto „‚Keiner weiß, was es bedeutet […]. Aber es ist provokant‘“110 sieht Kunkel eine innige Verbindung zwischen der Kunst des Neoliberalismus und den Texten beziehungsweise Theorien der „verzweifelten Kritiker“ eben dieser Kunst.111

ZU DIESEM HEFT

Die sieben vorgestellten Bücher summieren sich zum Panorama eines theoretischen Status quo, der sich wie folgt zusammenfassen lässt:

Erstens: In expliziter oder impliziter Abgrenzung zu marxistischen Gleichheitstheorien dominierten in den letzten Jahrzehnten in geistes- wie kulturwissenschaftlichen Kontexten vor allem Differenztheorien, zu denen als einflussreichste die Dekonstruktion und die Systemtheorie gezählt werden können (Grizelj, Jahraus).

Zweitens: Mit diesem Paradigmenwechsel, der „große Erzählungen“ unter Generalverdacht stellte, vollzog sich eine Umstellung von größeren Heils- zu skeptischeren Heilungserwartungen an die Theorie (Hörisch).

Drittens: Theorie ist immer transdisziplinär, und aus der Asche der grands récits stiegen freilich wie Phönixe neue Metanarrative wie die Medientheorie (Stiegler), aber auch technisch und naturwissenschaftlich geprägte Großunternehmen wie die Informatik oder die Bio-Genetik auf (nochmals Hörisch).

Viertens: Mit der Relativierung des Marxismus setzte eine neue Wertschätzung des Kleinen ein, und aus der Theorie wurde ein alltagspraktisches Utensil mit Sex-Appeal und Affinität zur Kunst (Felsch).

Fünftens: Eine als Praxis verstandene Theorie sollte sich stets darüber vergewissern, dass jegliche Kulturtheorie immer Praxisbeobachtung ist; die Architektur, verstanden als häuslich-politische Wirtschaftseinheit, steht als zentrales Beobachtungsobjekt auf der Agenda der Kulturtheorie (Därmann).

Sechstens: Dessen ungeachtet entstand „Theorie“ im heutigen Sinne im politisch progressiven Kontext der Nachkriegslinken. Deren unvollendetes Projekt macht noch heute die Aktualität von (marxistisch geprägter) Theorie aus, die große Begriffe wie Moralität, Wahrheit, Objektivität et cetera nicht scheuen sollte (Eagleton).

Siebtens: Das Statement eines „Endes der Geschichte“ kann als ultimatives Metanarrativ des Neoliberalismus betrachtet werden – und wurde mit 9/11, allerspätestens mit der Weltwirtschaftskrise ab 2008 selbst zur Geschichte; seither kann eine Renaissance des marxistischen Denkens diagnostiziert werden, und Theorie muss sich seither vor allem an ihrer Wirtschaftskompetenz messen lassen (Kunkel).

Dennoch: Die vorliegende ARCH+-Ausgabe ist keine Marxismus- Ausgabe; sie heißt nicht 1 Theorie, sondern Tausendundeine Theorie. Tausendundeine Theorie steht für 1001 Zugänge, über die Welt zu staunen – und Anderen von diesem Staunen zu berichten.

Tausendundeine Theorie ist eine mal länger, mal kürzer kommentierte Liste. Aufgelistet sind 1001 in Buchform vorliegende Theorien in deutscher und englischer Sprache aus unterschiedlichen Disziplinen, die das Wort „Theorie“ beziehungsweise „Theory“ als Singular im Buchtitel oder -untertitel führen; von Einführungen, Anthologien oder Übersichtsdarstellungen à la Einführung in die Theorie der Gesellschaft wurde bis auf wenige Ausnahmen, die trotz ihres einführenden Charakters eine eigenständige Theorieleistung darstellen, abgesehen. Alle Theorien sind, sofern ins Deutsche übersetzt, vorzugsweise unter ihrem deutschen Titel oder Untertitel aufgelistet. In Einzelfällen wurde allerdings – trotz einer vorhandenen Übersetzung – dem englischen Titel der Vorzug gegeben; so wird etwa Paul Feyerabends Buch Against Method: Outline of an Anarchistic Theory of Knowledge unter seinem englischen Titel geführt, da die deutsche Übertragung Wider den Methodenzwang den Untertitel und damit den Verweis auf den theoretischen Charakter des Buches herunterspielt. In Ergänzung dazu wurden Theorien aufgenommen, die nur implizit in verschiedenen Publikationen ausformuliert sind; Beispiel: Sempers „Bekleidungstheorie“. Ferner fanden übergreifende Begriffe wie „Medientheorie” oder „Politische Theorie“ Aufnahme.

Tausendundeine Theorie geht es nicht um Vollständigkeit, sondern um den Tsunami der großen Zahl, nicht um ein Monument, sondern um eine Momentaufnahme: um einen Momentalismus.112 Nur die Spitze des theoretischen Eisbergs wird in dieser Ausgabe sichtbar, welche aus Essays und Rezensionen zahlloser Bücher besteht. Theorie ist nicht ohne Lesen zu haben, so viel steht fest. Wenn der Marxismus in näherer Zukunft mit aller Macht zurückkommen sollte, dann nur auf Grundlage eines wesentlich erhöhten Komplexitätsgrades, da kulturelle Artefakte nicht mehr nur als Überbau-Phänomene von Produktionsverhältnissen erklärt werden können. Für den Moment sei das temporäre Heil in der zweiten großen Theorietradition des 19. Jahrhunderts gesucht, die nicht, wie der Marxismus, auf Revolution fokussiert, sondern auf deren Gegenteil: auf die Evolution mit ihrem universellen Dreischritt von Variation, Selektion und Stabilisierung, der noch in der Luhmann’schen Systemtheorie ein Echo fand. Tausendundeine Theorie repräsentiert 1001 theoretische Variationen mit offenem politischen Ende.

Was das alles mit Architektur, mit Architekturtheorie zu tun hat? Nun, eine Architekturtheorie, die sich in ihren Theoriebildungen nur auf die Architektur bezieht, würde die Architektur stark unterschätzen. 113 Schließlich ist Architektur die vielleicht komplexeste Kulturtechnik, die die Menschheit hervorgebracht hat. Nirgendwo sonst – weder in der Literatur noch im Theater noch in den Bildenden Künsten et cetera – fallen wirtschaftliche, technisch-wissenschaftliche, künstlerische, rechtliche, mediale, religiöse und politische Interessen so in eins wie beim Bauen und Planen fürs Bauen. Ein flüchtiger Blick auf die Architekturgeschichte zeigt: Gebäude sind ebenso im Kontext kultureller (nationaler, regionaler et cetera) Differenzen wie im Kontext von Transmissionsprozessen zu sehen. Sie sind Resultate kultureller Evolution, die sich kaum allein auf distinkte Einzelfiguren (Heroen der Architekturgeschichte et cetera) zurückführen lassen, sondern komplexen Rahmenbedingungen unterworfen sind: einer Gemengelage aus ökonomischen, politischen, materiellen und stilistischen Faktoren, aus Traditionen, Handwerkerregeln, Software et cetera. Dies alles steht als analytische, mithin evolutionstheoretische Aufgabe auf der Agenda einer als Kulturtheorie verstandenen Architekturtheorie, die sich nicht subjektivistischen Illusionen hingeben will. Gleichzeitig hat sich Architekturtheorie – als durchaus auch subjekt-orientierte Designtheorie – nicht nur dafür zu interessieren, was war und was ist, sondern auch, was sein soll; und dies nicht nur im engeren Sinne von wünschbaren Artefakten, sondern auch im Sinne einer wünschbaren Gesellschaft.

Mögen die Texte und Bücher von Tausendundeine Theorie dazu beitragen, die Architektur stärker ins Zentrum der kulturtheoretischen Diskussion zu rücken; mögen sie Tausendundeine Nacht lang den Tod aufschieben und das gespannte Staunen verstetigen, wie in den Erzählungen von Scheherazade.

 

 

1 Vgl. Hannelore Rausch: Theoria. Von ihrer sakralen zur philosophischen Bedeutung. München: Fink, 1982, S. 9

2 Vgl. ebd.

3 Hans Georg Gadamer: „Lob der Theorie“, in: Ders.: Lob der Theorie. Reden und Aufsätze, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983, S. 26–50

4 Vgl. Christoph Bode: „Theorietheorie als Praxis: Überlegungen zu einer Figur der Unhintergehbarkeit, oder: Über eine Theorie-Praxis-Asymmetrie“, in: Mario Grizelj, Oliver Jahraus ( Hrsg.): Theorietheorie. Wider die Theoriemüdigkeit in den Geisteswissenschaften, München: Fink, 2011, S. 92

5 Vgl. Jochen Hörisch: Theorie-Apotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen, Frankfurt am Main: Eichborn, 2004, S. 24

6 Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen, Wien: Passagen, 2012 ( 1979 )

7 Peter Engelmann: „Langer Abschied von den großen Erzählungen. Durch ihn hat unsere Epoche ihren Namen bekommen: Jean-François Lyotard, der Vordenker der Postmoderne“, in: Die Welt, 23. April 1998 (http://www.welt.de / printwelt/ article598731/Langer-Abschied-von-dengrossen- Erzaehlungen.html; zuletzt abgerufen am 19. November 2015 ).

8 Ebd.

9 Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte, München: Kindler, 1992

10 Vgl. Oliver Jahraus: „Theorietheorie“, in: Grizelj / Jahraus 2011 ( wie Anm. 4 ), S. 25

11 Ebd., S. 27

12 Uwe Wirth: „Gepfropfte Theorie: Eine‚greffologische‘ Kritik von Hybriditätskonzepten als Beschreibung von intermedialen und interkulturellen Beziehungen“, in: Grizelj / Jahraus 2011 ( wie Anm. 4 ), S. 154

13 Ebd., S. 152

14 Vgl. ebd., S. 162

49 Ebd., S. 37

50 Ebd., S. 13

51 Ebd., S. 115

52 Ebd., S. 136

53 Ebd., S. 104

54 Vgl. ebd.

55 Ebd.

56 Vgl. ebd., S. 103

57 Vgl. ebd.

58 Ebd.

59 Vgl. ebd., S. 198

60 Vgl. ebd., S. 217

61 Ebd., S. 218

62 Vgl. ebd., S. 172

63 Iris Därmann: Kulturtheorien zur Einführung, Hamburg: Junius, 2011, S. 9

64 Ebd.

65 Ebd., S. 112 f.

66 Vgl. ebd., S. 119

67 Vgl. ebd.

68 Ebd., S. 120

69 Ebd.

70 Ebd.

71 Ebd.

72 Ebd., S. 122

73 Ebd., S. 114

74 Vgl. ebd., S. 114

75 Vgl. ebd., S. 118

76 Ebd.

77 Terry Eagleton: After Theory, London: Penguin, 2004 ( 2003 ), S. 23 f.

78 Ebd., S. 1

79 Ebd., S. 77 f.

80 Ebd., S. 1

81 Ebd., S. 35

82 Ebd., S. 39

83 Ebd.

84 Ebd., S. 36

85 Ebd.

86 Vgl. ebd., S. 2

87 Ebd.

88 Ebd.

15 Vgl. Jahraus, „Theorietheorie“, a.a.O., S. 20

16 Mario Grizelj, Oliver Jahraus: „Einleitung: Theorietheorie. Geisteswissenschaft als Ort avancierter Theoriebildung – Theorie als Ort avancierter Geisteswissenschaft“, in: Grizelj / Jahraus 2011 ( wie Anm. 4 ), S. 10

17 Vgl. Jahraus, „Theorietheorie“, a.a.O., S. 20

18 Ebd.

19 Ebd., S. 28

20 Ebd., S. 7

21 Ebd.

22 Ebd.

23 Ebd., S. 10

24 Ebd., S. 69

25 Vgl. ebd., S. 70

26 Ebd., S. 71

27 Ebd., S. 168

28 Ebd., S. 167

29 Vgl. ebd., S. 168

30 Vgl. ebd., S. 15

31 Ebd., S. 317

32 Vgl. ebd., S. 212

33 Vgl. Bernd Stiegler: Theorien der Literatur- und Kulturwissenschaften, Paderborn: Schöningh, 2015, S. 7

34 Ebd.

35 Ebd.

36 Ebd.

37 Vgl. ebd., S. 143

38 Ebd., S. 145

39 Ebd.

40 Ebd., S. 139

41 Vgl. ebd., S. 13

42 Ebd., S. 14

43 Vgl. ebd.

44 Vgl. ebd.

45 Ebd., S. 15

46 Vgl. ebd.

47 Ebd.

48 Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, München: Beck, 2015, S. 14

89 Vgl. ebd., S. 7

90 Ebd., S. 46

91 Ebd., S. 73

92 Ebd., S. 101 f.

93 Vgl. ebd., S. 103

94 Vgl. Benjamin Kunkel: „Einführung“ ( 2013 ), in ( ders.): Utopie oder Untergang. Ein Wegweiser für die gegenwärtige Krise, Berlin: Suhrkamp,

2014 ( 2013 ), S. 7

95 Ebd., S. 11

96 Ebd., S. 23

97 Vgl. Kunkel, „Einführung“ ( 2013 ), in: ebd., S. 22

98 Ebd., S. 24

99 Ebd., S. 25

100 Benjamin Kunkel: „Boris Groys: Die Ästhetik der Utopie“ ( 2013 ), in: ebd., S. 219

101 Benjamin Kunkel: „David Harvey: Krisentheorie“ ( 2011 ), in: ebd., S. 63

102 Vgl. ebd., S. 68

103 Vgl. Kunkel, „Einführung“ ( 2013 ), in: ebd., S. 20

104 Ebd.

105 Benjamin Kunkel: „Slavoj Zizek: Die unerträgliche Leichtigkeit des ‚Kommunismus‘“ ( 2012 ), in: ebd., S. 151

106 Vgl. ebd., S. 154

107 Vgl. Benjamin Kunkel: „Thomas Piketty: Arme Schlucker und steinreiche Bonzen“ ( 2014 ), in: ebd., S. 189

108 Benjamin Kunkel: „Boris Groys: Die Ästhetik der Utopie“ ( 2013 ), in: ebd., S. 195

109 Vgl. ebd., S. 205

110 Ebd., S. 216

111 Ebd.

112 Zum Begriff des Momentalismus siehe ARCH+ features 45 in dieser Ausgabe

113 Zu denken ist in diesem Zusamenhang etwa an Fritz Neumeyer: „Vom Nutzen und Nachteil der Theorie für den Architekten“, in: Dieter Eckert ( Hrsg.): Die Architektur der Theorie. Fünf Positionen zum Bauen und Denken, Berlin: DOM Publishers, 2014, S. 92 ff. 

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