ARCH+ 221


Erschienen in ARCH+ 221,
Seite(n) 179-180

ARCH+ 221

Showtime Wilhelmsburg

Von Lindner, Rolf

Das ziellose Umherschweifen, ob als „dérive“, als „drifting“ oder als „rambling“ bezeichnet, hat derzeit als Methode der Stadterschließung Konjunktur. Ist dies der neueste Spleen der Selbststilisierung des Forschers? Ist es eine mobile Variante des NichtFestgelegt-Werden-Wollens des Neuen Kleinbürgertums, von dem Pierre Bourdieu gesprochen hat? Ist es Ausdruck eines spontaneistischen Kodexes, artikuliert sich darin der Hunger nach Erfahrung? Dass auch wissenschaftliche Konzepte und Vorgehensweisen ihre Konjunkturen haben, ist nicht zu bestreiten; dennoch liegt die Erforschung dieser Konjunkturen – was sie aufblühen, und vor allem, was sie verblühen lässt – noch im Argen.Das Nicht-Festgelegt-Sein-Wollen ist nicht nur eine kritikwürdige Disposition derer, die sich der Anziehungskraft des gesellschaftlichen Gravitationsfeldes zu entziehen versuchen, wie Bourdieu schreibt, sondern auch eine Tugend, der er offensichtlich am wenigsten abgewinnen konnte.

Nicht-Festgelegt-Sein heißt auf dem wissenschaftlichen Feld: nicht nach wissenschaftlichen Schablonen vorgehen, offen sein für Überraschungen; nicht das Korsett der Methode anlegen, sondern gewissermaßen das Reformkleid. Randonnée ist für die Landschaft etwa das, was das derivé für die Stadt ist. „Der Weg, der durch die Landschaft führt“, so der Philosoph Michel Serres, „heißt randonnée, die Wanderung“. Eine glückliche Wortwahl, folgt man Serres, spielt doch die englische Wurzel, random, auf den Zufall an. Denn trotz Wanderwegen, Wanderkarten und Wegweisern kann man vom Weg abkommen, wie bei einer Odyssee, die in die Irre führt, und doch, oder gerade deshalb, glücklich endet! Willentlich ausgedrückt: „Irren Sie umher wie ein Gedanke, lassen Sie Ihren Blick in alle Richtungen schweifen, improvisieren Sie. Die Improvisation setzt den Gesichtssinn in Erstaunen“, so Serres. Auch die Autorin des vorliegenden Buches begibt sich auf eine Randonnée – über die Elbinseln von Hamburg-Wilhelmsburg –, kein Wunder, ist sie doch im Erstberuf Landschaftsarchitektin.

Ihre unhierarchischen Auflistungen des am Wegesrand liegenden sind Passagen im doppelten Sinne des Wortes und zeugen von der verschwenderischen Orientierungslosigkeit (ein wunderschöner Ausdruck) der Autorin: „Schließlich drehe ich mich mit geschlossenen Augen solange im Kreise, bis links rechts oben oder unten ist. Die Orientierung ist verloren, meine Wanderung beginnt." ...

 

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