ARCH+ 221


Erschienen in ARCH+ 221,
Seite(n) 176-178

ARCH+ 221

Konstruktionen Lateinamerikas

Von Medina Warmburg, Joaquín

In unregelmäßigem Abstand erfährt die Architektur Süd- und Mittelamerikas enthusiastische Wiederentdeckungen. Dabei sind es meist die bemerkenswerten Bauten isoliert betrachteter Protagonisten wie Luis Barragán, Félix Candela, Eladio Dieste, Oscar Niemeyer, Clorindo Testa, Carlos Raúl Villanueva oder Amancio Williams, die bis heute das Bild der Architektur Lateinamerikas prägen. Nur selten ist der Anspruch auf eine zusammenhängende Lesart erhoben worden, die über diese Ikonen hinaus nach komplexeren Darstellungen und tieferen Erklärungen strebt. Die nachvollziehbaren Gründe für diesen Missstand liegen in der Heterogenität der geographischen, politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse innerhalb eines Kulturraums, der sich zwischen zwei Weltmeeren vom nördlichen Wendekreis fast bis zur Antarktis erstreckt und dessen größte Gemeinsamkeiten die katholisch-koloniale Prägung der Neuzeit und die romanische Sprachherkunft sind. Umso wertvoller erscheinen daher jene Publikationen und Ausstellungen, in denen der Versuch unternommen wurde, Lateinamerika in seiner zeitgenössischen Architektur als Ganzes zu erfassen und zu präsentieren. Insbesondere dann, wenn das Motiv nicht unverhoffte Entdeckung, sondern die zweckbewusste Konstruktion Lateinamerikas ist, wie im Fall der diesjährigen Ausstellung des Museum of Modern Art mit dem Titel Latin America in Construction, 1955–1980.

Die im Titel enthaltene Periodisierung macht deutlich, dass es sich aus Sicht des New Yorker Museums um eine selbstbezügliche Anschlussausstellung handelt. Dort hatte sich  zuletzt Henry-Russell Hitchcock 1955 der Aufgabe gewidmet, in der Architektur ganz Lateinamerikas eine kulturelle Eigenart zu bestimmen, deren Themen, Probleme und Leistungen er jenen der USA gegenüberstellte. In dieser vergleichenden Betrachtung fielen seine Wertungen nicht selten zugunsten der südlichen Nachbarn aus. Tatsächlich steht die jetzige Ausstellung in einer Traditionslinie des Dialogs, die sich bis auf die legendäre Ausstellung Brazil Builds (1943) zurückverfolgen lässt. Damals stellte das MoMA eine lateinamerikanische Moderne vor, die elf Jahre nach der Verkündung des „International Style“ – 1932 wurde Lateinamerika schlicht ignoriert – nun eigene Wege eingeschlagen hatte und, unter günstigeren Bedingungen als zu diesem Zeitpunkt im Norden, eine neue Welt exotisch anmutender Formen hervorgebracht hatte. Ablehnende Haltungen wie jene von Max Bill zu Beginn der 1950er-Jahre, der in Brasilien eine formalistische Verleugnung der vermeintlich streng sachlichen Ursprünge der Moderne ausmachte, zeugen paradoxerweise vor allem von einer formalistischen Anschauung. Die Vorwürfe greifen entschieden zu kurz und übersehen die beachtlichen technischen, wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften, die mit der Erneuerung der Architektur Lateinamerikas einhergingen.  ...

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