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ARCH+ 224


Erschienen in ARCH+ 224,
Seite(n) 88-93

ARCH+ 224

Der Venedig-Raum: eine Erkundung des Inneren der Architektur

Von Frei, Hans

Der Film 2001: Odyssee im Weltraum beginnt mit einer Szene, die vor vier Millionen Jahren irgendwo in der afrikanischen Savanne spielt. „MoonWatcher“ ist der erste, der das ungewöhnliche Ding nahe der Wasserstelle entdeckt, an der seine Sippe die Nacht zugebracht hat. Es ist mit nichts vergleichbar, was er je zuvor gesehen hat. Es ist ungefähr viermal so groß wie er selbst, eine Armspanne breit und eine Fingerspanne dick. Seine Oberflächen sind schwarz, glattpoliert und stehen rechtwinklig zueinander. Für MoonWatcher und seine Sippe erscheint es von einer derart unendlichen Unwahrscheinlichkeit, dass sie misstrauisch werden und zunächst nichts damit anzufangen wissen. Erst nach einer Weile wagen sie sich näher an das Ding heran, um es zu berühren.

Wir zivilisierten Zuschauer wissen jedoch sofort Bescheid: Der quaderförmige Monolith ist ein Symbol für die technische Entwicklung der Menschheit. Tatsächlich beginnt Moon-Watcher, kaum hat er das ungewöhnliche Ding berührt, auch den abgenagten Knochen in seiner Hand mit neuen Augen zu betrachten. Er stößt dabei auf etwas, das Martin Heidegger als die „Um-zu-Struktur“ eines Dings bezeichnet, nämlich, dass der Knochen in seiner Hand dazu gebraucht werden könnte, um die allgemeinen Lebensbedingungen seiner Sippe zu verbessern oder die Herrschaft über andere Sippen zu erlangen. Nach ersten erfolgreichen Einsätzen als Werkzeug respektive als Waffe wirft Moon-Watcher den Knochen triumphierend in die Luft. Die Kamera folgt dem Knochen, verliert ihn aus dem Blickfeld, holt ihn wieder ein, als er langsamer wird und den Höhepunkt seiner Flugbahn erreicht. Dann folgt der berühmteste match cut der Filmgeschichte: Die Flugbahn des Knochens wird von einem Raumschiff fortgesetzt, das majestätisch durch den Weltraum gleitet.

Mit diesem Schnitt fasste Stanley Kubrick die Geschichte von vier Millionen Jahren technischer Entwicklung zusammen: Aus Knochen wurden Werkzeuge, aus Werkzeugen Maschinen, aus Maschinen schließlich umfassendere technologische Systeme wie Raumschiffe. Heideggers „Um-zuStruktur“ wurde im Zuge dieser Entwicklung nicht nur auf alles und jedes angewendet, man erweiterte sie zudem auch auf die technische Simulation menschlicher Lebensbedingungen. Nicht ohne Grund ist häufig von Technik die Rede, wenn über räumliche Qualitäten gesprochen wird. Selbst Mies van der Rohe, Buckminster Fuller, Greg Lynn oder Philippe Rahm, um nur einige Architekten zu nennen, die für die Entwicklung neuer räumlicher Konzepte bekannt sind, verdanken ihren Ruf zu einem großen Teil technischen Erfindungen.

Aus dieser Perspektive ist das Raumschiff mehr als nur ein Fahrzeug, um ins Weltall zu reisen. Es ist auch, wie Peter Sloterdijk im dritten Band seiner Pluralen Sphärologie ausführlich darlegt, ein Modell für den architektonischen Raum. ...

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