ARCH+ 139/140

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Erschienen in ARCH+ 139/140,
Seite(n) 26-33

ARCH+ 139/140

Editorial: 30 Jahre ARCH+ — Wege des Politischen

Von Kuhnert, Nikolaus /  Kraft, Sabine /  Schnell, Angelika /  Sewing, Werner /  Neitzke, Peter /  Krausse, Joachim

ARCH+ im Gespräch mit Joachim Krausse, Peter Neitzke und Werner Sewing

Nikolaus Kuhnert: 30 Jahre ARCH+, das ist das Thema und der Anlaß, zu dem wir hier zusammengekommen sind. Wir haben jeden von euch unter einem spezifischen Gesichtspunkt eingeladen, als Vertreter von Disziplinen, die zum Teil das ‘+’ von ARCH+ repräsentieren. Werner Sewing ist hier als Sozialwissenschaftler, Joachim Krausse als Kulturwissenschaftler und Peter Neitzke als Architekturtheoretiker. Sabine Kraft, Angelika Schnell und ich vertreten die Redaktion von ARCH+. Zugleich sind mit Ausnahme von Angelika Schnell alle, die hier anwesend sind, Zeitgenossen oder Akteure der Studentenbewegung von 1968, dem Jahr, in dem ARCH+ gegründet wurde und das auf die Zeitschrift auch großen Einfluß hatte. Deshalb schlagen wir vor, zunächst mit einer kritischen Rückschau auf die politischen und kulturellen Bewegungen dieser Zeit anzufangen, welche Rolle sie für jeden einzelnen und für die Zeitschrift gespielt haben, um dann in einem zweiten Teil darüber zu diskutieren, welche Lehren man heute daraus ziehen kann und welche neuen Perspektiven und Strategien für die Zeitschrift und für die Architektur in dem sich verändernden gesellschaftlichen Kontext in der Bundesrepublik oder in Europa nötig wären.

Ich möchte nicht explizit chronologisch vorgehen und mit den unmittelbaren Anfängen der Zeitschrift beginnen. Die Geschichte von ARCH+ hat Ulf Meyer recherchiert, sie ist am Ende dieses Heftes nachzulesen (S. 148). Meine erste Frage richtet sich an Werner Sewing, weil die Sozialwissenschaften in einer besonders konfliktreichen Phase der Zeitschrift auftauchen. Seit 1975, mitten in der politischen Auseinandersetzung um die Richtung der Zeitschrift, die 1977 mit dem Austritt der Berliner Redakteure Klaus Brake, Helga Fassbinder und Renate Petzinger endet, nennt sich ARCH+ ‘Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen'. Trotz dieses programmatischen Titels und mehrerer Hefte mit sozialwissenschaftlichem Anspruch beginnt nach dem politischen Konflikt ein neuer Konflikt, der allerdings einen mehr latenten Charakter hat. Die Sozialwissenschaftler in der Redaktion, Werner Durth und Adalbert Evers, werden schrittweise hinausgedrängt, man unternimmt nichts, um sie zu halten. Statt dessen entwickelt sich ARCH+ in die Richtung, die bis heute die Zeitschrift auszeichnet, nämlich zu einer kritischen Fachzeitschrift für Architektur und Städtebau. Dieses Abdrängen der Sozialwissenschaften aus den Themen, die die Zeitschrift von nun an behandelt, findet seine Parallele in der allgemeinen Architekturdebatte an den Universitäten und auch in der Praxis. Wie interpretierst du als Sozialwissenschaftler diese Entwicklung? Bist du der Meinung, daß die fehlende sozialwissenschaftliche Orientierung in ARCH+ oder der Architektur allgemein heute ein Mangel ist?

Werner Sewing: Ich sage vielleicht zuerst, wie ich damals ARCH+ wahrgenommen habe. In den 70er Jahren war ich lupenreiner Soziologe. Ich hatte in Bielefeld bei Niklas Luhmann studiert und danach in der Babelsberger Straße, am Institut für Soziologie an der FU Berlin, das Hauptstudium begonnen. Dort bin ich in irgendwelche Kapitalkurse hineingeraten, aus denen ich in wenigen Monaten wieder draußen war. Es war für mich als Bielefelder völlig klar, daß diese Kurse nichts mit Sozialwissenschaft zu tun hatten, sondern sektiererischer Marxismus waren. Das gleiche galt für mich damals für ARCH+. Ich habe ARCH+ nie als eine Zeitschrift mit sozialwissenschaftlichen Ansprüchen wahrgenommen. Dogmatische Ableitungen der Grundrente o.ä. zeigten mir nur, daß dort die gleiche Orthodoxie herrschte wie an der Babelsberger Straße. Die Autoren von ARCH+ waren für mich in Sozialwissenschaften und Marxismus dilettierende Leute aus anderen Fächern, die sich selbst wiederum als Sprachrohr der Studentenbewegung verstanden. Diese schien mir bereits in der Sackgasse zu sein; ich bin übrigens auch entscheidende vier, fünf Jahre jünger als die 68er.

Leider hält sich bei Architekten hartnäckig eine Legende, die vor kurzem Kleihues wieder in einem Interview mit der WELT kultiviert hat, nämlich daß in den 70er Jahren Architektur reine Soziologie und Sozialpsychologie gewesen sei und daß Architekten wie er erstmals die Form wieder durchgesetzt hätten. Tatsächlich waren die Studentenbewegung und ihre Folgen noch in den 70er Jahren an der Berliner TU dominant, und das wurde fälschlicherweise für Sozialwissenschaften gehalten. Die Mainstream-Diskussion in der Soziologie dagegen beschäftigte sich überhaupt nicht mit Stadt und Architektur. Kein nennenswerter Sozialwissenschaftler hat in dieser Zeit zu diesem Thema irgend etwas gesagt oder geschrieben. Erst in den 80er Jahren erscheint Jürgen Habermas’ berühmt gewordener Aufsatz ‘Postmoderne und moderne Architektur', in dem er sich auf die Seite der Moderne schlägt, und der dann auch in ARCH+ veröffentlicht wurde. Bezeichnenderweise habe ich in der gleichen Dekade ARCH+ zum ersten Mal als ernstzunehmende Zeitschrift wahrgenommen, weil sie jetzt eine kritische Architekturzeitschrift war. Die Posener-Vorlesungen z.B. haben mich fasziniert, dennoch war die Beschäftigung mit Architektur für mich damals ein reines Privatvergnügen. Dagegen habe ich die Sozialwissenschaften in ARCH+ nie vermißt, denn einerseits interessierten sich die Sozialwissenschaftler nicht für Urbanismus und Architektur, und andererseits erwartete ich von Architekten keine soziologische Aufklärung.

Sabine Kraft: Das entspricht so gar nicht unserem Selbstverständnis der damaligen Phase. Die sozialwissenschaftliche, bzw. gesellschaftswissenschaftliche Orientierung von ARCH+ war über eine lange Strecke das tragende Fundament aller in der Redaktion. Wir wollten eine Zeitschrift machen, die als Spiegel der sozialen Bewegungen einen sozial-utopischen Anspruch transportiert. Dazu gab es neben der Dokumentation der Bewegung theoretische, kapitalismuskritische Analysen von Prozessen in der Stadt, der Wohnungsversorgung etc. und auch eine händeringende Suche nach sozialwissenschaftlicher Fundierung der architektonischen Arbeit. Schließlich verstanden wir uns als Anwälte der Betroffenen.

Werner Sewing: Ich war selber damals in Bürgerinitiativen, habe diese aber nie als meinen soziologischen Ausgangspunkt betrachtet. Dafür war die Basis viel zu schmal. Dagegen war das Problem der Utopien und radikalen sozialen Bewegungen dieser Zeit, daß sie systematisch Selbstmißverständnisse aufbauten, die aber notwendig waren, um sich selber zu motivieren und mobilisieren. Obwohl es sich mit den 68ern um eine bürgerliche Generationsbewegung handelte, griff man auf Theorieversatzstücke zurück, die demonstrativ nicht bürgerlich sein durften. Und diese Selbstpolitisierung in der Sprache des Marxismus war die Tragik dieser Bewegung. Indem sie marxistische Grundkategorien wie Lohnarbeit und Kapital übernahm, also Avantgardekonzepte für die Arbeiterklasse, fand sie überhaupt keine Kategorien, um sich selbst zu thematisieren. Damit hängt auch ein Großteil des Krampfes der Parteisekten zusammen, deren intellektuelle Führung als selbsternannte Avantgarde mit der Realität der Bundesrepublik in dieser Zeit nichts zu tun hatte. Die Bürgerinitiativbewegungen hatten dagegen z.T. ganz andere Quellen. Die Anti-Kernkraftbewegung, weniger die Friedensbewegung, repräsentierte eine viel breitere bürgerliche Strömung mit ganz anderen Motiven als die 68er, außerdem war sie viel realistischer. Daß auch viele Bürgerinitiativbewegungen dem gleichen Selbstmißverständnis aufgesessen sind, liegt daran, daß sie von Altlinken marxistisch aufgeladen wurden.

Peter Neitzke: Mich hat immer schon sehr viel eher Politisches angetrieben, entschieden mehr jedenfalls als Architektur. Ich erinnere mich etwa, daß ich Ende der 50er Jahre, wir hatten erst wenige Semester studiert, mit Andreas Reidemeister am damaligen Haupteingang der Technischen Universität Berlin in einer Einzelaktion ein mit einfachsten Mitteln abgezogenes Flugblatt gegen die Aktivitäten der Neo-Faschisten verteilte. Der Bund Nationaler Studenten, der auch Sonnenwendfeiern im Glienicker Volkspark veranstaltete, hatte den Verkauf der linken Zeitschrift ‘konkret' nicht nur behindert, sondern die ‘konkret'-Verkaufsstände in Flammen gesetzt. Studenten der Ostberliner Humboldt-Universität waren plötzlich an Ort und Stelle – heute wissen wir, daß sie gekommen waren, um ein von der DDR auch ökonomisch gefördertes Blatt politisch zu verteidigen – und diskutierten heftig und in einer vom Kalten Krieg aufgeheizten Atmosphäre mit den Studenten der Westberliner TU über Themen, die im Westen damals noch kein offenes Forum hatten: die Nazivergangenheit führender Politiker, Industrieller, Ärzte, Richter, Militärs, und natürlich über die ihres Erachtens einzige Alternative, die DDR. Das alles zu einer Zeit, als Kritik an der Sowjetunion unter der deutschen Linken kaum formuliert wurde, das änderte sich schlagartig erst am 21. August 1968: mit dem Überfall der Truppen des Warschauer Pakts auf die ehemalige CSSR, mit dem Einmarsch in Prag, an dem auch Soldaten der DDR beteiligt waren. Meine Tätigkeit im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dem ich mich erst nach dem Ende des Studiums anschloß, und später in der KPD-Aufbauorganisation hatten im Prinzip mit dem erlernten Beruf kaum etwas zu tun. Im Architekturbüro habe ich gearbeitet – im wesentlichen, um Geld zu verdienen.

ARCH+ habe ich damals ganz anders wahrgenommen als Werner Sewing. Bevor die Zeitschrift politisch wurde, hatte sie ja zuerst eine ganz andere, nämlich wissenschaftlich-technische Orientierung. Fragen der Systemtheorie und Kybernetik interessierten mich nicht, mich interessierten die Schriften von Autoren der Kritischen Theorie. In den Beiträgen, die in den ersten ARCH+ Heften erschienen, entdeckte ich kapitalistische Modernisierungsideologien, Ideen, die sich um gesellschaftliche Fragen nicht nur nicht kümmerten, sondern sogar von ihnen ablenkten. Nach der von den Nazis praktizierten Ästhetisierung des Politischen war die Politisierung des Ästhetischen seinerzeit kein Thema. Und so habe ich ARCH+ erst dann interessiert zu lesen begonnen, als die Zeitschrift – sei es auch über zunächst an Architekten gerichtete Themen – anfing, so jedenfalls habe ich es in Erinnerung, politisch zu werden.

Joachim Krausse: Da muß ich widersprechen. Gerade, daß die Anfänge von ARCH+ noch gar nichts mit der Auseinandersetzung mit den Gesellschaftswissenschaften zu tun hatten, ist im nachhinein besonders interessant. Die ästhetischen Inspirationen, die vom Bense-Kreis ausgegangen sind und in ARCH+ ihren Niederschlag gefunden hatten, werden sehr oft unterschätzt oder unterschlagen. Meiner Meinung nach war diese Phase, die ungefähr bis ‘67 ging, der eigentliche Motor oder die Voraussetzung für alles, was danach kam. Bestimmte Denk- und Handlungsmuster waren ästhetisch vorbereitet gewesen, bevor sie gesellschaftsbezogen und dezidiert politisch wurden. So scheint es bei ARCH+ auch gewesen zu sein. In den ganz alten Heften gibt es einen sehr starken Bezug zur Informationstheorie und zur Kybernetik. Und genau das waren die Fragen, die auch mich zu dieser Zeit interessierten, weil ich mittlerweile – nach dem Studium der Philosophie in Tübingen, Wien und Hamburg – im kulturellen und politischen Abseits der Bundesrepublik, in Berlin, angekommen war. Die Universität bot überhaupt nichts Aufregendes, dafür spielten sich anderswo, vor allem in der experimentellen Literatur und in der Kunst, interessante Dinge ab: in Berlin entwickelte sich die Konkrete Kunst, die Aktionskunst, es gab die ersten Auftritte der Fluxus-Gruppe, von Beuys etc. In der Frobenstraße bildeten die Galerie von René Block und die Galerie ‘Situationen 60' von Christian Chruxin ein sehr interessantes Spannungsverhältnis, weil die eine mehr aktionistisch orientiert war, und die andere repräsentierte die Wiederentdeckung konstruktiver und konzeptioneller Kunst und die aktuellen Bezüge zur Politik. Das war etwas, was mich auch in Berlin gehalten hat. Mit Christian Chruxin startete ich dann eine kulturelle und kunstbezogene Buchreihe, die sich ‘Projekte und Modelle' nannte, beim Verlag ‘Edition Voltaire', wo Bernward Vesper das Programm der politischen ‘Voltaire Flugschriften’ herausgab. Wir haben nur vier Bücher veröffentlicht, und zwei davon waren von Buckminster Fuller.

Nikolaus Kuhnert: Du hast ja schon relativ früh, nämlich in Heft 11, einen Beitrag zusammen mit Joachim Schlandt und Jörn Janssen in ARCH+ veröffentlicht, der ‘Stadtplaner und Reformgeister' heißt. Aber dein nächster Beitrag in ARCH+ war erst wieder in Heft 107, und zwar ein Interview, das Philipp Oswalt und ich mit dir gemacht haben, das wieder über Buckminster Fuller ging. Da schließt sich für dich ein Kreis über 20 Jahre hinweg.

Joachim Krausse: ARCH+ war für mich tatsächlich schon früh eine interessante Zeitschrift, so wie sie sich in diesem Spannungsfeld zwischen Politik, Gesellschaft, Städtebau und Architektur entwickelt hat. Dennoch fehlte meines Erachtens eine entscheidende Dimension, nämlich der Blick nach außen, d.h. vor allem nach Amerika. Buckminster Fuller ist für mich nicht umsonst über Jahre hinweg wichtig gewesen, denn er bildet einen Nukleus oder einen Impulsgeber für eine amerikanische Alternativkultur, die bei uns wenig bekannt ist, die aber dennoch erhebliche Auswirkungen auf unsere heutige Lebensweise hat. Diese amerikanische Szene, die Buckminster Fuller als ihren spiritus rector hatte und vor allem in Kalifornien beheimatet war, war vordergründig unpolitisch und statt dessen sozial-kulturell und technologisch orientiert. Ihre Innovationen bekommen wir heute zurück, um ihnen mehr oder weniger zwangsläufig zu folgen. Z.B. experimentiert diese Aussteigerund Alternativszene seit 1968 mit all den Gebrauchsweisen, die die ganze Computerkultur und das Internet vorbereitet haben. Ich habe ja schon oft, und auch in ARCH+, darauf hingewiesen, daß die Computertechnologie und bestimmte gegenwärtige Modernisierungsmuster nicht nur ihren Ursprung in der Konzentration von Wissenschaft und Militär in den USA während des Zweiten Weltkriegs hatten, sondern eben auch in einer Alternativkultur, die von den 60er Jahren bis Mitte der 80er Jahre eine Innovationswelle auf die andere folgen läßt. Unsere Alternativszene – im Gegensatz dazu – geht in den 70er Jahren aus der Politisierung hervor und mündet in der Gründung der ‘Grünen', was zweifellos ein Erfolg der politischen Phase in der Bundesrepublik ist. In Amerika ist es nie zu einer Gründung einer grünen Partei gekommen, aber dort werden die Innovationen produziert, die als Globalisierungsmuster all unsere politischen Kräfte inzwischen in die Defensive bringen.

Nikolaus Kuhnert: Der Blick nach außen erfolgt bei uns tatsächlich erst in den 80er Jahren. ARCH+ hat einen großen Umweg gemacht. Nach unserer politischen Phase haben wir uns zunächst mit der Postmoderne auf die Profession zurückbezogen, historisierend und wertkonservativ, obwohl wir schon damit zu spät dran waren, genauso wie mit der Ökologie als Thema. Erst Ende der 80er Jahre beginnen wir, wieder über den Tellerrand der Disziplin zu schauen. Gleichzeitig werden wir realistischer und zeitgenössischer. Es sind allerdings nicht mehr die Sozialwissenschaften, sondern die Naturwissenschaften – vor allem die Mathematik, die Physik, die Biologie – und die Philosophie, die uns von nun an interessieren. Insofern kehren wir in gewissem Sinne zu den Anfängen der Zeitschrift zurück.

Angelika Schnell: Umweg klingt mir zu negativ. Ich gehöre ja einer Generation an, die eindeutige Nutznießerin der Studentenbewegung ist, die für mich aber nicht nur eine politische Revolution, sondern auch eine kulturelle Revolution war. Deren Folgen, gegenüber denen viele 68er scheinbar blind sind, konnte ich seit meiner Schulzeit deutlich spüren, insbesondere in Erziehung und Ausbildung, aber auch in der allgemeinen Liberalisierung der Gesellschaft. Ich erinnere mich gut an die Zeit, als die Pop-Kultur durch Musik, Kleidung, Verhaltensweisen etc. Einzug in die Gesellschaft hielt. Und ich erinnere mich auch, daß vieles davon sich vor allem auf der Basis eines gewaltigen Modernisierungsschubs durchgesetzt hat, einer technologischen Modernisierung, die die 68er selbst nicht initiiert hatten, die sie aber sehr wohl für sich zu nutzen verstanden. “Be young, be free, be wild” war u.a. nur möglich mit der plötzlich massenhaften Verbreitung von Autos, Farbfernsehern, Stereoanlagen, Mofas und Motorrädern und was sonst noch das Leben bequem und aufregend zugleich machte. Ich habe immer den Verdacht, daß die starke Affinität der 68er zur modernen Technologie, die aber zugleich nicht Teil ihres politischen Programms war, auch in der Rückschau eine Art Blindfleck erzeugt. Wenn Joachim Krausse sagt, daß in der Bundesrepublik die Grünen aus der Alternativszene hervorgegangen sind, und die Grünen bekannt für ihre Technikfeindlichkeit sind, dann finde ich diese Vermutung bestätigt.

Nikolaus Kuhnert: Natürlich diskutieren wir fälschlicherweise die Studentenbewegung ausschließlich als politische Bewegung. Genauso wichtig ist sie aber als kulturelle Bewegung. Dazu gehört auch der ganze technische Standard, der plötzlich in den 60er Jahren vorliegt. Die Studentenbewegung war auch ein immenser Motor der Amerikanisierung der deutschen Lebensverhältnisse. Laborartig und experimentell sollten die neuen Lebensformen, wie z.B. die sexuelle Revolution, verbreitet werden. Daß das aber nicht positiv reflektiert worden ist, hat einerseits mit der Unzeitgemäßheit der marxistischen Terminologie und andererseits mit der deutschen Geschichte zu tun. Deutschland ist ein Land, in dem Technik durch den Faschismus instrumentalisiert wurde, und zwar auf allen Gebieten der Technik und Wissenschaft. Die nachgewachsene Generation konnte den ungebrochenen Technikoptimismus nicht weiterleben. Dadurch erklärt sich der unterschwellige kulturpessimistische und technikkritische Ton der 68er-Bewegung, und die technischen Utopien, die ja auch alle aus der Zeit vor ‘68 stammen, sind von ihr in gewisser Weise unterdrückt worden. Ein Buckminster Fuller ist in Deutschland in den 50er Jahren undenkbar, dafür aber ein Hugo Kükelhaus, technikfeindlich und chamäleonhaft anpasslerisch: braun in den 30er Jahren, schwarz in den 50er Jahren und grün-alternativ in den 80er Jahren.

Joachim Krausse: Die technologischen Utopien mögen zwar durch die 68er ideell unterdrückt worden sein, dennoch sind diejenigen, die aus Amerika kommen, auch hierzulande hochwirksam geworden. Das gilt auch für die technologischen Utopien, die mit bestimmten Vorstellungen des Kognitiven einhergehen. Diese haben sich als realitätstüchtig sondergleichen erwiesen.

Peter Neitzke: Daß technologische Utopien realisiert werden, ist doch heute eigentlich nichts sonderlich Erstaunliches. Erstaunlich wäre allenfalls, daß man von technologischen Utopien spricht. Viele wissenschaftliche und technische Entdeckungen kamen historisch entschieden zu früh oder wurden unterdrückt und hätten sich in ihrer Zeit kaum richtig entwickeln können. Aber was machbar erschien und dann auch Kapital mobilisierte, hatte Erfolg. Was also wäre erstaunlich daran, daß sich technische Utopien, anders als soziale Utopien, als realitätstüchtig erweisen?

Joachim Krausse: Das halte ich für zu kurz gedacht. Viele technische Utopien basieren auf einer sozialen Bewegung. Utopien werden nicht einfach aufgegriffen und lediglich auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit geprüft. Die kalifornische Entwicklung seit den 60er Jahren wurde von einer breiten sozialen Bewegung getragen. Diese kann man als Subkultur oder als Generationsspezifikum marginalisieren, aber es hat sie gegeben, und sie hat die Entwicklungen getragen. Natürlich war diese soziale Bewegung anders als in Europa und speziell in Deutschland. Weil in Amerika Technologie nicht so vollständig diskreditiert ist und weil es in Amerika eine andere Tradition des Machens gibt, die nicht zwischen Handwerklichkeit und technologisch-wissenschaftlichem Experiment unterscheidet, hat sich vor allem im Westen mit seinen Pioniermythen eine Netzwerkkultur herausgebildet, die nicht nur neue und vielfältige Lebensweisen ausprobiert hat, sondern mit den verschiedenen Techniken experimentiert hat, mit denen man als Aussteiger, Hippie, Querkopf, Pionier, Garagenbastler usw. sein Leben und das von anderen gestalten kann. Und das Spektrum reicht von Low-Tech bis High-Tech.

Deshalb glaube ich, der Umweg von ARCH+, wie Nikolaus Kuhnert es nennt, war notwendig, weil die sozialen Bewegungen in Deutschland einen anderen Charakter gehabt haben. Es gab Gemeinsamkeiten, z.B. die Kritik an der selbstgefälligen Wohlstandsgesellschaft, die alle anderen Fragen ausgeblendet hat. Dennoch hat die deutsche Entwicklung sehr viel mehr zu tun mit der spezifischen deutschen Vergangenheit, und auch die Art, in der man in Deutschland politisch denkt und handelt, ist eine ganz andere als in Amerika.

Werner Sewing: Die amerikanische Bewegung, wenn man sie so nennen will, war zweifellos viel realistischer, weil sie auf eine bestimmte Politisierung verzichtet hat, die auch mit der gesamten politischen Kultur der USA nichts zu tun gehabt hätte. Denn überall dort, wo man in Amerika diese Politisierung versucht hat, ist sie tragisch gescheitert. Allerdings sehe ich die Entwicklung in Kalifornien anders als Joachim Krausse. Kalifornien ist inzwischen eine Hochburg des Konservatismus. Meines Erachtens gibt es diese alternative Bewegung in Kalifornien nicht, obwohl die Akteure dieser Bewegungen eigentlich alle da sind, sie sind Hochschullehrer o.ä. Vielmehr glaube ich, daß sich dort in ganz gewohntem amerikanischem Muster Innovationen im technologischen Bereich bei minimalen Veränderungen in anderen Bereichen durchgesetzt haben. Der tragende Konservatismus Amerikas ist nie gebrochen worden, und die dominanten Strömungen der 70er und 80er Jahre heißen nicht ohne Grund Neokonservatismus und Neoliberalismus. Deshalb kann man heute nicht mehr die Froschperspektive einer sozialen Bewegung zur Meßlatte machen, wenn man gleichzeitig weiß, daß die zentralen Figuren dieser Zeit Thatcher und Reagan waren und daß Tony Blair der Erbe von Thatcher ist. Der Sieger dieser technologischen Revolution, die jeder sieht und in der ich kein utopisches Projekt sehe, heißt Bill Gates. In Amerika sind fundamentalistische Baptisten, die High-Tech machen, kein Widerspruch. Es gibt keine zwingende Korrelation zwischen entwickelter Technologie und emanzipatorischen Ansprüchen. Wenn ARCH+ solche Themen aufgreift, strickt sie nur die alten trügerischen Illusionen weiter.

Angelika Schnell: Wenn es zwischen Emanzipation und Hochtechnologie keine zwingende kausale Beziehung gibt, dann gibt es sie auch nicht zwischen Konservatismus und Technologie, denn weder Bill Gates noch Ronald Reagan können voraussehen, welche kulturellen und sozialen Auswirkungen neue Techniken im Zeitalter ihrer massenhaften Verbreitung haben und welche Praktiken aus ihnen erwachsen. Sie können das Produktmarketing steuern, laufen dabei aber nur den vermeintlichen Trends hinterher und sind ihnen nicht voraus. Natürlich kann man aus einer kulturpessimistischen Perspektive Fernseher, Auto, Spülmaschine, Computer etc. auch als Entmündigung wahrnehmen, aber das gleiche gälte dann auch schon für die Erfindung des Feuers, des Rades, der Zahlen, des Alphabets, des Buches und was sonst noch an ‘gefährlichen' Erfindungen die Welt entsetzte. Unsere Welt ist heute sehr viel mehr technologisiert als früher, und gerade deshalb sehe ich das Hauptproblem darin, wenn wir uns weigern, eine Theorie über die Kultur des Technischen zu entwickeln – zu der auch ganz alte, in linken Denkkategorien überhaupt nicht problematisierte Techniken gehören –, und statt dessen auf einer Theorie beharren, die Technik grundsätzlich als Instrument einer Verschwörung von Kapital, Militär und Staat gegen die Gesellschaft und nicht als ein Teil der Gesellschaft selbst vermutet. Damit wird Technik zum Blindfleck. Eine kritische Zeitschrift wie ARCH+ kann solche Positionen nicht einnehmen, anderenfalls passiert genau das, was du selbst den 68ern vorgeworfen hast, eine konstruierte und falsche Eigenidentität, bestehend aus einem Vokabular, in dem bestimmte Dinge der Realität nicht vorkommen, weil sie nicht vorkommen dürfen. Wenn Technik Teil einer sozialen oder kulturellen Bewegung ist, kann sie in vermittelter Form eine Politik ‘von unten' mobilisieren. Das muß überhaupt nicht unkritisch oder als reiner Populismus daherkommen, ich halte es aber für einen realistischeren Weg als die traditionellen Denkmuster der Alt-Linken, die nach wie vor im Staat und in der Regierung das Zentrum aller Entwicklungen sehen, obwohl sie einmal die Außerparlamentarische Opposition gebildet haben.

Joachim Krausse: Daß viele von uns heute nach dem Staat schreien, hat auch damit zu tun, daß wir uns heute mehr als Getriebene einer Entwicklung fühlen und damals als treibende Kraft. Heute sind wir im günstigsten Fall Suchende. Und das gilt ja auch für ARCH+. Allerdings würde ich diese Suche oder verschiedenen Richtungswechsel der Zeitschrift nicht als Opportunismus bezeichnen, so wie es als Zitat von Günther Uhlig in dem Artikel von Ulf Meyer auftaucht. Eher spiegelt ARCH+ den Versuch – und das gilt in gewisser Weise für viele andere auch –, sich in den 80er Jahren an relevanten Problemen auszurichten und eine eigene Position zu definieren, die sich zum Mainstream oppositionell verhält.

Ästhetik und Politik

Peter Neitzke: Nicht alles, was ARCH+ publiziert, war oder ist doch als oppositionell zu bezeichnen. Oder soll man etwa die rechtzeitige Entdeckung bestimmter Moden oppositionell nennen? Die Leser von Architekturzeitschriften sind in ihrer Mehrzahl bildersüchtig, und deshalb verzichtet ARCH+ oft genug darauf, den Bildern wenigstens diejenigen Mengen an kritischem Gift beizumischen, die deren problemlosen Konsum erschweren. Eine radikale politisch-ästhetische Zeitgenossenschaft würde sich doch vor bestimmten Themen in acht nehmen. Man kann doch nicht einfach – mit entschiedenem Blick auf die Kundschaft – ein Heft über Medienfassaden machen, ein Heft also, das Gebäude als Träger der ästhetisch avanciertesten Techniken der Verführung als letzten Schrei feiert und die bildersüchtige Leserschaft automatisch zu Trägern bzw. Multiplikatoren dieser Techniken macht. Daß der in den Anhang verbannte kritische Beitrag von Dieter Hoffmann-Axthelm an dem Thema keinen rechten Geschmack finden mag, dürfte die Mehrzahl eurer Leser nicht wirklich interessieren. Aber ihr habt ein kritisches Alibi.

Joachim Krausse: Meiner Meinung nach steckt hinter dem, was du mit Bildersucht beschreibst, ein genuines Problem der Architektur selbst. Mit den Projekten von Jean Nouvel, die ja zu den prominenten Beispielen der Medienfassaden gehören, ohne Werbeträger zu sein, ist doch etwas wiedergekommen, was lange Zeit ausgeblendet gewesen ist, besonders auch in ARCH+: Architektur in einem traditionellen Verständnis als symbolstiftende Kraft, als modellartige Ausführung von bestimmten Konzepten, die über ihren unmittelbaren Gebrauch hinaus wirksam sind. Gerade bei dem Institute du Monde Arabe (IMA) in Paris handelt es sich um einen Gebäudetyp, der repräsentative Funktionen erfüllt und ganz bestimmte kulturelle Konnotationen hat, die natürlich durch Bildersucht, wenn man so will, also durch Medienerfahrung, hindurchgegangen sind und diese auf sehr effektive Weise als Architektur inszenieren. Für mich kehrt mit solchen Beispielen die klassische Architektur zurück, die erst einmal nichts mit den Problemen des Wohnungsbaus oder der städtischen Agglomerationsformen etc. zu tun hat, sondern in einem bestimmten kulturellen Kontext eine andere Funktion erfüllt. Es war auch unbedingt notwendig, diese Dimension wieder zurückzugewinnen, vor allem für eine Architekturzeitschrift. Deshalb muß das noch lange nicht in Opposition zu den sozialen Problemen des Städtebaus, der Wohnungsversorgung etc. stehen. Wenn Fragen des Kulturalismus ganz vehement ins Spiel gebracht und dazu paradigmatische Lösungen vorgestellt werden, dann müssen sie diskutiert werden, und zwar durch die Erfahrung, die jeder mit den Medien beispielsweise gemacht hat. Ich vermag nicht einzusehen, wieso man das von vornherein als Mediensüchtigkeit disqualifiziert.

Peter Neitzke: Das ist das falsche Beispiel für die richtige Sache. Das IMA ist tatsächlich ein ausgezeichnetes Projekt.

Joachim Krausse: Es ist auch eines, das das Thema positioniert, und so wurde es im Heft diskutiert. Es ist nicht nur einfach eine Propaganda für die Vermassung medialer Nutzung von Architektur – zu einem Medienüberfluß noch hinzu –, sondern es geht auf andere Probleme ein. Diese sind natürlich ästhetisch, aber der alte Vorbehalt gegenüber der Ästhetik hat ja innerhalb der politischen Linken Tradition. Dieser Vorbehalt scheint mir auch eines der großen Mißverständnisse zu sein, das endlich einmal als eine Selbstbegrenzung, der man sich unterworfen hat, aufgelöst werden sollte. Denn das Politische und das Ästhetische funktionieren doch offensichtlich wie kommunizierende Röhren. Es gibt ein Verbindungssystem, das man nicht abschneiden darf, nur weil man glaubt, daß man damit die Verfallenheit an den falschen Schein lösen kann.

Werner Sewing: Das Auseinanderfallen von – ursprünglich – Soziologie und Ästhetik ist in gewisser Weise das Problem dieser Zeit. Die selbsternannten Sozialwissenschaftler unter den Architekten verstanden sich als Anwälte sozialer Probleme wie z.B. der Wohnungsversorgung, was im strengen Sinne gar nicht Soziologie, sondern Sozialpolitik ist. Während umgekehrt alles, was mit Form, Gestalt und Bild zu tun hatte, bloße Ästhetik, also negativ war. Was dabei übersehen wurde, ist, daß gerade in dieser Zeit der 70er und 80er Jahre die Soziologie des Symbolischen und des Ästhetischen eine Schlüsselkategorie war. Begriffen haben das mehr oder weniger reflektiert alle Vertreter der Postmoderne, zu denen ich jetzt großzügig auch die Vertreter der Rationalisten hinzuzähle, obwohl sie eine eigene Tradition haben. Das heißt, es wurde übersehen, daß das Verfügen über Bilder und symbolische Programme selbst eine Art von Politik ist. Historisch gesehen, waren Bildprogramme immer Teil von übergreifenden Kosmologien und Weltbildern. Aber bereits im 19. Jahrhundert fallen Politik und Ästhetik auseinander. Der Historismus ist die formale Fassung dieses Problems. In den Architekturtheorien um 1900, in denen Lebensstil, Zeitgeist und Form reflektiert wurden, wurde bereits erkannt, daß es sich dabei um verschiedene Logiken handelt, die man selbst wieder neu montieren mußte. Und die Postmoderne war ein solcher Versuch, ein historisch aufgeladenes Bild neu zu montieren und als Lösung, für welches Problem auch immer – das müßte man noch diskutieren –, anzubieten. Nicht unter der Frage, ist das jetzt der richtige oder der falsche Schein, also mit Kritischer Theorie, sondern einfach als Herstellung eines symbolischen Kosmos mit eigener Logik. Interessanterweise haben die Katholiken das begriffen, also Rossi, Ungers und Kleihues. 29

Angelika Schnell: Rossi, Ungers, Kleihues etc. sind meines Erachtens nicht das Komplementär zum damaligen Bilderverbot der 68er-Generation, sondern dessen Bestätigung. Indem sie sich statt mit sozialen oder politischen Fragen der Architektur nur noch mit formalen oder figuralen Fragen beschäftigt haben, haben sie die herrschende Ideologie, nämlich die Trennung von Politik und Ästhetik, weiterbetrieben, d.h., sie haben eine eindimensionale Theorie durch eine andere eindimensionale ersetzt. Insofern sind sie für mich die gleichen tragischen Figuren wie die 68er, weil sie in gewisser Weise genauso unfähig sind, mit Architektur umzugehen. Offenkundig leidet da eine ganze Generation unter einer Art ‘Lobotomie’, um mit Koolhaas zu sprechen, die sich sogar bis heute auch architektonisch am Auseinanderfallen von standardisiertem Stahlbetonskelett und Gesinnungsfassade zeigt. Daß Architekten bloß Bilderproduzenten sind, ist auch hier in dieser Runde auffälliger Konsens.

ARCH+ hat doch diese eindimensionalen Denkweisen in bezug auf Architektur und Städtebau schrittweise durchbrochen. Und meines Wissens in dem Moment, als die Zeitschrift in den 80er Jahren angefangen hat, sich an einer internationalen Architekturszene zu orientieren, wo bestimmte Erfahrungen und Traditionen aus der Moderne immer noch vorhanden waren.

Sabine Kraft: Unsere Geschichte war tatsächlich eine Geschichte des Aufbrechens von Denkverboten. Neben dem linken Ästhetik- und Bilderverbot war auch die Biologie politisch anrüchig, da sie für reaktionäre Argumente mißbraucht wurde wie naturgegebene Unterschiede in der Position von Mann und Frau, von Führungsschicht und Masse etc. Die Gegenideologie war dann, daß Unterschiede zwischen den Menschen nur aus den vom Menschen geschaffenen Lebensumständen resultieren. Mit der Grünen Bewegung findet eine Umgewichtung statt. Die Biologie wird zur zentralen Disziplin, allerdings in so wertkonservativer Manier wie die Postmoderne historisierend war. Man denke nur an die politisch verschlafene Diskussion über Gentechnologie. Interessant wird es erst, als ARCH+ sich auch von diesem ideologischen Kontext befreit und versucht, eine zeitgenössische Sicht zu gewinnen. Hier spielte die Begegnung mit Otl Aicher eine zentrale Rolle. Denn mit ihm kam die Idee der Anknüpfung an das unvollendete Projekt der Moderne. In dieser Phase der Umorientierung ändern sich nicht so sehr die Themen, sondern die Herangehensweise. Das läßt sich z.B. gut an der Behandlung des Themas Ökologie und der Rolle der Technik verfolgen, und am Aufgreifen der neueren naturwissenschaftlichen Diskussion.

Nikolaus Kuhnert: Aicher schlug uns tatsächlich vor, aus ARCH+ die weltbeste Zeitschrift zu machen. Wir haben das insofern eingelöst, als wir uns der Welt geöffnet haben und sie zur Kenntnis nahmen. Nach und nach gelingt es uns, eine Zeitschrift zu machen, in der Autoren aus Amerika, England, Frankreich und Deutschland veröffentlichen, und damit ändert sich ja viel gegenüber früher. Allerdings versuchen wir seit einem Jahr ungefähr, wieder verstärkt die politische Situation in Europa und in Deutschland wahrzunehmen, haben damit aber auch gewisse Schwierigkeiten, da wir ja zum einen nicht mehr in die Falle der 60er Jahre laufen wollen, wo die einseitige Politisierung zu einem vollständigen Abschneiden einer Architekturdebatte geführt hat. Und zum anderen ist die politische Stimmung in Europa sehr pessimistisch und gedrückt, weil die Folgen der Globalisierung und die damit einhergehende Krise der Arbeitsgesellschaft als sehr weitgreifend und auch überfordernd interpretiert werden. Die Reaktion der Architekten darauf ist derzeit sehr konservativ, was wir – wenn wir es überhaupt zum Thema machen – eigentlich nur kritisieren können, so wie mit Heft 122 ‘Von Berlin nach Neuteutonia’.

Krise des Politischen

Joachim Krausse: Dieses Dilemma teilt ihr sicher auch mit anderen. In Europa ist das Phänomen, das man als die Krise des Politischen bezeichnen könnte und das einhergeht mit der Auflösung der nationalstaatlichen Kompetenzen, unübersehbar. Alles, was sich auf Territorien bezieht, ist zwar noch eine Angelegenheit nationalstaatlicher Regulierung, wird aber zunehmend durch transnationale Konzerne ausgehöhlt, die weltweit operieren. In Europa erleben wir das dramatischer, weil die Verlagerung von Entscheidungskompetenzen auf die ökonomische Ebene in Amerika eine bereits bekannte Erfahrung ist.

Hinzukommt die Erosion des öffentlichen Raums. All die Anlaufstellen, wo Bürger dem Staat begegnen konnten, die Post, die Bahn, sind private Unternehmen geworden. Im öffentlichen Raum stellt sich dieser Staat zunehmend nicht mehr dar. Er ist ungreifbar und wird nur noch zu einer Gesetzgebungsmaschine. Und auch das wird immer mehr eingeschränkt, weil die Kompetenzen an überstaatliche Einrichtungen verlagert werden. Insofern erleben wir eine Krise des Politischen, und es ist nicht klar, auf welcher Ebene sich das Politische wiederherstellen kann. Gerade wir, die wir daran gewöhnt sind, in solchen Kategorien zu denken, haben besondere Schwierigkeiten damit. Wir sehen in einer forcierten Politik der Privatisierung eine Selbstabschaffung der Politik. Und das ist eigentlich die Einlösung dessen, was 68 beabsichtigt war, das langsame Absterben des Staates. Nun aber besorgt das nicht die revolutionäre Klasse, sondern es besorgt der Staat selbst. Ein Ministerium nach dem anderen wird geschlossen, und wir wissen nicht, wo wir ansetzen sollen. Denn die einzige Einwirkungsmöglichkeit, die wir als politisches Wesen haben, das sind unsere Stimmzettel.

Peter Neitzke: Das ist ein begrenzter europäischer Blick. Natürlich müssen wir von uns in Europa reden, aber gerade europäische Staaten haben immer Weltpolitik gemacht, indem sie anderen Völkern und Nationen die Autonomie raubten und ihnen das Gesetz des Handelns aufdrängten. Jetzt kommt Europa selbst in die Rolle der Opfer einer Politik, die es jahrhundertelang selbst betrieben hat. Wenn wir Inder oder Iraner wären, hätten wir dieselbe Erfahrung einige Jahrzehnte früher machen können.

Nikolaus Kuhnert: Wären wir Amerikaner, dann könnten wir die alten europäischen Erfahrungen fortleben.

Peter Neitzke: Es heißt zwar immer wieder, daß Politik und Nationalstaat nicht anders als zusammengehörig gedacht werden können. Die Herstellung des Weltmarktes war immer schon Weltpolitik, lange bevor der Globalisierungsbegriff auftauchte. – Aber zur Frage, wie heute eine Architekturzeitschrift wie ARCH+ politisch werden könnte. Zwei Beispiele. Ich erinnere an Mike Davies’ Buch ‘City of Quartz'. Davies erwähnt etwa Frank Gehrys Rolle in Los Angeles, er berichtet darüber, wie sich der Architekt für die Politik eines gegen die Lebensinteressen der großen Mehrheit gerichteten Stadtumbaus hat einspannen lassen, sozusagen als Architekt der Zitadelle (oder Paläste) gegen die Ghettos (oder Hütten). Das muß man wissen, wenn man überlegt, ob man ein für Berlin entwickeltes Projekt desselben Architekten, wie ihr das in Heft 134/135 gemacht habt, als ‘interessante’ Lösung präsentieren soll. Und man muß wissen, daß Norman Foster – Martin Pawley hat darüber berichtet, der Hinweis findet sich übrigens in Uwe Radas Buch ‘Hauptstadt der Verdrängung’ –, daß Foster maßgeblich an entsprechenden Projekten beteiligt ist, ‘World Square for all’ genannt, in Wirklichkeit ein Gebiet mit kontrollierten Zugangssperren mitten in London. Wenn man die Frage nach der politischen Rolle von Architekten stellt, braucht man sich nur ganz in der Nähe umzusehen. Was in Los Angeles seit langer Zeit praktiziert wird, ist in den Städten Europas, auch Deutschlands, längst angekommen: Segregation, Privatisierung und/oder Militarisierung des öffentlichen Raums et cetera.

ARCH+ könnte ferner die politische, soziale und ökonomische Realität der Riesenstädte des fernen Ostens unter die Lupe nehmen. Statt dessen veröffentlicht ihr in Heft 132 Rem Koolhaas’ Aufsatz ‘Generic City', druckt hinten im Heft den obligatorischen kritischen Kommentar – wieder von Hoffmann-Axthelm –, überlaßt es den Lesern, vom unglücklichen Bewußtsein eines Architekten fasziniert oder abgestoßen zu sein, aber ihr zeigt nichts, aber auch gar nichts von der Realität des Bauens in Hongkong, in Seoul, in Malaysia. Obwohl dort das Schicksal der Architekten besiegelt wird.

Sabine Kraft: Eine Anmerkung zum ersten Beispiel: Ich halte nicht soviel von der Personifizierung von Prozessen. Das ist eine sehr vordergründige politische Analyse, die die Schuld am Umbau der Städte, an Segregations- und Privatisierungsprozessen einzelnen Architekten und Stadtplanern anlastet, ganz abgesehen davon, daß solche Prozesse nicht nur gegen die Wünsche der Betroffenen stattfinden. Ich erinnere nur an den Artikel von Robert Fishman im Heft 109/110 über Sprawl, in dem er darlegt, daß das, was sich in Amerika als sogenannte disperse oder aufgelöste Stadt in großen Teilen durchgesetzt hat, eine Abstimmung mit den Füßen war. Das heißt, dort sind nicht nur entsprechende Kapitalinteressen realisiert worden, sondern auch gängige Wohn- und Lebensmodelle. Das gleiche gilt für die Zersiedelung und den Umbau der Städte hierzulande. Man denke nur an die wuchernden Eigenheim-Siedlungen, die ganz bestimmt das Herz ihrer Besitzer, aber nicht das der Architekten höher schlagen lassen.

Celebration

Joachim Krausse: In Amerika gibt es aber auch geschlossene Siedlungen ohne öffentlichen Raum und mit Gatter davor, sogenannte gated communities, die einerseits den Zweck haben, soziale Gruppen aus bestimmten Stadtbereichen zunehmend auszugrenzen, weil sie an Armut, Obdachlosigkeit erinnern, weil die Leute Angst haben und vor Kriminalisierung ihren Besitz schützen wollen, andererseits durch ihre Gestalt und ihr Erscheinungsbild eine harmonische Kommune suggerieren, obwohl sie eigentlich von ganz anderen Kräften verwaltet werden. In diesem Zusammenhang wird man feststellen, daß eigentlich Disney der harte Kern des Postmodernismus ist. Die Geschichte von Celebration verdeutlicht das. Celebration ist ja ein Plan aus den 60er Jahren, eine Art Musterstadt, die ursprünglich historisierend gedacht war, dann aber eine futuristische Wendung in der Realisierung von Epcot bekam; dort ist es aber auch eher ein historisches Modell, denn es handelt sich um die Nachahmung der Weltausstellung von 1939. Die heutige, gebaute Version ist in ihrem Erscheinungsbild wieder historisierend – im Sinne von vorindustriell –, jedoch ist bei all diesen ästhetischen Wechseln die ursprüngliche Absicht, Musterkommunen ohne Selbstverwaltung und ohne jedes Moment an Mitbestimmung herzustellen, nicht aufgegeben worden. Das Ästhetische dient hier lediglich dazu, quasi-feudale Zustände zu feiern.

Werner Sewing: Die Amerikaner brauchen politisch geladene Begriffe wie Selbstverwaltung überhaupt nicht. Celebration ist einfach ‘small town America'. ‘Community’ ist ein kaufbares Produkt, Nostalgie.

Joachim Krausse: Das sehe ich ganz anders. Disney befindet sich im Widerspruch zu den genuin amerikanischen Traditionen des Selbstverwaltungsprinzips und des Kommunitarismus, nämlich Demokratie auf der kleinsten Ebene herzustellen. Ästhetik wird in diesem Projekt funktionalisiert, um Politik abzuschaffen. Während das Erscheinungsbild suggeriert, daß die Kommune in sich funktioniert und organisch zusammenwächst, haben die Bewohner faktisch keinerlei Mitspracherecht, können noch nicht einmal einen Bürgermeister wählen, sondern die Konzernzentrale entscheidet über die ökonomischen und politischen Fragen.

Werner Sewing: Es gibt ein schönes Buch über Los Angeles von Greg Hise, ‘Magnetic Los Angeles’, das 1997 erschienen ist und in dem er nachweist, daß Los Angeles seit den 20er Jahren genau nach diesem Muster erzeugt worden ist. Das heißt, Disney hat selber wieder einen Vorläufer in der Realität, nämlich den ‘real estate' von Los Angeles oder von anderen Städten wie z.B. Kansas City. (vgl. Marc Weiss: The Rise of the Community Builders, New York 1987). An Disney kann man zeigen, daß die amerikanische Stadtentwicklung seit dem 19. Jahrhundert eine privatisierte ist, in der alle Begriffe wie öffentlicher oder privater Raum eine ganz bestimmte Färbung haben, die mit unseren Konnotationen nichts zu tun haben.

Dagegen ist Selbstverwaltung eine Idee, die früh verlorenging. Die berühmte Diskussion um Selbstverwaltung ist nach der amerikanischen Revolution zwischen den Federalists und den Anti-Federalists geführt worden. Jefferson war der letzte, der politisch versucht hat, den kommunitären Gedanken zu retten. Allerdings blieb Selbstverwaltung als politische Lebensform eine defensive Idee. Auch die Geschichte der ‘gated communities’ ist komplizierter. Sie hängt wie vieles beim ‘urban sprawl’ ganz einfach mit der Aufrüstung Amerikas im Zweiten Weltkrieg zusammen.

Der sogenannte ‘Sun Belt’ war eigentlich zunächst ein ‘Gun Belt’. Die Lobby der südlichen Staaten hatte dafür gesorgt, daß die Rüstungsgelder, die durch den Krieg mobilisiert wurden, in den Südwesten flossen. Das hat dazu geführt, daß viele Amerikaner erstmalig in ‘gated communities' lebten, nämlich die Soldaten und ihre Familien. Es sind Generationen amerikanischer Kinder in umzäunten Garnisonsstädten aufgewachsen. Und auch all die heutigen Boomstädte waren Militär- und Rüstungsstandorte. Eine heutige Boomstadt in bezug auf High-Tech und zugleich die konservativste, Colorado Springs, ist ein ehemaliger Luftwaffenstützpunkt. Gleichzeitig ist dort ein Zentrum der ‘Radical Right' mit eigenem Fernseh- und Rundfunksender. Dort dominieren Fundamentalisten, dort sind Abtreibung oder Homosexuelle tabu. Die normale amerikanische Stadtgründung ist also seit langem eine Unternehmergründung, die alles schlüsselfertig liefert, inklusive ‘community spirit' und Sheriff. Das ist die neuere und stärkere amerikanische Tradition, der Rest ist Nostalgie. Nur wir bilden uns ständig ein, das sei ein postfordistisches Phänomen.

Neue Handlungsmuster und Perspektiven

Joachim Krausse: Das Problem des Rückzugs in den privaten Raum ist damit nicht gelöst. Die vielen Formen der Privatisierung sind nicht dazu geeignet, eine Informiertheit der Mitglieder zu verstärken, eine Handlungsbereitschaft herzustellen und sich zu engagieren für Fragen, die alle angehen. Das hat nicht nur damit zu tun, wie der Raum strukturiert ist, ob das privater oder öffentlicher Raum ist, sondern das vollzieht sich ja gleichzeitig in den virtuellen Räumen. Das Problem der Privatisierung und der Monopolisierung, alte klassische marxistische Themen, kehrt wieder in Bereichen, von denen man dachte, daß sie frei davon sind. Von daher steht die Frage im Raum, wie man wieder politische Handlungsfähigkeit zurückgewinnen kann.

Ganz offenkundig müssen wir uns von den Mustern frei machen, die wir bisher kannten. Der orthodoxe Marxismus hilft uns nicht, genausowenig die Parteipolitik oder die Wahlen zum Bundestag. Ein Versprechen für neue Denk- und Handlungsmodelle kommt nun ausgerechnet aus den Naturwissenschaften. Natürlich sind diese Modelle wie z.B. die Selbstorganisation und die Vernetzung Metaphern, aber sie versprechen Handlungsfähigkeit, wo andere Ebenen der Organisation versagt haben. Im Bild der Vernetzung haben wir das Modell für spontane Selbstorganisation, d.h. ein Informiertsein der Teile über das Ganze, und das ist ein kulturelles Problem der Globalisierung.

Sabine Kraft: Aber wie werden diese neuen Denkmodelle politisch? Die vielzitierte Krise des Politischen betrifft ja nicht nur die Legitimationskrise des demokratischen Staates, sondern es erscheinen alle uns zur Verfügung stehenden Politikformen obsolet geworden zu sein. Natürlich sind z.B. die Gewerkschaften oder organisierte Bürgerproteste bei dem brutalen ökonomischen Umbau der Gesellschaft notwendiger denn je, aber das sind reine Abwehr- bzw. Verteilungskämpfe, die kein Potential zur Erneuerung in sich bergen. Ich spreche hier nicht von fehlenden Utopien, sondern nur von Problemlösungsstrategien. Jedenfalls provozieren die klassischen Bahnen der Politik eher Resignation. Ganz anders sieht es mit den neuen Denkmodellen der Naturwissenschaften aus: Sie transportieren Hoffnung, da sie es erlauben, mit neuen Fragestellungen an festgefahrene Problemfelder heranzugehen und sie damit umzustrukturieren.

Wenn das Selbstorganisationstheorem ein Erklärungsmodell für die Entstehung von Komplexität aus einfachen Strukturen ist, dann muß es auch zu neuen Erkenntnissen über den Umgang mit Komplexität führen. Wir haben z.B. bisher sehr schlecht gelernt, mit der großen Zahl umzugehen. Die Organisationsformen des Lebens haben dafür eine Vielzahl von Modellen entwickelt, die das ökologische Problemfeld zwischen den alten Polen von Herrschaft und Verzicht umstrukturieren könnten oder eine andere Sicht auf die Probleme von Mobilität, Verkehr, Tourismus usw. erlauben. Oder die Krise des Städtischen, die besteht doch nicht nur in der Zerstörung historischer Zusammenhänge und Strukturen, sondern in ihrer Auflösung in Netzwerkstrukturen, in einer neuen Beziehung von Raum und Information. Wir haben noch gar nicht richtig angefangen, das schöpferische Potential von Netzwerkstrukturen zu untersuchen – das letzte Heft beschäftigt sich übrigens damit am Beispiel des Schwarms und des Nervensystems –, aber es wird das Problemfeld Stadt völlig umstrukturieren. Ähnliches gilt für die Krise der Arbeitsgesellschaft, für den ganzen Komplex der Globalisierung. Oder wenn wir unsere physische Lebenswelt konsequent als offenes System fern vom Gleichgewicht denken, dann setzt das auch für das Bauen neue Parameter.

Durch die neuen Denkmodelle haben die linken Erklärungsmuster der ökonomischen Triebkräfte nicht ihre Gültigkeit verloren, sondern werden Teil einer übergreifenden Betrachtung, vielleicht einmal einer neuen systemischen Theorie des Lebens oder einer ‘Biologischen Ökonomie’ – und es verschwindet auch nicht plötzlich die soziale Ungerechtigkeit aus der Welt. Aber diese alten Muster sind mit dem Verlust der Utopie zur bloßen Denunziation verkommen und haben ihre politische Sprengkraft verloren, und im Zweifelsfall ist das Kapital immer innovativer. Allerdings müssen wir uns darüber im klaren sein, daß wir uns mit diesen neuen Denkansätzen bisher nur im Vorfeld des Politischen bewegen. Bezogen auf ARCH+ heißt das, daß wir dem Kulturpessimismus, der bekanntlich gerne reaktionäre Verbindungen eingeht, eine entschiedene Absage erteilen.

Wahrscheinlich bedarf es wirklich einer neuen Utopie, so wie sie in Kevin Kellys Buch ‘Das Ende der Kontrolle’ anklingt. Die Utopie einer Gesellschaft, jenseits der alten Modelle von Zentralität, Hierarchie und Kontrolle, einer Gesellschaft, in der Synergie nicht immer nur im Aufschaukeln unerwünschter Prozesse erlebt wird, in der an die Stelle von Planung und Herrschaft Steuerung und Regelung tritt und in der wir gelernt haben, uns – um Bruno Schindler zu zitieren – der Systematik des Ungefähren zu bedienen und unsere Intelligenz sich im wechselseitigen Anpassungs- und Austauschprozeß zwischen Mensch und Umgebung, Natur und Technik zeigt.

Werner Sewing: Warum brauchen wir immer das große Thema, den Gesamtgeist, der alles durchdringt? Offenkundig kommen wir von der Tradition der deutschen Romantik, dem Hegelschen Weltgeist, der die ganze Welt auf den Begriff bringt, nicht los. Einmal ist es das Kapital, dann ist es der tendenzielle Fall der Profitrate, dann sind es die Naturwissenschaften und nun die Globalisierung. Wenn man z.B. das Buch von Robert Fishman über Suburbia, ‘Bourgeois Utopias’, liest, stellt man fest, daß er rein gar nichts zum Thema Globalisierung sagt, sondern nur zur angelsächsischen Tradition von Suburbia. Er weist nach, daß Suburbia im 18. Jahrhundert in London, nämlich genau in Clapham Common, begann und daß Manchester um 1850 bereits so komplett segregiert war, daß keine Steigerung mehr denkbar ist. Das gleiche hat übrigens schon Engels beschrieben. Und alles, was Fishman zeigen will, ist ein genuin angelsächsisches Phänomen, das jetzt in Kalifornien zu sich kommt. Meinetwegen ist das ein angelsächsischer Weltgeist, aber mehr auch nicht.

Auch die Globalisierung taugt nicht als Weltgeist. Statt dessen sollten wir genau hinschauen, was in dieser Hinsicht stattgefunden hat. Tatsächlich haben wir 20 Jahre geschlafen. Wir haben gar nicht bemerkt, wie dieser globalisierte Weltmarkt geschaffen wurde. Das bedurfte konkreter politischer Maßnahmen: da mußten Zölle wegfallen, da mußten Subventionen in bestimmte Richtungen gelenkt werden, da mußte die Weltbank mit bestimmten Leuten bestückt werden, da mußten auch die EU-Kommissionen mit bestimmten Beamten besetzt werden etc. Das heißt, es wurde 20 Jahre lang handfeste Politik, auch Personalpolitik, von Leuten wie Thatcher, wie Reagan u.a. gemacht. Wir haben das nur nicht mitbekommen.

Wenn man dann noch die richtige Naturwissenschaft hat, die das begründet, völlig ahistorisch interessanterweise, dann verfüge ich endlich wieder über ein geschlossenes Weltbild, dem ich jahrelang folge und mich nachher wundere, daß der Gewinner Bill Gates heißt. Diese Art von Naivisierung, und dazu gehören auch hochintelligente naturwissenschaftliche Theorien, die naiv sind, weil sie technokratisch, eindimensional oder bloße Metaphern sind, übersehen die strukturellen Folgen von sozialen Entscheidungsprozessen wie etwa Machtpolitik. Deshalb müssen wir aufpassen. Wir müssen nicht nach der neuen Globaltheorie suchen, die es so gar nicht gibt, sondern wir müssen genau auf die Phänomene schauen: wer macht was mit welchen Interessen, und wer profitiert davon? Dies wäre eine Art von Ideologiekritik, allerdings nicht mehr marxistisch, weil nicht hinter allem das Kapital steht, aber dennoch mit kritischem Impetus.

Nikolaus Kuhnert: Wir suchen nicht nach der großen Theorie. Das ist doch genau das, was wir aus unserer eigenen Geschichte gelernt haben. Die Tragik der Studentenbewegung, die sich einer marxistischen Terminologie bediente, die jenseits ihrer eigenen Realität liegt, hast du ja selbst treffend beschrieben. Bei solchen Theorien wird der konkrete Gegenstand immer eliminiert. Das ist ein Kennzeichen aller totalitären Ansätze. Und du hast auch recht, daß damit nur die Tradition des deutschen Idealismus fortgesetzt wird: die Welt verschwindet zugunsten der Ideen oder muß an sie angepaßt werden. Deshalb ist es ja das dezidierte Bestreben von ARCH+ seit Jahren, bewußt anti-totalitär zu sein. Deshalb lassen wir uns auf die Realität von Architekten und ihrer Projekte ein, denn man muß die Wirklichkeit gegen die theoretische Erklärung behaupten, damit diese sie nicht zerstört. Die Unabhängigkeit der Theorie muß eingegrenzt sein. Aus dieser Idee resultiert unser Konzept von Themenheften. Darüber haben wir auch oft und lange mit Bruno Schindler diskutiert, der uns vorschlug, viele unterschiedliche Hefte zu machen, d.h. die Vielfalt zu inszenieren. In gewisser Weise orientieren wir uns eher an Marxismuskritikern wie Foucault, der das differentielle Verhältnis der Aussage zur Wirklichkeit thematisiert. Denn daß Aussage und Wirklichkeit kongruent seien, wird von allen traditionalistischen Theorien unterstellt. Der Begriff ist eine Aussage über die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit muß auf ihren Begriff gebracht werden.

Angelika Schnell: Aus dem gleichen Grund interessieren wir uns auch für bestimmte Entwicklungen in den Naturwissenschaften: nicht weil sie uns die alleinseligmachende Theorie liefern, sondern weil sie – bezeichnenderweise auch in den 60er Jahren – einen Paradigmawechsel durchlaufen haben, der die Realität vor die ideale Theorie stellt. In der Physik werden die ideale Theorie vom absoluten Raum und der absoluten Zeit verworfen und Reduktionismus und Universalismus als problematisch erkannt, denn zum einen lassen sich die Natur und das Leben nicht aus ihren kleinsten Bausteinen erklären, und zum anderen lassen sich die vier Naturkräfte Gravitation, Elektromagnetismus, schwache und starke Wechselwirkung der Kernkraft nicht unter einen Hut bringen. In der Mathematik war man lange Zeit geradezu stolz auf den sogenannten ‘Formalismus’ der modernen Mathematik, auf eine Selbstbezüglichkeit, die die Realität nicht mehr brauchte, um neue Theorien und Modelle zu entwickeln. Seit den 60er Jahren beginnen Mathematiker sich erneut mit der Natur und realen Prozessen zu beschäftigen, fraktale Geometrie und Fuzzy Logic sind nur ein Teil davon. Das heißt in den Naturwissenschaften nicht unbedingt, daß man sich von den alten Theorien löst, denn diese haben ihre Tauglichkeit für bestimmte Bereiche gezeigt oder sind schlicht und einfach bewiesen. Das heißt, daß man eine neue Sensibilität für Genauigkeit entwickelt hat, und das ist ja das, was Werner Sewing ständig fordert: genau hinschauen.

Realitätsnähe und Genauigkeit – ein Begriff, den Italo Calvino in seinen berühmten ‘six notes for the next millenium’ auch gebraucht –, ist meines Erachtens ein Merkmal einer bestimmten Strömung der zeitgenössischen Architektur. Nach den ebenfalls idealen und transhistorischen Theorien der Postmoderne gibt es doch eine ganze Reihe von Weiterentwicklungen in Europa, insbesondere in der Schweiz, in Österreich und auch in Holland, die vor allem von einer jüngeren Generation vertreten werden. Der Erfolg des sogenannten Neo-Minimalismus gründet meines Erachtens auf der Tatsache, daß viele dieser Architekten sich nicht mehr als Bilderproduzenten, sondern als Produzenten von Bauten verstehen, denn die Abstraktheit vieler Fassaden verhindert die bildhafte Aussage. Ich sehe in diesen Bauten aber nicht nur ein erneutes Interesse am Machen, d.h. an der Realität, sondern auch eine Suche nach Kohärenz oder einem Ende dessen, was ich zuvor Lobotomie genannt habe. Insofern gibt es sogar eine Parallele zu den amorphen, computergenerierten Projekten jüngerer amerikanischer Büros, die dort aber mehr als Abwehrreaktion auf den zuvor herrschenden Dekonstruktivismus zu verstehen sind, der ja in Europa eine nicht so große Rolle gespielt hat.

Diese Tendenz zu Genauigkeit im Machen, zu Realitätsnähe, aber auch eine gewisse Theoriefeindlichkeit – zumindest in Europa – haben wir schon vor vier Jahren mit dem Heft 118 über junge Architekten in der Bundesrepublik beobachtet, die alle ihre Projekte und Konzepte in diesem Sinne verstanden wissen wollten. Ich muß gestehen, damals hat mich das eher erschreckt, inzwischen halte ich es zumindest bei manchen für eine Strategie, sowohl naiv-euphorischen als auch defätistischen Haltungen entgegenzuwirken. Natürlich kann man es genausogut für Opportunismus, für anti-intellektuell und für den Beweis halten, daß sich die sogenannte ‘geistig-moralische Wende’ der Ära Kohl definitiv durchgesetzt hat.

Werner Sewing: Eine Schlüsselerfahrung zu diesem Thema der jungen Architekten und dem Neo-Minimalismus war für mich die Diskussion, die vor ein paar Wochen in der Berliner Akademie der Künste zur Ausstellung über Rudolf Schwarz stattfand. Auf dem Podium saßen Behnisch, Sattler und auch Zumthor. Der Saal war brechend voll, und alle Kenner der Szene sagten, 90% der Leute – die meisten jung – sind nur wegen Zumthor da. Für mich war der einzig junge Mann auf dem Podium Günter Behnisch. Ansonsten saßen da nur gestandene ältere Herren. Als Zumthor an die Reihe kam, erntete er donnernden Applaus, weil er sich dazu bekannte, lieber am Zeichentisch zu sitzen statt auf dem Podium, weil er sich selbst als Handwerker und nicht als Intellektuellen definierte. Unterschwellig hat er natürlich auch gesagt: ich bin ein großer Künstler, das wißt ihr ja alle, das muß ich gar nicht erst erwähnen. Dieser Meister der Selbstvermarktung betont angesichts einer komplexen Wirklichkeit, daß er sich auf sein Gefühl verlasse. Und das war das offenkundig gefragte Berufsbild des Architekten in diesem Saal. Wenn das dann auch noch so schön klein und schweizerisch daherkommt, dann ist das nicht gefährlich und nicht deutsch und findet Anklang. Ein demonstrativ unintellektueller Handwerker ist momentan das Idol von jungen Architekten. Was steckt da dahinter?

Joachim Krausse: Es geht um Beispiele. Die Haltung von Zumthor ist doch auch sehr verständlich. Es handelt sich wohl um eine Schutzreaktion. Die Ausblendung der Komplexität, mit der er es zu tun hat, setzt ihn nämlich erst in die Lage, ein bescheidenes Beispiel zu geben, das vielleicht irgendeinen Gedanken in Gang setzen kann, auf den andere warten. Ich glaube, es gibt hinsichtlich der Jüngeren zwei nur anscheinend widersprüchliche Phänomene: zum einen die Abwehr dessen, was das eigene Vermögen übersteigt, zum anderen – und das ist damit verträglich – die Suche nac

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