ARCH+ 224


Erschienen in ARCH+ 224,
Seite(n) 94-99

ARCH+ 224

Hyperobjekte

Von Morton, Timothy

Hyperobjekte legen Interobjektivität offen. Das Phänomen, das wir Intersubjektivität nennen, ist lediglich ein lokaler, anthropozentrischer Fall eines wesentlich verbreiteteren Phänomens, nämlich dem der Interobjektivität. Damit meine ich nun gerade nicht etwas der Intersubjektivität Vorgängiges oder etwas unter oder hinter ihr Befindliches. Vielmehr sollten wir Intersubjektivität als einen Spezialfall von Interobjektivität betrachten, mit dem Menschen vertraut sind. Mit anderen Worten: „Intersubjektivität“ ist eigentlich menschliche Interobjektivität, umgeben von Linien, die nicht-menschliche Akteure ausschließen.

Wir werden feststellen, dass sämtliche Entitäten, welcher Art auch immer, in einem interobjektiven, von mir an anderer Stelle als „Geflecht“ (mesh) bezeichneten System miteinander verbunden sind. Ein Geflecht besteht aus Beziehungen zwischen sich wiederholt kreuzenden Maschen und aus den Lücken zwischen diesen Maschen. Geflechte sind wirkmächtige Metaphern für die seltsame Vernetzung von Dingen, eine Vernetzung, die keine perfekte, verlustfreie Übertragung von Informationen zulässt, sondern vielmehr eine, die voller Lücken und Abwesenheiten ist. Wird ein Objekt geboren, ist es augenblicklich mit anderen Objekten in dem Geflecht verflochten. Heidegger nennt dieses Geflecht den „Zeugzusammenhang“ – beide Begriffe haben in etwa dieselbe metaphorische Herkunft. Ontologisch vom Standpunkt der objektorientierten Ontologie (OOO) aus gesprochen, erstreckt sich das Geflecht nicht unter den Dingen, sondern gleitet „auf“ beziehungsweise „vor“ den Dingen.

Ein Geflecht besteht, wie erwähnt, aus Maschen, aber auch aus Lücken zwischen diesen. Diese Maschen und Lücken sind das, was Kausalität möglich macht, wenn wir Kausalität auf eine erweiterte Weise denken, die auch das umfasst, was ich Übersetzung genannt habe. Ein MP3 ist eine stark perforierte Version eines Klangs, ein JPEG ist eine stark perforierte Version eines Bildes. Jedes Objekt weist ein Maschenwerk auf, das mehr oder weniger perforiert, mehr oder weniger regelmäßig ist. Es sind gerade die Lücken sowohl zwischen als auch in den Dingen, die Entitäten fassbar machen.

Diese Tatsache beeinflusst unser Verständnis von Kausalität nachhaltig. Die kausale Dimension ermöglicht es, dass Dinge geschehen und nicht geschehen. Geboren zu werden und zu sterben, ebenso wie fortzubestehen, bedeutet eine Art Verzerrung des Geflechts, die man, mit ausreichend sensiblen Instrumenten, im ganzen Geflecht spüren könnte. Gravitationswellen-Detektoren in Illinois sind inzwischen imstande, jene Wellen zu entdecken, die von Objekten zum Zeitpunkt des Beginns des bekannten Universums ausgesandt wurden. Die bisher empfangenen Informationen sind auf seltsame Weise periodisch, als seien sie gepixelt, so wie die regelmäßige Abfolge von Löchern in einem industriell hergestellten Maschendraht. Passenderweise hat im Englischen das Wort mesh (Masche) etymologische Verbindungen sowohl zu mass (Masse) als auch zu mask (Maske), das heißt, zu dem Gewicht einer Sache und zu ihren illusionistischen Eigenschaften (Eigenschaften, die, wie ich hier kurz erörtere, einen kausalen Wirkungsbereich haben). ...

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