ARCH+ 226

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Erschienen in ARCH+ 226,
Seite(n) 196-197

ARCH+ 226

Häuser für Menschen und Bäume

Von Võ, Trọng Nghĩa

Gegenwärtig leben mehr als sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten, und ihre Zahl steigt täglich. Das anhaltende Bevölkerungswachstum hat gravierende Auswirkungen auf die asiatischen Länder der tropischen Klimazone. Vietnam ist diesbezüglich keine Ausnahme und hat mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, die durch das Bevölkerungswachstum und den Klimawandel verursacht oder verstärkt werden. Bereits heute kommt es häufig zu Überschwemmungen, und zwar nicht nur in ländlichen Gebieten, sondern auch in Ballungsräumen wie Ho-Chi-Minh-Stadt. Naturkatastrophen wie Taifune, Dürren und eine Versalzung der Böden werden künftig weiter zunehmen. Sollte der Meeresspiegel um einen Meter ansteigen, so werden Hochrechnungen zufolge 40 Prozent des Mekong-Deltas dauerhaft überflutet – eine der größten Reis produzierenden Regionen der Welt. So können diese Probleme auch zu schweren Nahrungsmittelkrisen führen, die in engem Zusammenhang mit der Zerstörung der Umwelt durch den Menschen stehen.

Vietnam hat derzeit mehr als 90 Millionen Einwohner – diese Zahl wird bis 2020 auf knapp 100 Millionen ansteigen. Das Bevölkerungswachstum zieht eine Vielzahl akuter städtischer Probleme nach sich. In Ho-Chi-Minh-Stadt, der bevölkerungsreichsten Stadt des Landes, kommen auf 7,8 Millionen Einwohner mehr als 4,2 Millionen Motorräder. Diese Masse sorgt für immense Verkehrsstaus und eine erhebliche Luftverschmutzung, an deren Folgen viele Menschen sterben. Trotz dieses hohen Preises für den vermeintlichen Fortschritt greift die Motorisierung weiter um sich: Das Fahrrad wurde bereits durch das Motorrad verdrängt, das wiederum schon bald durch das Auto ersetzt werden wird. Auch die Architektur verschärft  die Situation, der Energieverbrauch für Klimaanlagen steigt erheblich. Wenn die Einwohner tropischer Länder mehr und mehr in die Abhängigkeit von Autos und Klimaanlagen geraten, werden die natürlichen Ressourcen der Erde bald erschöpft sein.

Im Zuge der Urbanisierung haben die Städte in Vietnam einen Großteil ihrer Vegetation eingebüßt: In Ho-Chi-Minh-Stadt etwa beträgt der Flächenanteil der Parks, Gärten und Grünstreifen nur noch 535 Hektar, was gerade 0,25 Prozent der gesamten Stadtfläche ausmacht. Die Beziehung zu ihrer ursprünglich üppigen tropischen Umwelt wurde verbaut. So überrascht es nicht, dass die junge Generation den Bezug zur Natur inzwischen vollständig verloren hat.

Nun lässt sich der Mensch nicht davon abhalten, ein Leben in materiellem Reichtum anzustreben. Die zunehmende Urbanisierung und der Fortschritt scheinen unaufhaltsam. Fahren wir jedoch weiter so fort wie bisher, steht der Planet bald irreversiblen Veränderungen gegenüber. Daraus ergibt sich eine ganz wesentliche Aufgabe, die Architekten heute zu bewältigen haben: Als Planer der zukünftigen Lebenswelt stehen auch und gerade sie in der Verantwortung, die Naturräume der Erde zu erhalten oder sie ihr zurückzugeben; sei es als Aktivisten für den Umweltschutz oder durch die Integration von Pflanzen in die Architektur.

Grüne Architektur kann den Menschen wieder ein Gefühl für die Natur vermitteln und durch die Berücksichtigung der natürlichen Kräfte von Sonne, Wind und Wasser auch das städtische Leben verbessern. In den letzten Jahrzehnten ist die Frage der Energieversorgung angesichts der Endlichkeit fossiler Energieträger und der mangelnden Sicherheit der Atomkraft zu einer weltweiten Herausforderung geworden. Für Entwicklungsund Schwellenländer ist es geradezu unabdingbar, natürliche Energiequellen zu nutzen und so nicht nur die Kosten zu reduzieren, sondern auch die Auswirkungen des menschlichen Fortschritts auf die Umwelt zu minimieren. Insbesondere in tropischen Ländern ist ein komfortables Leben auch ohne Abhängigkeit von umweltschädlichem Energieverbrauch möglich. Gerade angesichts der instabilen Stromversorgung ist es zukunftsgerichtet und pragmatisch, Architektur so zu entwickeln, dass sie im Wesentlichen autark sein und auch bei Stromausfällen ihre Funktion erfüllen kann. Länder wie Vietnam bieten dank ihres tropischen Klimas mit hohen Temperaturen und ganzjährigem Niederschlag ideale Voraussetzungen dafür.

Tropische Länder blicken auf eine Geschichte zurück, in der man im Einklang mit der Natur lebte. Aufgrund der begrenzten Flächenressourcen in den Städten ist es an der Zeit, die Architektur selbst als Teil der vegetativen Umwelt zu begreifen. Wenn es uns heute und in Zukunft gelingt, eine wahrhaft grüne Architektur zu entwickeln, können wir den Grünflächenanteil der Städte um ein Vielfaches steigern und einen neuen Einklang zwischen Architektur und Natur herstellen: Wir brauchen Häuser für Menschen und Pflanzen.

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