ARCH+ 161


Erschienen in ARCH+ 161,
Seite(n) 75-77

ARCH+ 161

1986

Von Schnell, Angelika

Seit geraumer Zeit ist sichtbar, daß die kanonische Lesart des Werkes von Ludwig Mies van der Rohe revidiert wird. Der vormalige moderne Meister des formalen Reduktionismus und der konstruktiven Logik wurde aber nicht durch einen Donnerschlag entthront, sondern ganz allmählich durch eine schrittweise Verschiebung der Perspektive in ein eher schillerndes Licht getaucht, das ihn offenbar populärer macht als je zuvor. Dabei spielen zum einen neu gewonnene Erkenntnisse der Forschung eine Rolle, die sich zunehmend auch auf die Person und nicht nur auf das Werk richtet, und zum anderen veränderte Wahrnehmungen, die sich eher der besonderen "Brille" der jüngeren Epochen verdanken. Das Spektakel, das derzeit um Mies veranstaltet wird, läßt vermuten, daß die Gegenwart ein vieldeutiges Bild von ihm entwirft, bei dem die jeweiligen Interpretationen wohl genausoviel über den Interpreten wie über den Interpretierten aussagen. Mies scheint inzwischen für jede Lesart geeignet: progressiv oder konservativ, harmonisch oder gebrochen, abstrakt oder sexy, romantisch oder gefühlskalt, verwurzelt oder experimentell, klassisch oder hip, less or more. Natürlich gibt es auch "Beweise" und recht eigenwillige Lagerbildungen – manche schrecken nicht davor zurück, den Architekten des Denkmals für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg als legitimen Nachfahren des "preußischen Stils" einzusetzen, andere scheinen geneigt, ihn grundsätzlich als Neuerer und Erfinder all dessen, was heute aktuell ist, zu bejubeln (beispielsweise des Minimalismus oder der Eventarchitektur). Solches Gezerre um die allseits gestellte Frage "Wem gehört Mies?" verstärkt den Anschein, das "monolithische" Bild von Mies habe sich heute in Splitter aufgelöst...
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