ARCH+ 221


Erschienen in ARCH+ 221,
Seite(n) 146-149

ARCH+ 221

Seriellen Erzählens, Theorie des

Von Hartmann, Tina

Niemand hat sie erfunden. Als weibliche Subversion des patriarchalen mortifikatorischen Imperativs scheint Scheherazade sich gleichsam selbst zu erzählen. Sie wird damit zum Urbild der Autorschaft, die anschreibt gegen Unterdrückung, Tod, Vergessen oder die sprichwörtliche „Deadline“. In ihr fallen Muse und Poet in eins, wie in ihrem Zuhörer Sexus und Tod vereinigt sind. Von seiner Frau in nächtlichen Orgien mit einem Sklaven betrogen, hat Sultan Schahriyar geschworen, künftigen Ehefrauen die Möglichkeit zum Ehebruch radikal zu abzuschneiden: Auf seine allabendliche Neuvermählung und die Hochzeitsnacht folgt morgens ihre Hinrichtung. Nachdem er auf diese Weise alle edlen jungen Frauen des Landes ermordet hat und seine Untertanen in ihrem Schmerz bereits auf Umsturz sinnen, verlangt Scheherazade – die Tochter des Großwesirs, der seinen Herrn allabendlich mit einer todgeweihten Bettgenossin versorgen muss – gegen den Willen ihres Vaters den Sultan zu heiraten. „Jene hatte viele Bücher gelesen, unter anderen auch philosophische und medizinische Werke; sie hatte Gedichte auswendig gelernt und kannte Geschichten, Volkstraditionen und Reden der Weisen und der Könige; sie war sehr gelehrt und gebildet.“ Sie stoppt das Blutvergießen, indem sie dem Geschlechtsakt respektive der Vergewaltigung eine Geschichte folgen lässt, die beim – im doppelten Sinne – Morgengrauen den spannendsten Punkt erreicht.

Angesichts dieses für das serielle Erzählen typischen Cliffhangers siegt beim Sultan die kindliche Neugier über den patriarchalischen Allmachtsanspruch des alternden Mannes. ...

 

 

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