ARCH+ 226


Erschienen in ARCH+ 226,
Seite(n) 30-41

ARCH+ 226

Den globalen Sozialismus aufbauen: Zur Geschichte der DDR-Stadtplanung in Vinh

Von Schwenkel, Christina

Die Stadt Vinh im nördlichen Zentralvietnam ist meist nur ein Zwischenstopp für Reisende, die sich auf dem Weg von der einstigen Königsstadt Huế in die Hauptstadt Hanoi befinden. Ausländischen Touristen, die auf der Suche nach Vietnams exotischen und historischen Attraktionen sind, hat der Ort, der in der Provinz Nghệ An, der Heimat von Hồ Chí Minh liegt, wenig zu bieten. In Reiseführern wird Vinh wegen seines gesichtslosen Stadtbildes, mit langen Reihen baufälliger Häuser, sogar als „hässlichste Stadt“ Vietnams geführt.

Reisende nehmen oft irrtümlich an, dass der große Wohnkomplex im Zentrum der Stadt ein sowjetisches Projekt sei – es war aber die DDR, die nach dem Ende der amerikanischen Luftangriffe das Material und die technische Unterstützung für den Bau der Wohnanlage Quang Trung beisteuerte. Bevor Verfall und Niedergang einsetzten, verhalf diese Aufbauhilfe der Stadt Vinh – ihrem heutigen Image zum Trotz – zum Status einer sozialistischen Modellstadt.

Die Rolle von Architektur und Stadtplanung als „kulturelles Schlachtfeld“ des Kalten Krieges beschäftigt die Forschung bereits seit Längerem. Die berühmte „Küchendebatte“, die Chruschtschow und Nixon bei einem gemeinsamen Ausstellungsbesuch in Moskau über die jeweiligen Vorzüge der beiden Gesellschaftsordnungen führten, zeigte, wie sich die Konkurrenz-Logik des Kalten Krieges bis in die privaten Bereiche des Wohnens und der Gestaltung auswirkte. Weniger bekannt ist jedoch, wie solche ideologischen Konflikte jenseits der europäischen Fronten gerade auch in den sozialistischen Entwicklungsländern wie Vietnam ausgefochten wurden, die in antikolonialen Kämpfen um ihre Unabhängigkeit rangen.

Transnationale Technologietransfers zum Zeitpunkt der Entkolonialisierung haben zu einer radikalen Veränderung der afrikanischen und asiatischen Städte geführt – aber bis heute gibt es nur wenige Untersuchungen zu deren sozialen und architektonischen Folgen.

 

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