ARCH+ 226

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Erschienen in ARCH+ 226,
Seite(n) 2-4

ARCH+ 226

Editorial

Von Ngo, Anh-Linh

Nach über 30 Jahren kehrte ich für dieses Heft erstmals in mein Geburtsland zurück. Jenes Land, das sich als Präfix eines Krieges in den Sprachgebrauch eingenistet hat. Jener Krieg, vor dessen politischen Folgen meine Familie floh, als ich noch ein Kind war. Als Flüchtlingskind kam ich vor 33 Jahren nach Deutschland, als „Kontingentflüchtling“, wie es damals im schönsten Bürokratendeutsch hieß. Über diese Wortschöpfung wären heute viele froh, sind doch (Ober-)Grenzen wieder en vogue.

Angesichts der spürbaren Verschiebungen und Relativierungen, die die Globalisierung mit sich bringt, sehnen sich viele Menschen wieder nach festen Grenzen und klaren kulturellen Identitäten. Der gegenwärtige Auftrieb „identitärer Bewegungen“ ist ein Zeichen dafür. Wir leben in Zeiten, die bestimmt sind von Angst – Angst vor Überfremdung, vor dem Verlust der „eigenen“ Kultur. In diesem Kontext könnte man die beiden Ausgaben über Vietnam, von denen dies die erste ist, aus der individuellen Perspektive des Migranten als eine klischeehafte Suche nach den eigenen Wurzeln und aus politischer Sicht als Versuch einer lokalen Identitätskonstruktion missverstehen. Doch gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen politischen Krise sind beide Hefte explizit als die Suche nach einem Ausweg aus den Kulturalisierungsfallen zu verstehen, die derzeit überall lauern. Um hier die Hauptaussage vorwegzunehmen: Identität ist kein Nullsummenspiel, bei dem sich das „Fremde“ und das „Eigene“ gegenseitig verdrängen.

Vietnam ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Dichotomie von „Fremdem“ und „Eigenem“ nicht verfängt. Denn es stellt sich die Frage, welche Identität gemeint ist, wenn wir uns die Vielzahl von Einflüssen vor Augen führen, die die zeitgenössische vietnamesische Kultur formen. Sprechen wir von dem komplexen Kulturraum Indochinas, der im Schnittpunkt der beiden prägenden Kulturen Asiens, der indischen und chinesischen liegt? Oder von den europäischen Einflüssen, die seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts in Vietnam präsent sind? Meinen wir die französische Kolonisierung, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts tiefe Spuren hinterlassen hat? Oder die amerikanische Popkultur, die trotz des traumatischen Krieges ihre Anziehungskraft nicht verloren hat? Und was ist mit der kommunistischen Ideologie, die seit dem Sieg des Nordens in ganz Vietnam nominell vorherrscht? Vom Kapitalismus ganz zu schweigen, der seit der Đổi mới- Politik, den Reformen der 1980er-Jahre, neben dem Sozialismus existiert?

Diese unübersichtliche Gemengelage produziert eine ausgeprägt hybride Kultur. Entsprechend stellt die französische Kunsthistorikerin Caroline Herbelin in ihrer differenzierten Analyse der französischen Einflüsse auf die vietnamesische Architektur fest: „Authentizität zählt wenig.“ Was zählt, sind stattdessen Formen der Hybridisierung. Herbelins Beitrag macht bewusst, wie Gesellschaftliches und Materielles ineinandergreifen: Die Stärke hybrider Gegenstände liege darin, dass sie die Wahl ihrer Bezugspunkte offen lassen und dadurch neue Formen der Identifikation und Veränderung ermöglichen. Mit ihren Aussagen leiten wir das Heft programmatisch ein: „Ist es unter diesen Bedingungen noch möglich, die Hybridisierungen […] als Verlust gegenüber der ursprünglichen Identität zu verstehen?“

Wie jegliche Form von Wissen, wird auch Kultur reicher, nicht ärmer, je mehr Neues sie aufnimmt, zweckentfremdet, sich anverwandelt und zu eigen macht. Sie verliert ihre Wurzel nicht, wenn sie sich für andere Kulturen öffnet, im Gegenteil: Das Wurzelwerk verzweigt sich, wird, um im Bild zu bleiben, dichter. Eine lebendige Kultur bezieht ihre Kraft nicht aus der Behauptung einer vermeintlichen Authentizität, sondern aus ihren rhizomatischen Verzweigungen. Seit Deleuze und Guattari wissen wir, dass Rhizome geeignetere Beschreibungsmodelle der postmodernen Welt sind: Ihre unhierarchische Struktur ist offen für Querverbindungen und Veränderungsmöglichkeiten. In diesem Denkmodell ist das Ganze immer weit mehr als die Summe seiner Teile.

Bei der Recherche in Vietnam traf ich auf viele vertraute architektonische Ansätze, mit denen sich die ARCH+ in den letzten Jahren beschäftigt hat, seien es das Soziale Bauen und der Rückbezug auf lokale Traditionen wie in Think Global, Build Social! (ARCH+ 211/212), die Beschäftigung mit typologischen Fragestellungen wie in Hardcore Architektur (ARCH+ 214/215) oder die Auseinandersetzung mit dem Alltäglichen als Entwurfsansatz in Normcore (ARCH+ 220). Trotz mangelnder Möglichkeiten des internationalen Austausches aufgrund von Sprachbarrieren und eingeschränkter Reiseoptionen bewegen sich die jungen vietnamesischen Architekt*innen in einem globalen Bezugsrahmen, der mittels des Internets eher visuell als diskursiv funktioniert. Wir haben es mit einer stillen Avantgarde zu tun, der wir mit den beiden Ausgaben eine Stimme geben.

Die Entwurfsansätze der vorgestellten Büros entstehen in der Auseinandersetzung mit aktuellen sozialen Problemen und lokalen kulturellen Praktiken. Sie sind in ihren Ergebnissen spezifisch, ohne ihre universalen Grundprinzipien zu verleugnen. Auf der Suche nach einem zukunftsfähigen Weg wendet sich diese Avantgarde wieder heimischen Materialien, traditionellen Bauweisen und Typologien zu, um Alternativen zum Einsatz fehleranfälliger und teurer Technik anzubieten.

So gewinnen die ausgewählten Projekte denn auch einen Großteil ihrer Ausdruckskraft aus der Auseinandersetzung mit den klimatischen Bedingungen, der landschaftlichen Einbettung oder dem urbanen Kontext. Davon zeugen nicht zuletzt die Projekte von Hoàng Thúc Hào von 1+1>2 oder von Võ Trọng Nghĩa: ersterer wurde mit sozialen Projekten bekannt, während letzterer mit seinem Konzept House for Trees einen radikalen Ansatz für die Umweltprobleme in den Städten entwickelte. Võ Trọng Nghĩa, der in Japan studiert und dort erste Praxiserfahrungen gesammelt hat, ist der am stärksten international ausgerichtete Protagonist der Szene.

Ihre Zeitgenossenschaft beziehen die präsentierten Projekte zum einen aus dem freien Umgang mit vorgefundenen Traditionen, zum anderen aus konkreten Alltagspraktiken. Auf diese Weise verorten die Architekten ihre Entwürfe, ohne dabei kulturalistisch zu argumentieren. Doch auch internationale Einflüsse wie etwa von Anna Heringer, Diébédo Francis Kéré oder der japanischen Architektur fließen in ihre Arbeit ein. Damit stellen sie sich in einen globalen Denkzusammenhang, ohne an spezifischer Ausdrucksweise zu verlieren. Genau daran wird das zweite Heft anknüpfen und die vietnamesische Architektur als Teil einer globalen Kultur diskutieren. Sich als Teil einer gemeinsamen Kultur zu begreifen heißt, sich voneinander anregen zu lassen, voneinander zu lernen. Was könnten wir von der vietnamesischen Architektur lernen? So viel sei schon einmal verraten: Die Einfachheit im Detail, um die Architektur wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Dass Technik nicht unbedingt die beste Lösung im Umgang mit dem Klima darstellt, mag folgende Anekdote vermitteln: Was geschieht, wenn es durch die einfach detaillierten Öffnungen des Binh Thanh Hauses von Võ Trọng Nghĩa hinein regnet? Shunri Nishizawa, der als ehemaliger Partner von Võ Trọng Nghĩa den Entwurf betreut hat und nun selbst das Haus bewohnt, antwortete mit entwaffnender Gelassenheit: "Was soll schon passieren? Ich wische einmal durch und schon ist alles wieder in Ordnung."

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