ARCH+ 224


Erschienen in ARCH+ 224,
Seite(n) 80-83

ARCH+ 224

Politik der Post-Repräsentation

Von Steyerl, Hito /  Jordan, Marvin

Für das DIS Magazine sprach Marvin Jordan mit der deutschen Künstlerin Hito Steyerl, die sich in ihrer Arbeit mit den sozialen und technischen Bedingungen visueller Kultur beschäftigt. Dabei verknüpft sie die Auseinandersetzung mit Fragen der ästhetischen Repräsentation mit einer Kritik der politischen Repräsentation. Steyerl führt die digitale „Bildlüge“, die auf dem Prinzip der Interpolation und Interpretation von Fehlinformation basiert, nicht allein auf technische Unzulänglichkeiten zurück, sondern setzt sie in Zusammenhang mit einer Politik, deren gleichsam vergröbernder Blick dazu führt, dass Abweichendes ausgeblendet wird.

Am Beispiel der digitalen Fotografie zeigt sie auf, dass es sich hier nicht allein um ähnliche Phänomene handelt, die in Politik und Technik gleichermaßen auftreten. Digitale Technik dient nicht nur dazu, Fehl- oder Leerstellen anhand früherer Erfahrungswerte zu interpolieren, um durch die ästhetische Spekulation über die persönliche Vergangenheit gefällige Erfahrungen zu ermöglichen. Politik und Technik fallen vielmehr zusammen, wenn Algorithmen dazu eingesetzt werden, um unerwünschte oder nonkonforme Bilder zu unterdrücken. In diesem Sinne wirkt die „Bildlüge“ – im Unterschied zu Armen Avanessians Auffassung, dass sie für die Entstehung des Incidental Space von wesentlicher Bedeutung ist, da sie in eine inhumane Zukunft weist – regressiv, wenn nicht sogar repressiv.  

MARVIN JORDAN: Ich möchte unser Gespräch mit der Würdigung des zentralen Themas beginnen, für das Ihr Werk bekannt ist – vereinfacht gesagt, die sozio-technologischen Bedingungen der visuellen Kultur. Im Anschluss daran möchte ich auf spezifische Konzepte zu sprechen kommen, die Ihren Forschungen zugrunde liegen, also Repräsentation, Identifikation, die Beziehung zwischen Kunst und Kapital usw. In Ihrem Essay mit dem Titel „Is a Museum a Factory?“ beschreiben Sie eine Art „politische Ökonomie“ des Sehens, die innerhalb zeitgenössischer Kunsträume konstituiert wird, und betonen, dass zwischen der Projektion filmischer Kunst und ihrem Publikum ein soziales Ungleichgewicht – die Ausbeutung affektiver Arbeit – herrscht. Diese Analyse veranlasst Sie zur Prägung des Begriffs „postrepresentational“, um mit neuen Formen von Politik und Ästhetik zu experimentieren. Wo liegt das Problem, wenn man heute noch unter „repräsentationellen“ Aspekten denkt, und welche Vorteile hätte der Übergang zu einem „post-repräsentationellen“ Paradigma von Kunstpraktiken, sollten wir nicht bereits bei diesen angekommen sein?

HITO STEYERL: Nehmen wir ein Beispiel: Vor einer Weile habe ich in Holland einen sehr interessanten Entwickler kennengelernt. Er arbeitete an einer Technologie für Smartphone-Kameras. Eine repräsentationelle Form, Fotografie zu denken, ist die folgende: Etwas da draußen wird mittels einer optischen Technologie repräsentiert, idealerweise durch eine indexikalische Verknüpfung. Doch die Technologie für die Smartphone-Kamera ist völlig anders. Da die Linsen winzig sind und im Grunde nichts taugen, besteht etwa die Hälfte der vom Sensor erfassten Daten aus Rauschen. Der Trick ist nun, einen Algorithmus zu kreieren, der das Bild von diesem Rauschen befreit oder eigentlich das Bild aus dem Inneren dieses Rauschens heraus definiert. ...

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!