ARCH+ 224


Erschienen in ARCH+ 224,
Seite(n) 70-76

ARCH+ 224

Christian Kerez’ Kunst des Zufälligen

Von Carpo, Mario

Digitale Architektur sieht nicht mehr aus wie früher. Ab den frühen 1990er-Jahren brachten neue digitale Entwurfsansätze und Produktionsmethoden bekanntermaßen einen Stil der glatten und geschwungenen Linien und Oberflächen hervor. Es gab eine Zeit – etwa um die Jahrtausendwende –, als alles, was mittels digitaler Werkzeuge geschaffen wurde oder so wirken sollte, geschwungen aussehen musste. Dieser Stil – damals Blob, mittlerweile meist Parametrismus genannt – existiert bis heute. Zaha Hadid, die kürzlich tragisch und viel zu früh verstarb, entwickelte ihn zu beispielloser technischer und ästhetischer Virtuosität. Dennoch, die aktuellen Vertreter der digitalen Avantgarde sind mehrheitlich von diesem Erbe abgerückt. Tatsächlich erscheint der heutige digitale Stil oftmals wie dessen Gegenteil: rau statt geschmeidig, aus Einzelelementen zusammengesetzt statt aus einem Guss, unordentlich statt makellos. Eine neue Generation digitaler Gestalter schätzt zersplitterte Fragmente, hochaufgelöste Muster, spinnwebenartige Geflechte, komplexe Anhäufungen und chaotische Cluster.

Woher kommt diese neue Welle digitaler Figurationen? Die digitalen Werkzeuge für Entwurf und Produktion haben sich in den letzten 20 Jahren nicht grundlegend verändert. Der einzige Unterschied besteht, wenn überhaupt, in den verbesserten technischen Kapazitäten: Heutzutage sind Computer so leistungsstark und erschwinglich, dass selbst aufwendige Rechenoperationen sehr wenig bis fast gar nichts zu kosten scheinen. In der Folge hat sich in jüngster Zeit eine neue Datenökonomie entwickelt (man beachte den allgemeinen Medienrummel um das Konzept von „Big Data“): Bis vor etwa zehn Jahren waren Daten ein seltenes und teures Gut, mit dem sparsam umgegangen werden musste; heute scheinen Daten jederzeit verfügbar und billig – banale Verbrauchsgüter, die man gedankenlos verbraucht und verschwendet. Von der Erfindung des Alphabets bis zum Aufstieg von Google haben wir immer mehr Daten benötigt als wir hatten; heute scheint es zum ersten Mal so, als hätten wir mehr Daten als wir je benötigen werden. Diese epochale, anthropische Verschiebung von Datenknappheit hin zum plötzlichen und unerklärlichen Datenüberfluss wird bereits in den Arbeiten einiger „datenneureicher“ digitaler Gestalter sichtbar. Der Kontrast zum ersten Zeitalter des digitalen Entwerfens könnte nicht größer sein: ...

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