ARCH+ 226


Erschienen in ARCH+ 226,
Seite(n) 16-23

ARCH+ 226

Hybridisierung und „Imitation“

Von Herbelin, Caroline

Wie wirkt sich die Kolonisation auf die materielle Kultur aus? Bringt die koloniale Begegnung eigene Objekte hervor? Kolonisierung bedeutet auch keinen abrupten Bruch, in dessen Folge aus der Verschmelzung der Kulturen des Kolonisators und des Kolonisierten eine hybride „dritte Kultur“ entsteht. Die Indochinesische Halbinsel war schon lange vor der französischen Eroberung ein Ort des Austausches. Als einen „Schmelztiegel“ der Künste bezeichnet sie der Kunsthistoriker Bernard-Philippe Groslier. Indochina erscheint ihm „als eine geöffnete Hand, die der asiatische Kontinent dem Pazifischen Ozean entgegenstreckt“ . Der kulturelle Kontakt zu Frankreich fügt sich also in eine lange Tradition von Austauschbeziehungen ein, die damit nicht beendet werden, wie die fortgesetzten Anleihen aus der chinesischen Kultur zeigen. Auch wenn diese Entlehnungen ihrerseits aus Hybridisierungen hervorgegangen und damit nicht immer leicht zu erkennen sind, ist der in der chinesischen Diaspora verbreitete „Komprador“-Stil unbestreitbar genauso wichtig für das Verständnis der neoklassizistischen Schmuckelemente an den Bauten der Geschäftsstraßen von Hanoi und Saigon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie die Beaux­ Arts-Architektur der öffentlichen Gebäude der Dritten Republik in Frankreich.

Wir haben es also nicht mit einem in sich abgeschlossenen, in den eigenen Traditionen erstarrten Land zu tun, das erst durch die Kolonisation für äußere Einflüsse „geöffnet“ wird. Natürlich wird mit dieser Feststellung nicht geleugnet, dass die koloniale Begegnung immensen Einfluss auf die gebaute Umwelt hatte, aber sie fordert dazu auf, sich mit den historischen Bedingungen dieser Veränderung auseinanderzusetzen. …

 

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