ARCH+ 224


Erschienen in ARCH+ 224,
Seite(n) 100-107

ARCH+ 224

Über das Finden von Objekten und des Selbst im Raum

Von Widrich, Mechtild

Die Architekturgeschichte beginnt, von Vitruv bis zu Marc-Antoine Laugier, gerne mit der Hütte: ein geschützter Innenraum und eine scharf definierte Grenze zwischen dem natürlichen und dem menschengemachten Raum – eine schutzverheißende begriffliche Grenze. Selbst wenn die Konzeptionen dieser Grenze absolut visionär und objektlos sind wie in Claude-Nicolas Ledoux’ Ausführungen zu einem „Haus für den Armen“, greifen sie mit dem bekannten Topos der Kuppel die vorgegebenen offenen Formen von Himmel und Erde auf: „Nun, dieses enorme Universum, das dich in Erstaunen versetzt, ist das Haus des Armen, es ist (auch) das Haus des Reichen, den man entblößt hat; seine Kuppel ist das blaue Gewölbe“.

Diese Tendenz, mythisch zu denken, den effizienten Entwurf und das sichere Obdach mit dem sentimentalen Schutzraum des elterlichen Heims, wenn nicht sogar mit dem metaphysischen Schutzraum eines wohlgeordneten, von Gott bestellten Universums gleichzusetzen, hat die Präsenz in der Architektur zu einem zentralen und zugleich in frustrierender Weise unfassbaren Begriff werden lassen. Einerseits sagt dieser Terminus zweifelsohne, trotz all seiner Unfassbarkeit und Mehrdeutigkeit, etwas über unsere Stellung und unsere Seinsweise in der Welt aus. Andererseits überlagert sich seine ausgeprägte Tendenz, zu einem mythischen Talisman, einer dunkel verspürten Quelle ästhetischer und moralischer Autorität zu werden, leicht mit ähnlich normativ gerichteten architektonischen Konzepten: dem Sein, dem Werden, der Tektonik, dem Ereignis. Gleich ob dauerhaft oder ephemer – dies sind allesamt Ideale, die von Architekten und Theoretikern beschworen wurden, um das Bauen oder die Raumproduktion in einer bestimmten Form zu rechtfertigen. Kann man sich dem Begriff der Präsenz in der Architektur in einer nicht-mythischen Weise nähern?

Architektur als „Raumgestalterin“ (so August Schmarsow) scheint wie die Kunst am besten befähigt, Prozesse der An- und Abwesenheit, des Enthüllens und Verbergens, Prozesse also, die unser Dasein im Raum bewusstmachen, zu untersuchen. Und manchmal tut sie es tatsächlich: Christian Kerez’ Incidental Space auf der Architekturbiennale Venedig 2016 ist in vielerlei Hinsicht ein Raumexperiment, aber er ist auch eine Art von wissenschaftlicher Untersuchung, die durch Techniken des Abgusses und der computergestützten Übersetzung Raum geworden ist. Der Incidental Space erlaubt es uns, in das komplexe Spannungsfeld vorzudringen, das zwischen der visuellen und körperlichen Wahrnehmung herrscht: zwischen dem Raumeindruck und dem Bewohnen desselben sowie zwischen Präsenz als Gegenwart und Präsenz als unvorhersehbarer, überraschender, nicht entzifferbarer Moment, der eine Selbstreflexion auslöst. ...

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!